Gut für Stadtwerke: Regionalisierung, Autarkie und Versorgungssicherheit rücken in der ökonomischen Debatte wieder in den Vordergrund.

Gut für Stadtwerke: Regionalisierung, Autarkie und Versorgungssicherheit rücken in der ökonomischen Debatte wieder in den Vordergrund.

Bild: © Nokhoog/AdobeStock

ZfK: Herr Apfel, die Corona-Pandemie hat die Wirtschaft fest im Griff, die Unsicherheit bleibt groß. Auch wenn die Energiewirtschaft bisher relativ glimpflich davongekommen ist: Nimmt der Kostendruck auf die Branche weiter zu?

Steffen Apfel: Ganz klar: Ja. Zunehmende Markt-, also auch Preistransparenz im Endkundensegment verstärkt den Wettbewerb weiter. Er wird letztlich auf der Kostenseite entschieden. Dies zwingt die Unternehmen zu Investitionen in die Digitalisierung, also in die Automatisierung von Geschäftsprozessen. Zudem muss die Branche weiterhin in die Energiewende investieren.

Die Unternehmen könnten die Investitionen vorübergehend herunterfahren.

Nicht ohne an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Die Investitionsmittel müssen operativ erwirtschaftet werden, zudem gilt es, die Ausschüttungsanforderungen der Gesellschafter zu erfüllen. Es bleibt also spannend in der Branche.

In welchen Wertschöpfungsketten der Energieversorger sehen Sie den stärksten Kostensenkungshebel?

Im Vertrieb. Hier forcieren Unternehmen derzeit vor allem Kostendegressionseffekte. Wenn sie mehr Kunden automatisiert, also digital, bearbeiten, profitieren sie von Mengenvorteilen. Diese können sie sich am schnellsten über Zukäufe verschaffen. Die schon vor der Corona-Pandemie angelaufene Konsolidierung im Energievertrieb dürfte sich deshalb verstärkt fortsetzen. Wir betreuen als M&A-Berater derzeit den sechsten Verkauf eines Energievertriebsportfolios binnen 12 Monaten. 

Steffen Apfel ist Partner bei PwC und im Bereich Deals für den Energiesektor verantwortlich. Quelle: PwC

Im Verlauf der Corona-Krise hat die Globalisierungs- und Kapitalismuskritik deutlich zugenommen. Privatisierungen von Stadtwerken dürften auf längere Sicht kein Thema mehr sein, oder?   

Genauso sehe ich es auch. Denn Regionalisierung, Autarkie und Versorgungssicherheit rücken wieder in den Vordergrund. Auch der Einfluss der öffentlichen Hand auf die Wirtschaft wird stärker.   

Allerdings werden kommunale Eigentümer als finanzielle Unterstützer unsicher, weil sie infolge der Coronakrise spürbar weniger Steuern einnehmen. Wie sollen Stadtwerke nun die nötigen Investitionen stemmen?

In der Tat müssen die Stadtwerke immense Herausforderungen stemmen: allen voran die Umwelt schonen, die Wärmeerzeugung dekarbonisieren und Geschäftsmodelle transformieren. All das kostet Geld. Deshalb wird projektbezogenes Privatkapital zunehmend interessant. 

In jüngster Zeit sind Finanzinvestoren wie Ardian oder First State bei größeren kommunalen Energieversorgern wie EWE und MVV Energie eingestiegen. Kommt da noch mehr?

In Form von Co-Investments kann ich mir das vorstellen. Denn Energieversorger sind auch in Krisenzeiten sichere Investments mit Rendite und bieten zudem Effizienzpotenzial, das sie allmählich zu heben beginnen. Ja, Energieversorger bleiben attraktiv als Partner und grundsätzlich auch als Investitionsziel.

Stichwort Effizienzpotenzial: Da kommen wir nochmal zur Digitalisierung von Geschäftsprozessen, die der Coronavirus in vielen Unternehmen beschleunigt. Sind die Stadtwerke darauf vorbereitet und verfügen sie über die notwendigen Ressourcen?

Sagen wir so: Die Corona-Krise hat digitale Lösungen erzwungen, die funktionieren. Auch bei Stadtwerken. Dadurch dürfte der Mut, smarte digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln, weiter steigen. Allerdings fehlt es hierbei teilweise an internen Ressourcen. Deshalb dürften Kooperationen innerhalb der Branche, mit Privatunternehmen auf Projektebene, aber auch Beteiligungen an Start-ups zunehmen. 

Wohin könnte ansonsten die Reise bei den Stadtwerken gehen? Wieder hin zu einer stärkeren Konzentration auf das Kerngeschäft?

Davon ist auszugehen – wiederum auch infolge des Drucks zur Kosteneffizienz. Kosteneffizienz gelingt auch durch Komplexitätsreduktion, etwa in Beteiligungsportfolien. Der Managementfokus wird perspektivisch stärker auf dem Kerngeschäft liegen; die Aufmerksamkeit zum Beispiel für Minderheitsbeteiligungen ohne strategischen Mehrwert dürfte hingegen weiter abnehmen. 

Was könnte mit solchen Minderheitsbeteiligungen passieren?

Sie könnten verkauft oder durch intelligente Swaps von Finanz- in operative Beteiligungen gewandelt werden. Dies kann auch mit einer Anpassung von Geschäftsmodellen einhergehen – unter anderem durch Konzentration im Vertrieb auf das bei Stadtwerken auch in der aktuellen Krise stabile B2C-Geschäft. 

Das Interview führte Klaus Hinkel

Foto Steffen Apfel: © PwC

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