Von Artjom Maksimenko
Der Hagener Energieversorger Südwestfalen Energie Wasser AG – Enervie hat das abgelaufene Geschäftsjahr mit einem Ergebnis vor Steuern in Höhe von 64,4 Millionen Euro abgeschlossen. Nach dem Rekordergebnis in Höhe von 67,9 Millionen Euro zeigte sich der Enervie-Vorstandssprecher Erik Höhne mit der aktuellen Entwicklung entsprechend zufrieden. Ihre regionale Wertschöpfung beziffert Enervie auf 230 Millionen Euro.
Insgesamt war das Jahr durch "herausfordernde Rahmenbedingungen geprägt", sagte Höhne bei der Vorstellung der Jahreszahlen zu Journalisten. Dazu zählte er die energiewirtschaftlichen Folgen des Krieges in der Ukraine, das anhaltend hohe Preisniveau mit ausgeprägter Volatilität auf den Energiemärkten sowie die welt- und deutschlandweiten, politischen Unsicherheiten. Das Ergebnis unter diesen Vorzeichen bestätige die Robustheit der Unternehmensgruppe. Trotzdem musste Enervie in einigen Bereichen, beispielsweise im Vertrieb, Rückschläge hinnehmen.
Absatzrückgänge und intensiver Wettbewerb
Im Vertriebssektor hatte Enervie sowohl im Gas- als auch im Stromsektor Absatzrückgänge zu verzeichnen. So hatten die beiden Tochtergesellschaften Mark-E und Stadtwerke Lüdenscheid 2024 an rund 400.000 Energiekunden sowie Energiehandelspartner 4,5 Milliarden kWh Strom (2023: 5 Mrd. kWh) und 3,4 Mrd. kWh Gas (2023: 4,7 Mrd. kWh) geliefert. Diese Entwicklung erklärte Höhne zum einen mit den Witterungsbedingungen, aber auch mit dem verstärkten Konkurrenzkampf im Vertrieb. "Das liegt nicht nur an den Anbietern, die nach der Beschaffungskrise wieder zurückgekehrt sind, sondern auch an zahlreichen neuen Anbietern", erklärte Höhne auf ZfK-Nachfrage.
Aufgrund der in den letzten beiden Jahren stark gefallenen Marktpreise für Strom und Gas hätten sich im Jahr 2024 langfristige Beschaffungsstrategien gegenüber kurzfristigen Beschaffungsstrategien am Markt zum Teil negativ ausgewirkt, hieß es zur Begründung. Auch die bekannten Einflussgrößen wie der plötzliche Ausfall des "Übertragungsnetzentgeltsponsorings", der vorzeitige Wegfall der Preisbremsen, die gestiegenen Umlagen sowie operative witterungsbedingte Einflussfaktoren hätten zur Folge, dass Mark-E und die Stadtwerke Lüdenscheid – wie auch andere Anbieter – Kundenverluste bei ihren Bestandskunden zu verzeichnen hatten. Nachdem sich die Marktpreise zunehmend stabilisierten, sei das Unternehmen wieder verstärkt in der Lage, wettbewerbsfähige Tarife anzubieten.
Mark-E und Stadtwerke Lüdenscheid hatten ihre Strompreise seit Anfang 2023 stabil gehalten und zum 1. Februar 2025 dann gesenkt. Ihre Gaspreise hatten beide Enervie-Töchter bereits zum 1. März 2024 gesenkt. Ihre Beschaffungsstrategie habe das Unternehmen angepasst, allerdings war dies keine Verschiebung zwischen Spot- und Terminanteilen im Portfolio. "Spot beschaffen wir überhaupt nicht, wir bleiben bei risikoarmer Strategie", sagte Höhne der ZfK. Vielmehr beschaffe sein Unternehmen kurzfristiger und nicht mehr so große Energiemengen auf einmal.
"Die berühmte Waschmaschine in der Nacht"
"Wir sehen den klassischen dynamischen Tarif, der nichts anderes tut, als den Börsenpreis abzurechnen, nicht als einen zentralen Nachfragetreiber", sagte Höhne der ZfK. In der öffentlichen Wahrnehmung werde dieser überbewertet. Viele Kunden sehen ihn als zu stark risikobehaftet oder auch zu komplex an. "Letztendlich wird damit nur der kleinste Teil des Privatverbrauchs gesteuert." Die berühmte Waschmaschine, die man nachts laufen lässt, steht nur in den wenigsten Haushalten, so sein Fazit. Das Angebot von Enervie an flexiblen Tarifen sei da praxisorientierter. So richtet sich der "FlexCharge"-Ladetarif an Besitzer von Elektrofahrzeugen. Denn ihre Last lasse sich überwiegend sehr gut steuern. Dabei müsse der Kunde sich nicht mit den Börsenpreisen beschäftigen, das mache sein Versorger für ihn und ermögliche ihm eine entsprechende Rückvergütung. Derzeit sei der Tarif in der Pilotphase. Da das Thema E-Autoförderung im neuen Koalitionsvertrag wieder ein Thema ist, könnte es die nötigen Anreize schaffen und den Tarif zusätzlich unterstützen.
Erzeugungssparte mit guter Performance
Positive Beiträge zum Gesamtergebnis lieferte erneut die Erzeugungssparte der Enervie. Zwar waren die Deckungsbeiträge aus Terminvermarktung bei der Gas- und Dampfturbinenanlage Herdecke (GuD) rückläufig, dafür ergaben sich mehr Opportunitäten aus Day-Ahead- und der Intraday-Vermarktung. Dafür habe Enervie technische Modifikationen vorgenommen und die Erzeugung an das geänderte Einsatzprofil angepasst. Dem Pumpspeicherwerk Rönkhausen kamen vor allem die steigenden Volatilitäten zugute. Der Erneuerbarenausbau fördere das Geschäftsmodell zunehmend, sagte Höhne. Die Biogasanlage des Versorgers ist 2024 nach 20 Jahren hingegen aus der Förderung gefallen. Hier suche Enervie nach neuen Möglichkeiten eines wirtschaftlichen Betriebs.
Hohe Netzinvestments
Neben der Erzeugung sorgte auch das Geschäft der Netzgesellschaft Enervie Vernetzt für eine positive Entwicklung. 2024 flossen insgesamt 80 Millionen Euro in den Ausbau und die Unterhaltung der Netze in der Region. Für das laufende Jahr soll dieser Investitionsbetrag auf 100 Millionen anwachsen. "Wir sind solide aufgestellt und konnten unsere Eigenkapitalquote dieses Jahr steigern", sagte Höhne. Daher werde die Beschaffung der nötigen Fremdmittel machbar sein.
Die Stadtwerke Hemer, Mark-E und Enervie Vernetzt haben Ende vergangenen Jahres ein neues Pachtmodell erarbeitet, das Anfang 2025 an den Start ging. Neben der Pacht des Strom-Vertriebsgeschäfts gehört auch die Pacht der Strom-, Gas- und Wassersnetze dazu.



