Der erste Blick fällt auf den Ausbau bei den Erneuerbaren (EE). Er bildet bis heute einen der großen Dreh- und Angelpunkte bei der Arbeit an der Energiewende in Tübingen. Denn ausreichend erneuerbarer Strom ist die Voraussetzung dafür, Wärmeversorgung und Mobilität Schritt für Schritt zu elektrifizieren und den Stromsektor selbst zu dekarbonisieren.
Seit fast 15 Jahren verfolgen die Stadtwerke Tübingen (SWT) einen klar definierten EE-Ausbaupfad. Bis 2027 sollen die eigenen Erzeugungsanlagen einen Stromertrag aus Wind, Sonne und Wasser produzieren, der rechnerisch dem jährlichen Stromverbrauch Tübingens entspricht. Und danach geht es weiter, um den prognostiziert steigenden Strombedarf ebenfalls aus eigenen Anlagen zu decken. 500 Millionen Euro wollen die SWT bis 2028 in ihren EE-Ausbau investieren, davon 125 Millionen Eigenkapital.
Wind, Photovoltaik und Batteriespeicher
Der Ausbau der Windenergie gleicht indes einer Langstreckenfahrt. Genehmigungsverfahren, wirtschaftliche Rahmenbedingungen, Förderkulisse rund um das EEG, Ausschreibungsverfahren oder Bürgerwiderstand: Es gibt viele Faktoren, die den Windkraftausbau bisweilen verlangsamen. 2025 kippte beispielsweise ein Bürgerentscheid das bereits fertig geplante Projekt in Ostelsheim. Bei bislang dreizehn Windparks ist es den SWT in den vergangenen Jahren dennoch gelungen, sie umzusetzen – teils gemeinsam mit den "KommunalPartnern".
Im Mai ging der bislang leistungsstärkste SWT-Windpark "Hohfleck" bei Sonnenbühl in Betrieb. Zehn Jahre dauerte es von den ersten Planungen bis zur Inbetriebnahme. Der Windpark steht damit in gewisser Weise exemplarisch für das Durchhaltevermögen und die Geduld, die kommunale Energieversorger bei der Energiewende brauchen. Sein Ertrag von 41 Millionen Kilowattstunden pro Jahr brachte den Erneuerbaren-Ausbaupfad der SWT auf 90 Prozent.
Ob die nächsten Windkraftprojekte weitere Sprünge bringen, ist jedoch offen. Eigentlich sind weitere Windparks auf dem Weg zur Genehmigung. Aber die Rahmenbedingungen für Windkraftausbau in Süddeutschland sind in Schieflage geraten. Energieversorger und ihre Süd-Projekte stehen zunehmend unter Druck. Sinkende Zuschlagswerte, überzeichnete Ausschreibungen, steigende Zinssätze und begrenzte EEG-Fördermittel erschweren wirtschaftliche Projekte. Die Folge: Selbst weit entwickelte Vorhaben müssen erneut auf ihre Wirtschaftlichkeit geprüft werden.
Und so muss sich auch der größte geplante Windpark der Stadtwerke Tübingen "Rammert" dem Wirtschaftlichkeits-Check stellen. Neun Anlagen in direkter Nähe zu Tübingen wären ein starkes Signal dafür, dass die Energiewende in Baden-Württemberg vorankommt. Die Stadtwerke geben die Hoffnung nicht auf, dass sich die Gesamtsituation für den Süden wieder verbessert.
Etliche Jahre hatte der Windkraftausbau in Baden-Württemberg fast stillgestanden. Photovoltaik rückte in den Fokus. Auch die SWT bauten ihren Bestand an Freiflächen-PV-Anlagen, die in ganz Deutschland verteilt sind, auf mittlerweile 25 aus. Für den Solarpark "Traufwiesen" haben die Stadtwerke Tübingen 2024 acht Hektar mit 15.054 Solarmodulen bestückt. Am selben Standort entlang der B27 findet sich auch ein in Baden-Württemberg bislang seltenes Projekt: Auf- und Abfahrten ("Ohren") wurden mit Photovoltaik bebaut. Als Nächstes planen die SWT bis Jahresende die Integration eines Batterie-Energiespeichersystems (BESS) in ihren größten Solarpark, um auch damit Erfahrungen zu sammeln.
Speicher können für die Energiewende eine immer wichtigere Rolle spielen.
Großwärmepumpe, Solarthermie und Netze
Ganz konkret und lokal eingeordnet, bringt das BESS durch seinen strategisch geplanten Standort neue Optionen für das zweite große Tübinger Wendemanöver: die Wärmewende. Nur einen Kilometer vom Speicherpark entfernt, entsteht ein Schlüsselprojekt für regenerative Wärmeerzeugung: Eine Abwasser-Wärmepumpe am Klärwerk mit 15 Megawatt thermischer Leistung soll in ihrer Endausbaustufe den Anteil erneuerbar erzeugter Wärme um gleich 95 Gigawattstunden (GWh) steigern. Mit 23 Millionen Euro Bundesförderung ist es zugleich das bislang größte geförderte Einzelprojekt der über 58-jährigen Tübinger Fernwärmegeschichte.
Als Zielgröße sind im Klimaschutzprogramm der Stadt 300 GWh Wärme aus regenerativen Quellen bis 2030 verankert. Momentan liefern die bestehenden Anlagen, ein Großteil davon noch fossil, knapp über 150 GWh. Fossile Anteile ersetzen und gleichzeitig die Gesamtproduktion erhöhen: Dieses doppelte Ziel funktioniert am besten mit leistungsstarken neuen EE-Erzeugungsanlagen.
Jüngstes Beispiel ist der Solarthermiepark "Au". Er wurde 2025 mithilfe von 5,6 Millionen Euro Bundesförderung umgesetzt. Die Anlage am Stadteingang ist – Stand Mitte 2026 – mit ihrer Kollektorfläche von ca. 12.000 Quadratmetern eine der größten in Baden-Württemberg. Das Wichtigste ist aber, dass sie eine Wärmemenge von 6000 Megawattstunden pro Jahr aus Sonnenkraft erzeugt und fossile Anlagen ersetzt. Ein Wärmespeicher mit 1250 Kubikmetern Volumen sorgt für zusätzliche Reserven und Flexibilität.
Neue Anlagen entfalten ihre Wirkung allerdings nur, wenn auch das Netz mitwächst. Dafür braucht es eine präzise Planung, um geeignete Standorte zu finden. Bis 2030 bauen die SWT zehn Kilometer neue Fernwärmeleitungen quer durch die Stadt. Seit 2012 ist das Netz um 46 Prozent auf 73 Kilometer gewachsen.
Im Fokus stehen seit 2023 die Hauptentwicklungsachsen: Fernwärmetrassen, um die Wärme von den zukünftigen Anlagen ins Stadtgebiet zu verteilen. 2024 unterquerten die SWT dafür per Düker mit der Leitung sogar den Neckar. Die Stadtwerke Tübingen schrecken dabei vor keiner Herausforderung oder Komplexität zurück – und sei es, wie 2024, das hoch über der Stadt gelegene 800 Jahre alte Schloss Hohentübingen ans Fernwärmenetz anzuschließen.
Elektrifizierung des ÖPNV
Komplexität eignet sich als roter Faden auch für die Herausforderungen für die Stadtwerketochter "TüBus" beim dritten großen Wendemanöver: Die Elektrifizierung des größten ÖPNV in der Region. Tübinger Stadtbusse befördern über 23 Millionen Fahrgäste pro Jahr. Bis 2028 soll die Busflotte zu 60 Prozent elektrisch fahren – ein deutlich höherer Elektrifizierungsgrad als der aktuelle Bundesschnitt ist das Ziel. Konkret: Laut dem PwC E-Bus-Radar 2026 sind es 14 Prozent.
20 E-Busse kommen 2027 und 2028 noch in die Stadt, gefördert vom Bundesministerium für Verkehr und über das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG). Der erste E-Bus feierte 2019 Premiere, nachdem über viele Jahre verschiedenste Hersteller und Modelle getestet worden waren.
Allein neue E-Busse anzuschaffen, reicht jedoch nicht. Die Umstellung auf Elektromobilität im ÖPNV verändert Betriebshöfe, Ladeinfrastruktur, Verkehrsplanung – das gesamte Stadtverkehr-Ökosystem. Nachdem "TüBus" erst kürzlich auch für die E-Ladeinfrastruktur Fördergelder von über 23 Millionen Euro vom Land erhalten hat, rücken die Ziele aus dem Tübinger Klimaschutzprogramm für den ÖPNV in greifbare Nähe. "TüBus" forciert deshalb den Bau dezentraler Ladeplätze im Stadtgebiet und entwickelt ein neues System aus Depot- und Zwischenladungen. E-Busse mit Pantografen-Technik können dort dann mit bis zu 360 Kilowatt schnell aufgeladen werden.
Just an diesem Punkt, beim Thema "Aufladen mit Strom aus erneuerbaren Energien", schließt sich der Kreis: Alle drei Wendemanöver benötigen leistungsfähige Netze. Für E-Mobilität bei Bus und Auto, für den Betrieb großer Wärmeerzeugungsanlagen, zum Transport von immer mehr EE-Strommengen und nicht zuletzt für eine steigende Zahl an Wärmepumpen.
Jetzt verbindet sich Transformation mit den Kernaufgaben kommunaler Daseinsvorsorge, zu denen essenziell der Erhalt und die Modernisierung der Versorgungsinfrastrukturen zählen. Deshalb modernisieren die Stadtwerke Tübingen kontinuierlich ihre Umspannwerke und verbessern die Leistungsfähigkeit des Stromnetzes.
Ob die Dreifach-Wende gelingt, hängt nicht an einem Einzelprojekt. Entscheidend ist das Zusammenspiel vieler Bausteine – von Wind- und Solarparks über Wärmenetze bis hin zur Ladeinfrastruktur. Die Erfahrungen der Stadtwerke Tübingen zeigen: Die Dreifach-Wende kann gelingen, wenn man sie integrativ betrachtet und strategisch angeht. Kommunale Energieversorger können dadurch zu Transformationsnavigatoren für die Energiewende werden.