Vorstandschef Stefan Dohler sieht EWE nach einem erfolgreichen vergangenen Geschäftsjahr mit wichtigen strategischen Weichenstellungen gut für die Krise gerüstet, weist aber auf die inzwischen klarer zu Tage tretenden Belastungen durch die Corona-Pandemie hin. "Wir verzeichnen vertriebliche Nachteile durch den eingeschränkten Kontakt zu unseren Kunden, unser Handelsgeschäft leidet, weil die Produktion bei einigen Großkunden ruht oder stark eingeschränkt ist und die für diese Kunden eingekauften Mengen an den Energiemärkten derzeit meist nur mit Verlust weiterverkauft werden können", sagte Dohler am Donnerstag auf der digitalen Bilanzpressekonferenz.
EWE habe daher Vorkehrungen getroffen, um "Liquidität im Unternehmen zu halten" und sich damit auf eine eventuell länger andauernde Krise vorzubereiten. In einem ersten Schritt wird die ursprünglich für das vergangene Geschäftsjahr 2019 vorgeschlagene Dividendenausschüttung in Höhe von 146 Mio. Euro auf 98 Mio. Euro gekürzt. Dies geschehe in Abstimmung mit den EWE-Anteilseignern, die "auf diese Weise ihren Beitrag zur Liquiditätssicherung leisten", wie Finanzvorstand Wolfgang Mücher sagte.
"Seriöse" Prognose derzeit unmöglich
EWE gehört größtenteils Landkreisen und Städten, seit jüngstem ist der französische Infrastrukturinvestor Ardian mit 26 Prozent beteiligt. Angesichts der Unsicherheiten des wirtschaftlichen Umfelds sei für das laufende Geschäftsjahr eine "seriöse Prognose zum jetzigen Zeitpunkt unmöglich", sagte EWE-Chef Dohler weiter. Ursprünglich war ein Anstieg des operativen Ergebnisses vor Zinsen und Steuern (EBIT) in der Bandbreite von minus 15 bis plus 5 Prozent angepeilt worden.
Der Konzern werde aber bei Investitionen und Wachstum nicht komplett auf die Bremse treten, jedoch werde man "realistisch betrachtet" nicht im "ursprünglich geplanten Tempo vorankommen". Der bisherigen Planung zufolge sollen in den kommenden Jahren rund 700 Mio. Euro jährlich investiert werden. Für den Ausbau der erneuerbaren Energien sind in den kommenden zehn Jahren rund 1 Mrd. Euro vorgesehen. Ein Großteil davon entfällt auf die gerade vereinbarte Kooperation mit dem Windenergieanlagenhersteller Enercon zum Aufbau eines Erneuerbaren-Stromproduzenten.
EWE-Shops zum Teil wiedereröffnet
Für die Rückkehr in eine "neue Normalität" hat EWE einen Stufenplan entwickelt, der sich "am Takt der politischen Vorgaben orientiert", wie Dohler sagte. In einem ersten Schritt seien etwa Umbaumaßnahmen zur Einhaltung von Hygienevorschriften und Abständen realisiert worden, so dass inzwischen 17 EWE-Shops wiedereröffnet werden konnten.
Mit dem vergangenen Geschäftsjahr 2019 zeigte sich Dohler zufrieden. Die Ergebnisziele seien in allen wesentlichen operativen Segmenten "erreicht oder übererfüllt" worden. Mit der Veräußerung der türkischen Gesellschaften im 1. Halbjahr, der Entscheidung für ein Joint Venture zum Glasfaserausbau mit der Deutschen Telekom und der Bekanntgabe des neuen strategischen Wachstumspartners Ardian im Dezember seien drei Transaktionen mit hoher strategischer Bedeutung umgesetzt worden.
Klimapolitische Agenda im Blick behalten
Das operative Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) lag mit 455,9 Mio. Euro um knapp 21 Prozent über dem Vorjahresergebnis. Der Umsatz war mit rund 5,7 Mrd. Euro nahezu so hoch wie in 2018. Beim Jahresergebnis gab es ein Minus von knapp 24 Prozent auf 127,5 Mio. Euro. Verantwortlich dafür sei die bilanzrechtlich vorgeschriebene Stichtagsbewertung von Energiederivaten, erklärte Finanzvorstand Mücher.
An die Bundesregierung richtete EWE-Chef Dohler den Appell, trotz der Herausforderungen durch die Corona-Pandemie die klimapolitische Agenda nicht aus den Augen zu verlieren. "Wer in diesen Tagen auf die Reaktivierung der Wirtschaft blickt und meint, man könne sich Nachhaltigkeit, grüne Innovationen, Umwelt- und Klimaschutz dabei nicht leisten, ist auf dem Irrweg", sagte Dohler.
Wasserstoffstrategie im Fokus
EWE setze zudem stark auf die schon länger angekündigte Wasserstoffstrategie. "Wir wollen das Thema Wasserstoff weiterhin konsequent verfolgen, denn wir sehen gerade bei der Industrie und der Mobilität künftig einen hohen Bedarf", so der EWE-Chef. (hil)
