Die Anrufe besorgter Kunden haben inmitten von Ukraine-Krieg und Energiepreiskrise deutlich zugenommen, bestätigen mehrere Stadtwerkechefs.

Die Anrufe besorgter Kunden haben inmitten von Ukraine-Krieg und Energiepreiskrise deutlich zugenommen, bestätigen mehrere Stadtwerkechefs.

Bild: © Thomas Reimer/AdobeStock

Sie haben keine großen Lieferverträge mit Russlands Energieriesen Gazprom, betreiben üblicherweise keine großen Gasspeicher und sind auch außen vor, wenn es um die Finanzierung von LNG-Terminals in Deutschland. Und doch spielen kleinere Stadtwerke eine große Rolle, wenn es darum geht, Kunden vor Ort die große, außer Fugen geratene Gaswelt da draußen zu erklären.

Dabei waren Geschäftsführer von Wunstorf im Norden bis Radolfzell im Süden selbst entsetzt, als russische Soldaten in die Ukraine einfielen und die Gaspreise in neue Rekordhöhen schossen. Die ZfK wollte wissen, wie einzelne Stadtwerke mit der neuen Lage umgehen.

Einstieg in moderne Vollversorgung

Die Stadtwerke Wunstorf vor den Toren Hannovers haben sich früher selbst eingedeckt. Doch als im vergangenen Jahr die Großhandelspreise stiegen, entschieden sie sich, in eine moderne Vollversorgung überzugehen.

"Seitdem übernimmt sowohl das Bilanzkreismanagement als auch die Mengenbeschaffung je ein Partner pro Energieart", sagt Geschäftsführer Henning Radant. "Ob sich unser Wechsel auszahlen wird, wird sich zeigen. Zumindest ist dies aber mit weniger Risiko behaftet als in der Vergangenheit."

Wöchentliche Tranchen

Der Kommunalversorger hat sich im Rahmen des Vollversorgungsvertrags gewisse Flexibilität gekauft, was die Einkaufsmenge betrifft. Er kann je nach Kundenfluktuation und Witterung um 15 Prozent nach unten oder oben abweichen. Zudem beschafft er einen Teil der Gesamtmenge in wöchentlichen Tranchen.

"Wir nehmen also prinzipiell niedrige und hohe Preise mit", erklärt Radant. "Leider befinden wir uns aber zurzeit in einem steigenden Markt. Deshalb werden wir wohl einer weiteren Preissteigerung für unsere Kunden am Ende des Jahres nicht aus dem Weg gehen können."

Neues Gasprodukt

Ausgerechnet jetzt bewerben die Stadtwerke Wunstorf über die Vertriebstochter Energie Nordschaumburg ein eigenes grünes Gasprodukt. (Die ZfK berichtete.)

"Wir sind gespannt, wie das anlaufen wird", sagt der Geschäftsführer. "Wir haben auf jeden Fall eine gewisse Reserve an Energie da, die wir verkaufen können. Das sollte 2022 für jene 500 Kunden reichen, die wir jedes Jahr anpeilen. Diese werden wir aber nur für unsere Vertriebstochter zur Verfügung stellen."

L-Gas-Bezieher

Als derzeit größtes Risiko sieht Radant mögliche physische Gaslieferengpässe an. Dabei befindet sich Wunstorf als L-Gas-Bezieher in einer besonderen Situation. L-Gas wird vorwiegend in Deutschland und in den Niederlanden gefördert. Zudem hätten seine Stadtwerke die Möglichkeit aus beiden Netzen Gas zu beziehen, sagt der Manager. "Insofern haben wir eine gewisse Sicherheit." Ob dies für den Ernstfall reiche, werde man dann sehen.

Für die aktuelle Lage am deutschen Gasmarkt macht Radant auch "große Konzerne", die mit Gazprom langfristige Importverträge geschlossen hätten, verantwortlich. Diese hätten eigennützig mit Lobbyarbeit verhindert, dass Deutschland über eigene LNG-Terminals beliefert werden könnte.

"Meine größte Sorge"

Sollte Erdgas in Deutschland knapp werden, dürfte dies der gasspeicherarme und industriereiche Süden Deutschlands mit als Erster zu spüren bekommen. Das weiß auch Andreas Reinhardt, Geschäftsführer der Stadtwerke Radolfzell am Bodensee.

Er sagt: "Meine größte Sorge ist, dass unsere Gasimporteure trotz bester Mühen ihre Lieferverpflichtungen nicht mehr sicherstellen können." Das hätte nicht nur Auswirkungen auf die Wärmeversorgung, sondern zuallererst auf industrielle Prozesse. "Auf diese Möglichkeit sollten die Politik und wir vorbereitet sein."

Stopp des Neukundenvertriebs

Es stimme, dass Russland auch in schwierigsten Zeiten des Kalten Kriegs zuverlässig Gas geliefert habe. Er gehe davon aus, dass dies auch diesmal der Fall sein werde. "Ganz sicher sein kann man sich aber nicht", sagt Reinhardt. "Russland ist ein schönes Land mit ausgezeichneter Wissenschaft, Kultur und Sport, aber [Präsident Wladimir] Putin ist unberechenbar."

Viele kommunalen Unternehmen haben ihren Neukundenvertrieb außerhalb des eigenen Netzgebiets eingestellt. So auch die Stadtwerke Radolfzell. Das aktuelle Risiko bei Kundenzuwachs könne man nur bedingt abfangen, erklärt Reinhardt. "Zudem ist für uns nicht die Menge entscheidend, sondern der Margenerhalt."

Stadtwerke-Portfolio verteuert sich

Die hohen Preise im Großhandel seien für Kommunalversorger ein Risiko, sagt er. "Ich kann jedem Stadtwerkekollegen nur empfehlen, sich strikt an das Risikohandbuch des eigenen Hauses zu halten."

Die Gaspreiskrise macht sich nicht mehr nur am kurzen Ende der Terminkurve bemerkbar, sondern auch bei längerfristigen Futures. Damit verteuert sich das Portfolio auch zunehmend für Stadtwerke, die weit im Voraus einkaufen.

Gefahr hoher Verluste

Liquiditätsprobleme hätten die Stadtwerke Radolfzell aktuell aber nicht, sagt Reinhardt. "Notfalls hätten wir zudem Kreditlinien der Stadt in der Hinterhand, die wir noch nicht in Anspruch genommen haben."

Zumindest ein Stadtwerkechef äußerte die Sorge, dass eine anhaltend hohe Großhandelspreise auch für konservativ einkaufende Stadtwerke zum Problem werden könnten. Und zwar dann, wenn die Preise irgendwann wieder stark fallen würden und die kurzfristiger beschaffende Konkurrenz deutlich billigere Angebote machen könnten.

Loyale Kunden als Trumpf

Würden Kunden  in größerer Zahl wechseln, müssten Versorger gegebenenfalls bereits eingekaufte Mengen zu viel tieferen Preisen im Großhandel verkaufen. Dies könnte schnell zu hohen Verlusten führen.

Andere Stadtwerkechefs halten dagegen, dass ein Großteil ihrer Kunden ohnehin über Fixpreisverträge gebunden sei, was das Ausfallrisiko minimiere. Zudem verweisen sie darauf, dass ihr Kundenstamm sehr loyal, das Wechselrisiko entsprechend niedrig sei. Man rechne außerdem nicht damit, dass die meisten Neukunden, die nach Lieferstopps und Pleiten von Grundversorgern von Billiganbietern zu ihnen gekommen seien, dauerhaft bleiben.

Neue Preisrunden

Sorgen machen allen dagegen neue Preisrunden, die spätestens zum Jahresende unumgänglich sein dürften. Diese würde gerade für ärmere Privatkunden, aber auch für Unternehmen erhebliche bis hin zu existenzbedrohende Belastungen bedeuten. Dass die Politik versucht, die Auswirkungen abzufedern, stößt bei Stadtwerken auf Zustimmung. Auf Dauer würde aber nur deutlich niedrigere Beschaffungskosten die Energiepreiskrise beenden, heißt es.

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