Der CEO der EEX Peter Reitz blickt auf ein erfolgreiches Jahr seines Unternehmens zurück. Eine wichtige Rolle in der Krise spielte das Clearing, das für einen hohen Zulauf sorgte. Auch heute, mit den nun deutlich fallenden Energiepreisen, gibt es wider Erwarten keine massive Rückkehr der Handelsteilnehmer zum OTC-Handel. Der Trend werde sich fortsetzen, ist sich Reitz im ZfK-Interview sicher.

Herr Reitz, wie schlug sich die EEX Group während der Energiekrise?
Reitz: 2023 haben wir Rekordvolumina im Spot- und Terminhandel erzielt, und zwar über fast alle Märkte hinweg. Die Aktivität der Handelsteilnehmer ist wieder deutlich gestiegen. Unser am schnellsten wachsendes Segment ist derzeit der japanische Markt, der sich nach dem Start vor drei Jahren bereits unter den Top 10 in unserem Portfolio an Stromderivaten etabliert hat. Aber auch in den USA haben wir mit unserer US-Tochter Nodal Exchange Rekordvolumina erzielt.
In der Energiekrise litt die Liquidität des OTC-Handels und sorgte für den Zulauf beim Börsenhandel. Ist dieser Trend damit zu erklären?
Auch im Vergleich zu den Zahlen vor dem Beginn der Energiekrise haben wir 2023 bei den umgesetzten Volumen ein absolutes Rekordniveau erreicht.
Auch der Trend zum Clearing über die Börse setzt sich fort. Diesen beobachten wir zwar schon seit gut zehn Jahren, allerdings hat er in Zeiten der Energiekrise natürlich deutlich an Dynamik gewonnen. In unsicheren Zeiten sorgt ein Clearinghaus eben für die nötige Sicherheit, auch beim Thema Liquidität stand der Börsenhandel deutlich besser da als der OTC-Bereich.
"Über 80 Prozent der deutschen Stromtermingeschäfte werden über die EEX gecleart."
Die Märkte haben sich mittlerweile stabilisiert. Kehren die Händler jetzt zum OTC zurück?
Mit den nun deutlich fallenden Energiepreisen haben viele mit einer Rückkehr zum OTC-Handel gerechnet. Doch die Handelsteilnehmer, die in der Krisenzeit erstmals über uns "gecleart" haben, sind beim börslichen Handel geblieben, weitere sind dazu gekommen.
Die Entwicklung ist also nicht gekippt, sondern geht auch bei niedrigeren Preisen weiter. Unsere Marktanteile am gesamten Handelsvolumen sind unterm Strich nochmal gewachsen. Aktuell werden mehr als 80 Prozent der Handelsgeschäfte am deutschen Strom-Terminmarkt über die EEX gecleart. In Frankreich und Italien erreicht unser Marktanteil über 90 Prozent.
Deutet sich da das Ende von OTC-Handel an?
Zum Verständnis: Bei den angesprochenen Anteilen geht es um das geclearte Geschäft. Dabei kann die Handelsoperation, also der Trade, im OTC-Markt stattgefunden haben, aber anschließend bei uns zum Clearing abgegeben werden. Ich denke allerdings auch, dass das ungeclearte Geschäft nach und nach weiter an Anteilen einbüßen wird, das lässt sich bereits an unterschiedlichen Assetklassen festmachen. Es gibt viele Märkte, vor allem im Stromhandel, die fast zu 100 Prozent gecleart sind. Der Gashandel bewegt sich allmählich in die gleiche Richtung, im Emissionshandel gibt es ebenfalls kaum noch nicht-geclearte Geschäfte.
Unter Umständen ist das Clearing bei einer gewissen Risikoakzeptanz doch verzichtbar?
Die Vorteile des Clearings liegen nicht allein bei der Risikominimierung eines einzelnen Trades. Wir sehen vor allem Verbundeffekte, bei denen die Kapitaleffizienz steigt. Ich muss ja als Handelsteilnehmer nicht für jeden Trade Sicherheiten hinterlegen, sondern für die gesamte Nettoposition.
Da unsere Handelsteilnehmer nicht nur in einem Markt aktiv sind, profitieren sie von diesen Effekten. Oft handeln sie nicht nur mit Strom auf verschiedenen Märkten, sondern auch mit Erdgas und Emissionszertifikaten. Im Bündel aus Strom-, Gas- und CO2-Produkten brauchen Teilnehmer in der Regel deutlich weniger Kapital, um diese Positionen zu managen.
Trotzdem bleiben die Kosten des Clearings die größte Einstiegshürde für kleinere Marktteilnehmer, wie beispielsweise Stadtwerke.
Diese These stimmt zwar, sie trifft aber immer weniger zu. Die Hürden zum Einstieg in den Börsenhandel sinken, weil wir auch einiges dafür tun. Aber Sie müssen mittlerweile nicht mehr selbst Teilnehmer der Börse sein, um handeln zu können, sondern es gibt Intermediäre.
"Die Hürden zum Einstieg in den Börsenhandel sinken."
Dazu zählen nicht nur die Stadtwerke, sondern auch Finanzplayer, die den Strommarkt wieder für sich entdecken. Doch auch, wenn ein Stadtwerk nicht selbst Börsenteilnehmer werden will, gibt es viele Kanäle, beispielsweise über Banken oder große Versorger, die einen Börsenzugang gewähren. Sie können also von der Liquidität der Börse profitieren, ohne dabei selbst die genannten finanziellen Hürden überschreiten zu müssen.
Allein im vergangenen Jahr haben wir über 70 neue Handelsteilnehmer hinzugewonnen, darunter fünf Stadtwerke. Die größten europäischen Utilities waren ja schon vorher da, jetzt kommen vor allem kleinere Teilnehmer dazu.

Reden wir über Grünstromhandel. Welche EEX-Produkte neben den Herkunftsnachweisen können die CO2-Bilanz eines Unternehmens aufbessern?
Zum Management der CO2-Bilanz sind HKN natürlich ein wesentliches Instrument. Unser Beitrag zur Dekarbonisierung der Wirtschaft ist aber vielfältig. Zum einen sorgen wir dafür, dass die Erneuerbaren in den bestehenden Strommarkt integriert werden. Wir haben dabei auch das Ziel von 100 Prozent CO2-freiem Strom im Handel im Auge. Das Problem ist, dass die Grünstromproduzenten ganz unterschiedliche Risikoprofile haben und oft nur sehr kurzfristig wissen, welche Strommengen nun kommen.
Wie lösen Sie das Zeitproblem?
Für diese Teilnehmer sind flexible Produkte wichtig, so wie auch kürzere Vorlaufzeiten vom Handel bis zur Lieferung. Diese Vorlaufzeit haben wir vor kurzem nun auch im Schweizer Intraday-Handel auf fünf Minuten reduziert.
Von dem Spothandel können wir den Bogen auch zum Terminhandel schlagen. Wenn jemand Solar- und Windstromkapazitäten neu errichten will, ist eine solide Finanzierung notwendig. Auf die Banken wirken vor allem langfristige PPAs überzeugend und nicht der volatile Marktpreis. Die Langfristverträge nehmen das Preisrisiko raus. Unsere Rolle dabei ist, dass diese PPAs über standardisierte Futures langfristig abgesichert werden können.
Wir bieten Stromfutures mit einer Laufzeit von bis zu zehn Jahren an und das Produkt kommt gut an. Der größte Markt dafür ist derzeit Spanien, auch in Italien wachsen die Aktivitäten schnell.
Diese im Strommarkt integrierten langfristigen Kapazitäten können wir über die Absicherung des Preisrisikos und des Kontrahentenausfallrisikos – durch Clearing – in der Finanzierung dann noch günstiger machen. Das ist ein weiteres Beispiel für die Integration der Erneuerbaren in den bestehenden Strommarkt.
"Wir müssen die CO2-Bepreisung forcieren."
Welche Rolle könnte dabei die CO2-Bepreisung haben?
Es ist ein essentieller Bestandteil der Dekarbonisierungsstrategie. Wir müssen dahin kommen, dass wir einen globalen CO2-Preis haben. Aus meiner Sicht ist ein CO2-Handelssystem der effizienteste Weg zur Reduktion der Emissionen. Zum einen reguliert die Politik dabei die Menge der Zertifikate, zum anderen allokiert Emissionshandel die Ressourcen am effizientesten. Daher müssen wir die CO2-Bepreisung forcieren.
Welche Rolle soll Wasserstoff bei der Dekarbonisierung spielen?
Eine wichtige Rolle bei der Dekarbonisierung wird Wasserstoff als speicherbare Komponente spielen. Dafür brauchen wir eben auch einen Wasserstoffmarkt. Und dieser steckt noch in den Kinderschuhen. Es gibt beispielsweise eine Reihe von offenen Fragen beim Thema Transport, aber auch bei den Produktionskapazitäten, die schließlich die Liquidität des Marktes beeinflussen.
Für mehr Transparenz haben wir im vergangenen Jahr einen Wasserstoffindex aufgelegt. Dieser basiert auf gehandelten Preisen für grünen Wasserstoff. Sowohl für die Erzeuger als auch die Beschaffungsseite liefert er bereits zuverlässige Infos über das aktuelle Preisniveau. Die Transparenz bildet also die erste Stufe für den funktionierenden Wasserstoffmarkt.
Die zweite Komponente ist die Handelbarkeit. Dafür will die EEX zusammen mit dem Partner H2-Global und deren Tochter "Hint.Co" Auktionen zum Wasserstoffverkauf in den Markt bringen. H2-Global wird im Auftrag der Bundesrepublik grünen Wasserstoff weltweit einkaufen und die "Hint.Co" wird diese Mengen dann in Deutschland über eine Auktion verkaufen. Diese Auktion wird über unsere Plattform ablaufen. Diesen H2-Markt sehe ich langfristig auf dem Niveau des heutigen Gasmarktes.
Die Nachfrage nach langfristigen PPAs steigt gerade an. Sichern sich die Marktteilnehmer unter dem Eindruck der Energiekrise so mehr gegen Risiken ab?
Wir sind in der Lage, sowohl die langfristigen als auch PPAs über zwei Jahre abzusichern, doch das sind ohnehin sehr liquide Produkte des Terminhandels. Wir wissen dabei nicht, ob die Futures-Geschäfte der Absicherung von PPAs dienen.
Der langfristige PPA-Markt gilt vor allem für neue Erneuerbarenanlagen. Hier sehen wir auch deutlich, dass diese PPA-Verträge über das Clearinghaus abgesichert werden. Das ist ein wachsendes Segment, insbesondere in Italien und Spanien. Gerade erst haben wir das langfristige Angebot zur PPA-Absicherung auch auf die skandinavischen Märkte ausgeweitet, mit der Einführung der neuen Nordic Zonal Stromfutures.
Was spricht gegen die kurzfristigen PPAs?
Die kurzfristigen PPAs haben oft mit den Erzeugungsanlagen zu tun, die aus der EEG-Förderung gefallen sind, die sogenannten Ü20-Anlagen. Sie laufen zwar noch, ihre Betriebsdauer ist aber nicht bekannt. Also verkaufen die Betreiber den Strom in kürzeren Zeitabschnitten bei denen die Produktion noch gesichert ist.
Das Interview führten Klaus Hinkel und Artjom Maksimenko.
In einer gekürzten Fassung erschien das Interview in der April-Printausgabe der ZfK.
