Jan Müller, DKB: "Neu seit der Energiekrise ist unser Fokus auf das Beschaffungsmanagement der Versorger".

Jan Müller, DKB: "Neu seit der Energiekrise ist unser Fokus auf das Beschaffungsmanagement der Versorger".

Bild: © DKB

Beim Thema Finanzierung der Wärmewende steht die gesamte Branche vor gewaltigen Herausforderungen. Nach Schätzungen des VKU müssen bis 2030 rund 43,5 Milliarden Euro in den Ausbau der Fernwärme investiert werden, um den Anteil erneuerbarer Energien und unvermeidbarer Abwärme auf 50 Prozent zu erhöhen. Um diese Summen zu stemmen, sind die meisten Energieversorger auf Fremdkapital und Fördermittel angewiesen. Es gibt aber auch andere Finanzierungsmodelle, sagt Jan Müller, Teamleiter Energie und Versorgung bei der Deutschen Kreditbank (DKB) im Interview mit der ZfK.

Herr Müller, mit dem Fortschritt der kommunalen Wärmeplanung dürfte der Kapitalbedarf erheblich steigen. Wie wollen Sie dieses Kapital mobilisieren?

Das Geschäftsmodell der DKB steht auf zwei Säulen: Geschäftskunden und Privatkunden. Beide ergänzen sich in Einlagen und Kreditvergabe. Darüber hinaus nutzen wir weitere Instrumente der Refinanzierung. Aktuell haben wir im Segment Energie und Versorgung ein Kreditvolumen von 10 Milliarden Euro. Angesichts der anstehenden Investitionen – besonders im Zusammenhang mit der Wärmewende und Stromwende – erwarten wir eine Steigerung um etwa ein Drittel in den nächsten Jahren.

Auch bei den erneuerbaren Energien sehen wir ein enormes Wachstum. Unser Kreditvolumen liegt derzeit bei etwa 14 Milliarden Euro, damit sind wir die größte Finanzierer erneuerbarer Energien in Deutschland. Wir gehen von einer deutlichen Steigerung von bis zu 75 Prozent des Kreditvolumens in den nächsten Jahren aus. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, haben wir in den letzten Jahren gezielt mehr Personal geschult, insbesondere in den Bereichen Erneuerbare Energien und Stadtwerke.

"Bankkredite allein werden nicht ausreichen, um die Energiewende zu finanzieren."

Reichen diese Instrumente für die Wärmewende?

Bankkredite allein werden nicht ausreichen, um die Energiewende zu finanzieren. Die Kreditvergabe lässt sich nicht unbegrenzt skalieren – weder auf Seite der Bank noch beim Stadtwerk. Kredite werden ein Kernbestandteil der Finanzstrategien der Stadtwerke bleiben, aber es bedarf eines Finanzierungsmixes, der auch Fördermittel, Bürgschaften, Bürgerbeteiligungen und andere Instrumente einbezieht.

Könnte das Konzept des Energiefonds von VKU und BDEW das Finanzierungsdilemma lösen?

Die Energiewende braucht unbedingt auch privates Kapital. Der Energiewende-Fonds ist eine gute Idee, wie institutionelle Investoren in einem klar definierten und gesicherten Rahmen investieren können. Das Finanzierungsdilemma wird nicht mit einem Instrument allein zu lösen sein, aber es wäre ein sehr sinnvoller Baustein.

Greift Ihre Bank in die operativen Entscheidungen ein?

Wenn der Kunde zu uns kommt, hat er in der Regel die Investitionsentscheidung bereits getroffen. Die Planung – also welches Modul, welcher Ausbau oder welche Technologie zum Einsatz kommen sollen, ist meistens schon erfolgt. Wir prüfen das Gesamtkonzept, sobald es um die Finanzierung geht. Dafür haben wir hauseigene Verfahrensingenieurinnen und -ingenieure, die die Projekte aus technischer Sicht bewerten.

Beim Beispiel eines Wärmenetzes prüfen wir einerseits das Netz selbst, andererseits auch die Erzeugung, wie Industrieabwärme oder Geothermie, sowie die Verteilung und den Vertrieb. Wichtig ist auch, ob es politische Rahmenbedingungen wie einen Anschluss- und Benutzungszwang gibt oder ob die Bürgerinnen und Bürger das Angebot aufgrund günstiger Konditionen freiwillig nutzen.

Ist es ein Problem, dass die Klärung der Finanzierungsfragen nach dem Konzeptentwurf kommt?

Die Finanzierung darf nicht erst zum Schluss ins Spiel kommen, sondern muss früh in die Planung eingebunden werden. Wenn man sich die Wärmewende und die dafür notwendigen Investitionen anschaut, wird klar, dass die finanzielle Planung ein integraler Bestandteil sein muss.

Wir stehen gerade am Beginn einer extrem kapitalintensiven Zeit für Stadtwerke. Die notwendigen Investitionen können bei kleinen Stadtwerken die Bilanzsumme verdoppeln oder sogar verdreifachen, sogenannte Sprunginvestitionen auslösen. Als Bank können wir mit solchen Entwicklungen durchaus mitgehen, die Voraussetzung ist allerdings, dass wir frühzeitig miteinander sprechen und es einen soliden, mehrjährigen Plan gibt, der zeigt: Wie entwickelt sich die Eigenkapitalquote in der Transformation und wie erholt sie sich danach wieder? Wie wird der Cashflow währenddessen gesichert? Das sollte idealerweise von Anfang an berücksichtigt werden. Einige Stadtwerke machen das noch nicht und planen beispielsweise nur für ein Jahr im Voraus. Das reicht in der aktuellen Lage nicht mehr aus.

Kommen Sie oft mit solcher kurzsichtigen Planung in Berührung?

Im schlechtesten Fall kommen die Interessenten mit ihrer Standardplanung, die auf eine Kreditaufnahme von zwei Millionen Euro ausgelegt ist – und dann plötzlich mit einer Anfrage über 20 Millionen Euro. Solche Diskrepanzen sind problematisch.

Deshalb sind die Gespräche so wichtig. Sobald die Pläne aufgestellt sind, wie Klimaneutralität erreicht werden soll und welche Investitionsbedarfe das auslöst, sollte die Fremdkapital-Seite angesprochen werden. Das muss dann noch gar keine konkrete Finanzierungsanfrage sein, sondern ein Ausloten, was in welchen Zeitraum über Kredite machbar sein wird. Wir können auch alternative Finanzierungsbausteine aufzeigen, etwa durch Bürgerbeteiligung in Form von Crowdfunding. Das hilft nicht nur, Eigenkapital aufzustocken, sondern bindet auch die lokale Bevölkerung ein und kann Widerstände gegen Projekte reduzieren. Ein gutes Beispiel dafür sind die Berliner Stadtwerke: Sie haben Crowdfunding genutzt und Kunden bessere Konditionen geboten als Nicht-Kunden – ein sehr cleveres Modell, das zugleich die Kundenbindung stärkt.

Mussten Sie schon Kreditanfrage von kommunalen Unternehmen ablehnen?  

Besonders bei größeren Projekten wie dem Aufbau oder Ausbau eines Wärmenetzes benötigen wir eine detaillierte Planung. Das betrifft Aspekte wie die verwendeten Technologien, den Energieinput und den Vertrieb. Wir stehen in intensivem Austausch mit unseren Kundinnen und Kunden vieles lässt sich in Gesprächen klären und optimieren. Wenn klassische Finanzierungsregeln eingehalten werden, stehen wir fast allen Projekten von Stadtwerken offen gegenüber.

"Viele Stadtwerke gerieten durch die Energiekrise in Schwierigkeiten, etwa durch teure Ersatzbeschaffungen."

Hat die Energiekrise etwas daran verändert?

Die grundsätzlichen Parameter der Kreditvergabe sind universal. Es geht immer um die Frage, ob das Wirtschaftskonzept des Projekts erfolgreich sein wird, sodass Kredit nebst Zinsen im Zeitraum X zurückgezahlt werden können. Unsere grundlegenden Kriterien und die Triggerpunkte der Kreditampel bleiben seit Jahren unverändert. Allerdings schauen wir genauer in die Zukunft. Wenn die Eigenkapitalquote unter ein gewisses Niveau fällt und gleichzeitig große Investitionen geplant sind, thematisieren wir das intensiver mit dem Kunden.

Neu seit der Energiekrise ist unser Fokus auf dem Beschaffungsmanagement der Versorger. Viele Stadtwerke gerieten durch die Energiekrise in Schwierigkeiten, etwa durch teure Ersatzbeschaffungen. Daher prüfen wir heute auch Aspekte wie die Beschaffungsstrategien, die Dauer und die Preise der Energieverträge. Unsere Kunden verstehen diesen Ansatz und sehen den Mehrwert unserer Risikoüberlegungen. Die meisten Stadtwerke verfügen nach wie vor über gute bis sehr gute Eigenkapitalquoten, im Schnitt bei 35 Prozent. Vor der Energiekrise lag der Durchschnitt noch etwas höher.

Auch aufgrund der Bürgschaften gelten kommunale Versorger als sichere Kreditnehmer. Hat die Energiekrise das verändert?

Wir vertrauen auf die "kommunale Familie". Bürgschaften spielen eine Rolle bei der Bonitätsprüfung und können die Kreditvergabe erleichtern – sei es durch bessere Konditionen oder durch einen vereinfachten Prüfungsprozess.

Gelten für sie auch andere Renditeerwartungen?

Unsere Renditeerwartungen richten sich nach dem Risiko des jeweiligen Projekts. Der Ausbau eines Fernwärmenetzes wird anders bewertet als regelmäßige Investitionen gemäß Wirtschaftsplan. Zudem berücksichtigen wir den Prüfungsaufwand und das Projektrating.

Welche Projekte sind besonders risikobehaftet?

Die regulierten Geschäftsbereiche wie Stromnetze oder Standardinvestitionen in die üblichen Sparten eines Stadtwerkes gelten als risikoarm. Mehr Aufmerksamkeit hingegen erfordern Themen wie die Dekarbonisierung, etwa Großwärmepumpen oder innovative Speichertechnologien. Besonders Geothermieprojekte sind aufgrund des hohen Fündigkeitsrisikos herausfordernd. Wir halten staatlich unterstützte Versicherungslösungen hier deshalb für sinnvoll.

Nehmen wir das Beispiel Großwärmepumpe. Wie fällt hier Ihre Risikobewertung aus?

Das hängt davon ab, wo die Investition stattfindet. Wenn sie im Rahmen eines Stadtwerks erfolgt und mit den gegebenen Bilanzrelationen übereinstimmt, handelt es sich um eine normale Unternehmensfinanzierung. Wenn das Projekt jedoch zu groß wird, bewegen wir uns möglicherweise in Richtung einer Mischfinanzierung. Das bedeutet, dass die Bonität des Stadtwerks oder Versorgers nicht ausreicht, um den Kapitaldienst vollständig abzudecken. In solchen Fällen prüfen wir das Projekt genauer.

"Jede Form der politischen Unsicherheit kann zu Investitionsverzögerungen oder Irritationen führen."

Welche Folgen könnte das Ampel-Aus für die Umsetzung von Stadtwerkeprojekten haben?

Im Stadtwerke-Bereich sprechen wir in aller Regel über lange Kreditlaufzeiten und noch längere Betriebslaufzeiten der Anlagen oder Netze. Planungssicherheit ist damit unerlässlich für Investitionsentscheidungen. Jede Form der politischen Unsicherheit kann zu Investitionsverzögerungen oder Irritationen führen. Stand heute ist es aber noch zu früh, um die Auswirkungen des Ampel-Aus auf die Projekt-Pipeline abschließend zu bewerten, wir sehen jedoch schon erste Projekte, die in der Planung zumindest pausiert werden und hören in einigen Gesprächen Verunsicherung. Umso wichtiger ist Stabilität in den Klima- und Ausbauzielen sowie Förderprogrammen.

Das Interview führte Artjom Maksimenko

Die gekürzte Fassung des Interviews erschien in der aktuellen Printausgabe der ZfK

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