Trianel-Geschäftsführer Sven Becker (l.) und Oliver Runte warnen vor zunehmenden Kannibalisierungseffekten in der PV und steigenden Netzkosten.

Trianel-Geschäftsführer Sven Becker (l.) und Oliver Runte warnen vor zunehmenden Kannibalisierungseffekten in der PV und steigenden Netzkosten.

Bild: @ Trianel GmbH

Die Stadtwerkekooperation Trianel begrüßt mehr Planungssicherheit für steuerbare Kraftwerke und Batteriespeicher, warnt aber vor neuen Markteintrittsbarrieren. Im zweiten Teil des Interviews sprechen ihre Geschäftsführer Sven Becker und Oliver Runte zudem über die Redispatch-Reform und die Frage, ob die Energiewende finanzierbar bleibt.

Sie wünschen sich schon länger mehr Freiheiten bei der Fahrweise der Gasspeicher. Jetzt wurden die Vorgaben gelockert – aber Sie müssen trotzdem befüllen. Passt das zusammen?

Sven Becker: Bei einem negativen Sommer-Winter-Spread gibt es keinen wirtschaftlichen Anreiz, den Speicher zu befüllen. Wir müssen es aber zum jetzigen Zeitpunkt trotzdem tun. Würde man die Speichervorgaben vollständig abschaffen, würden wir wahrscheinlich deutlich weniger Einspeicherung sehen. Energiewirtschaftlich brauchen wir aber eine gewisse Befüllung. Wenn diese für die Versorgungssicherheit politisch gewollt ist, dann muss sie auch entsprechend honoriert werden.

Mit der Liberalisierung des Gasmarktes ist die Aufgabe der Versorgungssicherheit, die früher eher bei großen Ferngasbetreibern lag, mehr oder weniger verschwunden. Heute erwartet man von den Gasspeicherbetreibern, dass sie Versorgungssicherheit bereitstellen. Dafür gibt es bislang keine ausreichende Kompensation.

Oliver Runte: Man muss die deutsche Gasreserve auch im europäischen Kontext betrachten. Gas kennt keine nationalen Grenzen, sondern fließt durch ganz Europa. Deshalb wären möglichst einheitliche europäische Regelungen für eine Gesamtreserve aus unserer Sicht wünschenswert.

Oliver Runte ist seit 2017 Teil der Trianel-Geschäftsführung und dort unter anderem für den Energiehandel verantwortlich.Bild: © Trianel

Wir brauchen möglichst einheitliche europäische Regelungen für eine Gesamtreserve

Oliver Runte

Geschäftsführer der Trianel GmbH

Die Bundesregierung hat den Streit um Netzpaket und EEG‑Reform beigelegt; der Redispatch‑Vorbehalt wurde entschärft. Wie bewerten Sie den Kompromiss?

Becker: Grundsätzlich stimmt die Richtung der Reformen. Wir haben in Deutschland in den letzten Jahren sehr stark auf den einseitigen Ausbau der Erneuerbaren gesetzt. Das unterstützen wir ausdrücklich und engagieren uns selbst in diesem Bereich. Gleichzeitig sehen wir aber auch die Folgen: zunehmende Kannibalisierungseffekte in der PV, dazu die steigenden Netzkosten. Deshalb ist es richtig, jetzt stärker auf die Systemintegration zu schauen. Netzpaket, EEG‑Novelle sowie AgNes‑Prozess gehen aus unserer Sicht bei den Zielsetzungen grundsätzlich in die richtige Richtung. Aber nicht alles ist voll integriert und aufeinander abgestimmt. Auch bei den Inhalten sehen wir noch deutlichen Anpassungsbedarf.

Beim Redispatch-Vorbehalt gab es gegenüber den ersten bekannt gewordenen Entwürfen zwar Nachbesserungen. Dennoch bleibt es dabei, dass die Wirkungen aufgrund mangelnder Datenlage derzeit nicht abschätzbar sind. Wir sind hier auf einem gewissen Blindflug unterwegs, der negative Folgen für die Finanzierung neuer Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien haben kann.

Sven Becker bleibt noch weitere sechs Jahre an der Spitze der Trianel.Bild: © Trianel

Die marktlichen Elemente des EEG müssen deutlich verstärkt werden

Sven Becker

Sprecher der Geschäftsführung der Trianel GmbH

Mit der EEG-Novelle wird aus europarechtlichen Gründen ein CfD-Modell eingeführt. Das kann negative Auswirkungen auf die Direktvermarktung haben, da Termingeschäfte an Attraktivität verlieren werden. Aus unserer Sicht müssen die marktlichen Elemente des EEG deutlich stärkt werden. Ein möglicher Ansatz dafür wären beispielsweise staatliche Ausfallgarantien für PPAs.

Gleichzeitig ist der Zeitplan einzuhalten: Die EEG-Novelle muss noch in diesem Jahr beschlossen und beihilferechtlich genehmigt werden. Andernfalls droht erhebliche rechtliche und finanzielle Unsicherheit. Dennoch darf Geschwindigkeit nicht zulasten der Qualität gehen. Die Konsultationsprozesse müssen ausreichend Raum für die Beteiligung der Branche bieten. Am Ende brauchen wir belastbare Rahmenbedingungen, die sowohl die Energiewende als auch die notwendigen Investitionen langfristig absichern.

Das Kraftwerksgesetz ist ohne Einspruch durch den Bundesrat gekommen. So ganz zufrieden sind Sie nicht?

Becker: Das ist in der Tat so. Es gab zwar ein gewisses Nacharbeiten bei der Sicherheitenthematik, aber die geforderten Sicherheiten liegen fast doppelt so hoch wie ursprünglich im KWSG vorgesehen. Grundsätzlich sind Sicherheiten nachvollziehbar. Wir haben bei den Offshore‑Ausschreibungen gesehen, dass sich internationale Akteure Kapazitäten sichern und Projekte dann nicht umsetzen. Insofern braucht es Mechanismen, die die Ernsthaftigkeit von Geboten absichern.

In der jetzigen Ausgestaltung werden Sicherheiten aber zu einer Markteintrittsbarriere. Das gilt insbesondere für kommunale Akteure mit ihren Gremienläufen und Entscheidungsprozessen. Auf diese Benachteiligung gegenüber den großen Konzernen haben wir mehrfach hingewiesen. Die Bundesregierung und der Gesetzgeber hat wohlwissend anders entschieden.

Was heißt das konkret für Ihr Projekt in Hamm?

Becker: Wir müssen jetzt gemeinsam mit unseren Gesellschaftern bewerten, wie wir diese Sicherheiten darstellen können. Wir haben ein erstklassiges Projekt und der Standort bietet erhebliche Infrastrukturvorteile. Wir befinden uns in der Genehmigungsphase. Die Anschlussfragen sind geklärt, mit BKW haben wir einen starken Partner an Bord.

Andererseits weichen wie bei allen Wettbewerbern die Kosten und insbesondere die Anlagenpreise deutlich von den Planungen ab. Sie liegen teils doppelt so hoch. Das führt zwangsläufig auch zu höheren Sicherheiten.

Sie hatten im vergangenen Jahr Ihre Flex-Agenda skizziert – Marktdesign, Speicherrahmen, Kraftwerksstrategie. Wie fällt die Bilanz Stand heute aus?

Becker: Grundsätzlich fühlen wir uns in unserer Flex-Agenda bestätigt. Die Richtung der Politik stimmt, aber wir können an einigen Stellen noch nachjustieren. Positiv ist, dass wir beim Zubau der dringend benötigten steuerbaren Kraftwerke nach Jahren des Wartens endlich mehr Planungssicherheit haben. Auch bei den Batteriespeichern wurde ein wichtiger Schritt gemacht: Es war sehr wichtig, dass die Bundesnetzagentur Ende Mai für mehr Klarheit gesorgt hat. Zumindest für dieses Jahr weiß die Branche jetzt, woran sie ist. Wo wir weiter Handlungsbedarf sehen, ist die Nachfrageseite. Dort werden die vorhandenen Flexibilitätspotenziale noch nicht ausreichend in den Markt gebracht.

Deshalb bleibt die Weiterentwicklung des Marktdesigns wichtig. Ein Kapazitätsmarkt kann helfen, die notwendigen Anreize für Flexibilität und Versorgungssicherheit zu schaffen.

Sie klingen grundsätzlich optimistisch – wo sehen Sie den größten Zielkonflikt?

Becker: Ich bin von Natur aus Optimist. Aber wir müssen die Kosten der Energiewende stärker in den Blick nehmen. Angesichts der erheblichen Investitionen stellt sich schon die Frage, wie wir den Bedarf gesicherter Leistung möglichst effizient decken.

Wir bauen neue Gaskraftwerke hinzu, die perspektivisch rund 1.000 Stunden pro Jahr laufen werden – während wir gleichzeitig zum Teil sehr moderne Kraftwerke im Zuge des Kohleausstiegs vom Netz nehmen. Das ist aus klimapolitischen Gründen sinnvoll, verursacht aber erhebliche volkswirtschaftliche Kosten.

Wir erleben das bei uns selbst: Wir steigen Anfang der 2030er Jahre mit einem sehr modernen und effizienten Steinkohlekraftwerk aus der Erzeugung aus. Dazu haben wir uns bekannt, auch wenn wir es für problematisch halten, dass dafür keine Entschädigung vorgesehen sein soll. Gleichzeitig planen wir Investitionen in ein wasserstofffähiges Gaskraftwerk. Volkswirtschaftlich fallen also die Kosten der vorzeitigen Stilllegung eines noch lange Jahre funktionstüchtigen Kraftwerks und zusätzlich die Kosten eines Kraftwerksneubaus an. Das zeigt die Größenordnung der Transformationsaufgabe.

Bei allem, was wir tun, sollte es um Finanzierbarkeit der Energiewende gehen und darum, möglichst viel CO₂ zu möglichst vertretbaren Kosten einzusparen. Deshalb ist der Ausbau von Flexibilitäten so wichtig, um die Kosten der Energiewende im Rahmen zu halten.

Wir müssen offen über die Kosten der Energiewende sprechen. Nur so können wir dauerhaft Akzeptanz sichern und die Transformation erfolgreich gestalten.

Sind Sie nach gut einem Jahr mit der energiepolitischen Bilanz des Bundeswirtschaftsministeriums zufrieden?

Becker: Die Richtung stimmt, und dafür waren an vielen Stellen Anpassungen notwendig.

Ein positives Beispiel ist das StromVKG. Das KWSG war in seiner ursprünglichen Form kaum umsetzbar, auch mit Blick auf die EU‑Ebene. Dass hier tragfähige Lösungen gefunden wurden, ist ein Erfolg.

Positiv hervorzuheben ist auch die Arbeit der Bundesnetzagentur. Wie dort beispielsweise beim AgNes‑Prozess mit Strategie vorgegangen wird und Vertrauenstatbestände wiederhergestellt wurden, das verdient Respekt.

Insofern würde ich sagen: Die Versetzung ist nicht gefährdet. Natürlich gibt es weiterhin Verbesserungsbedarf und viele offene Aufgaben. Aber das gilt nicht nur für die Politik, sondern genauso für uns als Unternehmen.

Lesen Sie im ersten Teil des Interviews, warum Oliver Runte und Sven Becker angesichts geopolitischer Krisen und extremer Preissprünge vom "neuen Normal“ nicht mehr sprechen wollen. Außerdem erklären sie, warum Trianel den Eigenhandel defensiver ausrichtet und welche Rolle London für die Stadtwerkekooperation spielt.

Das Trianel-Interview ist in einer gekürzten Fassung zunächst in der August-Ausgabe der ZFK erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

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