Von Andres Lorenz-Meyer
Anfang 2023 steckte Deutschland mitten in der Energiekrise. Dennoch hat Alexander Skrobuszynski damals nicht einen Moment gezögert, die Leitung der Stadtwerke Weinheim zu übernehmen. Er bezeichnet sich selbst als lösungsorientierten Menschen, der sich von schwierigen Bedingungen nicht stressen lässt. Zudem ist er an der Bergstraße aufgewachsen, "eine der schönsten Regionen Deutschlands". Er konnte also da arbeiten, wo er verwurzelt ist.
Das Rüstzeug für die anspruchsvolle Aufgabe legte er sich bei der Mannheimer MVV zu, wo er Produktmanager, Leiter Regionalvertrieb und Geschäftsführer der Tochter Luminatis Deutschland war. In den 18 Jahren MVV ist er gefühlt tausend Entwicklungsstufen nach oben gelaufen. Seine Vorgesetzten gaben ihm den nötigen Freiraum dafür. Zudem lernte er, Verantwortung für Dutzende Kolleginnen und Kollegen zu tragen.
Duzen statt Siezen
In Weinheim übernahm er in jeder Hinsicht gut aufgestellte Stadtwerke. Sein Vorgänger Peter Krämer habe einen ausgezeichneten Job gemacht. An den Führungsstil des Neuen musste sich die 150-köpfige Belegschaft erst einmal gewöhnen. Krämer war der eher distanzierte Typ Chef gewesen, Skrobuszynski dagegen duzt jeden. "Ich weiche die klassische Hierarchie bewusst auf — so weit, wie es mir passend erscheint. Das ist hier schon ein kleiner Kulturschock gewesen."
Eine seiner Hauptaufgaben sieht er in der Personalentwicklung und der Schaffung des bestmöglichen Arbeitsumfelds. Es geht um Change, um kulturellen Wandel. Was ihm vorschwebt, ist eine Organisation, in der alle die "maximal sinnvolle" Handlungsfreiheit bekommen und so ihre Stärken entfalten können. Ob Praktikant oder Prokuristin, jeder habe Begabungen und könne an der richtigen Stelle eingesetzt zum "Star" werden — das ist für ihn die Aufgabe von Führung im 21. Jahrhundert. Das Unternehmen bekäme dadurch eine gewisse Ausstrahlung, ein "Glitzern". Die ersten Spuren davon erkennt Skrobuszynski bereits, etwa, wenn sich die Kolleginnen und Kollegen eigenverantwortlich in Projekten austoben. Kehrseite der Medaille ist die steigende Belastung durch zunehmende Komplexität. Manchmal muss er auch noch klare Ansagen machen, was kurzfristig vielleicht effizient ist. Lieber wäre es ihm aber, bestimmte Prozesse liefen ganz ohne sein Zutun.
Das Glitzern soll auch nach außen wirken. Skrobuszynski will damit Top-Leute anlocken, denn Fachkräfte seien der Erfolgsfaktor. Um sie dann auch zu halten, plant er, eine Fachkräftekarriere zu installieren. Heißt, die Experten tragen keine disziplinarische Verantwortung, müssen sich also nicht um Personalführung und -entwicklung kümmern, wo meist sowieso nicht ihre Kompetenz liegt. Sie können sich auf ihren Spezialbereich konzentrieren. Fachkräfte selbst auszubilden, sei ein weiterer wichtiger Baustein. Zudem sollen mehr Initiativbewerber ins Unternehmen kommen, da diese ein hohes Maß an Veränderungsbereitschaft mitbrächten. Drei Eigenschaften machten "tolle Mitarbeiter" aus: Gemeinschaftssinn, Leistungswille und eben Veränderungsbereitschaft.
Auf die Welle kommen
Skrobuszynski wohnt mit seiner Familie in Ladenburg, ein paar Kilometer von Weinheim entfernt. Wenn er elektrisch unterstützt ins Geschäft radelt, schmiedet er gerne Pläne. Dass dabei IT eine Hauptrolle spielt, wundert nicht, schließlich hat er Informationstechnik studiert. IT sei künftig so wichtig, dass sie in einem Atemzug mit dem technischen und kaufmännischen Bereich genannt werde. Was genau er vorhat, etwa im Bereich KI? Da will er sich nicht in die Karten schauen lassen. "Wir befinden uns aktuell, im Surfer-Jargon gesprochen, hinter der Welle. Ein paar Kollegen bilden sich weiter. Wir werden also aufholen, um irgendwann auf die Welle zu kommen. Und irgendwann vielleicht sogar davor."
In jedem Fall sei KI bald allgegenwärtig, an den Schreibtischen, punktuell auch darüber hinaus. Wünschenswert wäre es, eigene Anwendungen zu programmieren und — noch weiter gedacht — diese auf den eigenen Servern zu hosten. Skrobuszynski möchte bei der ganzen Digitalisierung schneller als andere sein. Er will dahinkommen, dass Mitarbeiter, durch Technik von repetitiven Aufgaben befreit, mehr Zeit haben, mitzudenken und sich einzubringen. "Für mich ist klar, dass wir im digitalen Zeitalter alle Kolleginnen und Kollegen brauchen, auch wenn Teile ihrer Arbeit wegfallen."
Portal als Verkaufsschlager
Bei solchen Umbrüchen ist ein guter Draht zur Belegschaft wichtig — und auch die Kunden gilt es, mitzunehmen in einer sich verändernden Energiewirtschaft. In der Zeit des "Heizungshammers" startete daher das Wärmeportal, als Maßnahme gegen den schlechten Ruf der Wärmewende gedacht. Zuerst ging es nur ums Informieren mit Podcasts und Videos, mittlerweile hat das Portal weitere Funktionen und unterstützt den Vertrieb. Kunden können online ihr Interesse an einem Fernwärmeanschluss äußern, alleine oder mit Nachbarn. Auch andere Stadtwerke nutzen das Portal bereits, als White-Label. "Die erste digitale Lösung, die wir verkaufen. Das zeigt, dass wir mehr als ein Strom- und Gaslieferant sind. Wir gestalten die Wärmewende mit."
Kommunikatives Geschick ist für Skrobuszynski ein Kernelement der Geschäftsführung. Manchmal lassen sich damit sogar lokalpolitische Knoten lösen. Diese Erfahrung machte er im Fall der Freiflächen-Photovoltaikanlage im Wasserschutzgebiet Hemsbach. Die Stadtverwaltung Hemsbach hatte die Ämter in der Umgebung wie üblich über dieses Vorhaben informiert. Die Reaktionen waren ablehnend, man warf den Stadtwerken rein wirtschaftliche Interessen vor. Also setzte sich Skrobuszynski ins Auto, klapperte die Amtsleitungen im Kreis ab und erklärte den Verantwortlichen persönlich, warum die Anlage eine gute Sache sei. Das wirkte Wunder: Selbst formelle Hindernisse, die das Projekt hätten scheitern lassen können, wurden zügig beseitigt.
Wie sieht die Zwischenbilanz nach gut zweieinhalb Jahren im Amt aus? Es gibt noch sehr viel zu tun für den 45-Jährigen: Treibhausgasemissionen einsparen, Prozesse und Produkte verbessern, Finanzierungsfragen, Fördermittelakquise. Keine Frage, Dekarbonisierung und Digitalisierung sind Mammutaufgaben. Skrobuszynski ist aber nicht der Typ, der sich davon Angst machen lässt. Als "optimistischer Realist" packt er die Dinge an.
