Bild: © KPMG

Für den Future Readiness Index 2020 hat das Beratungsunternehmen KPMG 50 ExpertInnen aus der Energiewirtschaft befragt. Vor allem nach den umfangreichen Umstrukutrierungen der großen Wettbewerber sehen sich die Unternehmen im Strommarkt solide für die Zukunft aufgestellt. Vor allem Optimismus (64 Prozent sagen, sie sind optimistisch) und Investitionsbereitschaft haben zugenommen.

Worin investiert wird

Bei den Investitionen erklärten 80 Prozent der Befragten, dass die Kundenbedürfnisse einen hohen Stellenwert bei Ihnen haben. Als starke Innovationsbetreiber werden Technologie (70 Prozent) und Regulierung (68 Prozent) erachtet.

Investitionen in das Produkt- und Dienstleistungsportfolio hingegen werden zunehmend unattraktiver. Während 2018 noch 76 Prozent der befragten Unternehmen hier einen Schwerpunkt setze, sind es 2020 weniger als die Hälfte (48 Prozent).

Branche kommt gut durch die Krise

Die ZfK befragte zu den Ergebnissen Michael Salcher, Head of Energy and Natural Resources:

Herr Salcher, warum ist die Branche trotz Corona optimistischer gestimmt?
Wir sehen, dass trotz der globalen Pandemie die Energiewirtschaftsunternehmen in Deutschland verhältnismäßig gut durch die Krise kommen – auch wenn es natürlich vereinzelt Ausnahmen gibt. Zwar sank der Energieverbrauch während der ersten Lockdown-Phase – dieser kurzfristige Schock konnte allerdings aufgefangen werden.

Durch die Veränderungen der letzten Jahre in der Energiewirtschaft haben die EVUs gelernt, agiler auf neue Marktsituationen zu reagieren und sich entsprechend anzupassen. Nach der Umsetzung der strukturellen Veränderungen bei großen Branchenteilnehmern konnten Unsicherheiten abgebaut werden und mit zunehmender Sicherheit erhöht sich entsprechend auch der Optimismus der EVUs für die nächsten fünf Jahre.

Nachhaltigkeit und Umweltschutz (80 Prozent) sind noch vor Smart City die wichtigsten Trend-Themen überhaupt. Dabei ist die Konzentration auf Umweltschutz doch eigentlich nichts Neues?
Die aktuelle Situation mit der Covid-19 Pandemie hat uns gezeigt, dass wir trotz der wirtschaftlichen Herausforderungen als Gesellschaft an dem Ziel festhalten wollen, unsere Erde für die nächsten Generationen möglichst so zu erhalten wie wir sie selbst auch vorfinden.

Um allein das Ziel der Verlangsamung der Klimaerwärmung auf 1,5 bis 2 Grad Celsius bis zum Ende des Jahrhunderts zu erreichen, brauchen wir weltweit umfangreiche Maßnahmen. Deutschland und die deutsche Energiewirtschaft gehen hier mit gutem Beispiel voran und deshalb bleibt das Thema Nachhaltigkeit und Umweltschutz für 80 Prozent der Befragten aus der Energiewirtschaft der relevante Trend.

Allerdings bedeutet dieser Fokus auf Nachhaltigkeit nicht, dass andere Zukunftstrends wie beispielsweise Smart City an Relevanz verlieren. Alle Sektorkonvergenzthemen gewinnen seit Jahren an Bedeutung und werden zu immer wichtigeren Geschäftsfeldern, um Nachhaltigkeitsziele zu erreichen und vor allem um die digitale Wettbewerbsfähigkeit der Energiebranche auszubauen.

Neue Geschäftsmodelle wie Elektromobilität und eine dezentralere Energieversorgung können nicht einzeln entwickelt werden, sondern müssen sinnvoll in eine neue, vernetzte Welt integriert werden. Dies finden wir dann in der Smart City genauso wie in einer gut vernetzten ländlichen Region wieder.

Ist es nicht erschreckend, dass nur 34 Prozent in Automatisierung und KI die größte Bedeutung sehen – in Zeiten, in denen jeder von Digitalisierung spricht?
Die digitale Transformation beeinflusst in der Tat die Energiebranche und ist seit vielen Jahren einer der Metatrends. Dabei hat sich der Fokus kontinuierlich verschoben. In vielen Bereichen wie beispielweise dem Energiehandel oder -vertrieb ist die Automatisierung und auch der Einsatz von KI schon sehr fortgeschritten.

Andere Wertschöpfungsstufen wie Erzeugung, Netze und Messstellenbetrieb ziehen hier nach: Die Branche setzt hier weiterhin auf eine digitale Weiterentwicklung – so zum Beispiel mit virtuellen Kraftwerken, Smart Grids und intelligenten Zählern. Somit ist die Automatisierung und der Einsatz von Maschine Learning auf vielen Gebieten schon in der Umsetzung oder Implementierung und muss nicht immer als konkreter Trend aufgefasst werden, weil viele Projekte schon laufen.

Zwar fühlen sich 70 Prozent der Umfrageteilnehmer im Wettbewerbsumfeld gut positioniert, allerdings sehen sich lediglich 46 Prozent bei Prozessen und Arbeitsabläufen gut aufgestellt. Wie wirkt sich das auf die Zukunftsfähigkeit der Unternehmen aus?
Die digitale Transformation macht in der Energiewirtschaft natürlich auch keinen Halt bei Prozessen und Arbeitsabläufen. Hinzu kommen die Herausforderungen der Coronavirus-Pandemie. Als systemrelevante Branche müssen die EVUs die Versorgungssicherheit garantieren und gleichzeitig die Ausbreitung der Pandemie eindämmen, indem man verstärkt auf mobiles Arbeiten setzt.

Auch mit dem Übergang in das Zielmodell beim Smart-Meter-Rollout und der damit verbundenen Marktkommunikation 2020 sowie mit den Bestimmungen des Brennstoffemissionshandelsgesetzes kommen auf die EVUs neue regulatorische Herausforderungen zu, die es in neuen Prozessen abzubilden gilt.

Zusätzlich treibt der Trend des Cloud Computing auch die Modernisierung der ERP-Systeme in der Branche voran. Auch in diesem Zusammenhang können einfach Prozessoptimierungsmöglichkeiten identifiziert werden, die dann nach der Optimierung für eine verbesserten Zukunftsfähigkeit sorgen werden. Ich sehe die EVUs hier auf dem richtigen Weg.

82 Prozent bewerten sich als kundenorientiert, können Sie das auch für die Praxis so bejahen?
Eine erhöhte Kundenzentralität bleibt das Maß der Dinge. Nah an den Wünschen und Bedürfnissen der Kunden zu sein, ist eines der wichtigsten Ziele der EVUs – das gilt schon seit mehreren Jahren. Dies bestätigt auch unser diesjähriger Branchenreport des KPMG Future Readiness Index.

Für die Zukunft sehe ich eine noch stärkere Entwicklung von Services und Dienstleistungen, die ganz individuell auf die Bedürfnisse von Kunden zugeschnitten werden können. Immer bessere Datenanalysen werden künftig ein optimales Churn Management mit sich bringen und individuelle Services und Tarife bedingen. Hier sehe ich vielversprechende Entwicklungen bei meinen Mandanten.

Die Fragen stellte Stephanie Gust

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