Der Netzengpass befindet sich beim vorgelagerten Netzbetreiber Netze BW, er betrifft aber rund 80 Prozent des Versorgungsgebiets des regionalen Verteilnetzbetreibers E-Werk Netze.

Der Netzengpass befindet sich beim vorgelagerten Netzbetreiber Netze BW, er betrifft aber rund 80 Prozent des Versorgungsgebiets des regionalen Verteilnetzbetreibers E-Werk Netze.

Bild: © Netze BW

Die Region Mittelbaden ist ein attraktiver und florierender Wirtschaftsstandort. Das gilt auch für den großen Flächenlandkreis Ortenau mit Städten wie Offenburg, Lahr oder Kehl. In der Stadt Lahr etwa entsteht aktuell das größte bebaubare Gewerbegebiet Baden-Württembergs. Doch seit Oktober vergangenen Jahres hat sich die Aufbruchstimmung massiv eingetrübt. Grund ist ein Netzengpass des vorgelagerten Netzbetreibers Netze BW, der rund 80 Prozent des Versorgungsgebiets des regionalen Verteilnetzbetreibers E-Werk Netze betrifft. Dies hängt wesentlich mit dem sprunghaften Anstieg der Netzanschlussanfragen in den vergangenen zwei Jahren zusammen.

Gleichzeitig bestehen keine Einschränkungen auf der Einspeiser-Seite bei E-Werk Netze. Neue Anlagen für erneuerbare Energien können nach wie vor angeschlossen werden. Bislang sind im Netzgebiet der E-Werk Netze keine Redispatch-Maßnahmen im Verteilnetz erforderlich.



"Noch nie da gewesene Situation"

Von einem "flächenmäßig außerordentlich großen Engpass" und einer "noch nie da gewesenen Situation" spricht Bernhard Palm, der Vorstandsvorsitzende des E-Werks Mittelbaden, dem Mutterkonzern der E-Werk Netze. Es gebe viele ansiedlungswillige Unternehmen, deren Anfragen nach einem Netzanschluss man derzeit ablehnen müsse oder nur in einem reduzierten Umfang nachkommen könne. Bis 2032 oder gar 2035 sehe man da perspektivisch keine Chance. Das gelte insbesondere für energieintensive Betriebe und Anlagen, wie etwa Großbatteriespeicher und Schnellladeparks, aber auch die Installation von Großwärmepumpen oder die Erschließung von Neubaugebieten. 



Netze BW hat sechs zentrale Bereiche identifiziert

Der Netzengpass im 110-kV-Netz der Netze BW im Ortenaukreis ist vor allem darauf zurückzuführen, dass das Stromnetz heute deutlich anders genutzt werde als früher, heißt es bei Netze BW auf Anfrage. Immer mehr dezentrale Anlagen speisten Strom in Netzebenen ein, die ursprünglich vor allem für die Verteilung gedacht waren. Im Ortenaukreis werde diese Dynamik besonders sichtbar: Allein 2025 gingen Neuanfragen für Strombezug ein, die rund 50 Prozent der aktuellen regionalen Spitzenleistung entsprechen.

Netze BW hat im Ortenaukreis deshalb sechs zentrale Bereiche identifiziert, in denen das Netz gezielt verstärkt werden muss. Dort werde man bestehende Umspannwerke modernisieren und leistungsfähiger machen oder – wo es erforderlich ist – neue Anlagen errichten und Leitungsanlagen verstärken. "Ziel ist es, die Engpässe im Hochspannungsnetz Schritt für Schritt zu reduzieren und die Versorgung langfristig zu sichern", so eine Sprecherin von Netze BW. Rund um Offenburg etwa sollen bis 2030 erste Maßnahmen mit "spürbaren Verbesserungen abgeschlossen sein", in Lahr soll das bis 2032 der Fall sein. "Der vollständige Ausbau ist nach heutigem Stand im Zeitraum 2035 bis 2037 vorgesehen", so die Sprecherin weiter.

Bernhard Palm ist seit Juli 2023 Vorstand beim E-Werk Mittelbaden, seit Juli 2025 ist er Vorstandsvorsitzender des Kommunalversorgers mit Sitz in Lahr.Bild: © E-Werk Mittelbaden

Die wirtschaftliche Entwicklung in Mittelbaden droht dauerhaft stark ausgebremst zu werden.

Bernhard Palm

Vorstandsvorsitzender E-Werk Mittelbaden

Betroffen von dem Netzengpass ist auch der Schwerlastverkehr. Durch die Region führt die Autobahn A 5, eine wichtige Transitroute in die Schweiz. Der Ladebedarf für Lkw ist entsprechend hoch, doch leistungsstarke Ladestationen für E-Lkw können derzeit nicht ausgebaut werden.

"Wenn wir nicht dauerhaft mehr Energie zur Verfügung stellen können, droht die wirtschaftliche Entwicklung in der Region dauerhaft stark ausgebremst zu werden", verdeutlicht der Chef des E-Werks-Mittelbaden, Bernhard Palm. Das Telefon bei der Tochter E-Werk Netze steht daher seit Oktober nicht mehr still.

"Es handelt sich um keinen theoretischen Lastengpass, sondern um einen physikalischen Engpass in den Wintermonaten für eine einzelne Viertelstunde", verdeutlicht Matthias Heck, Technischer Geschäftsführer von E-Werk Netze. Seitdem die Tragweite des Engpasses bekannt ist, befinde man sich bei dem Betreiber des vorgelagerten Netzes im "Dauer-Arbeitsmodus".  Gemeinsam mit Netze BW wurde im Dezember die Taskforce "Netz 2030" gegründet. Ziel ist es, zusätzliche Anschlussmöglichkeiten zu schaffen, alternative Versorgungskonzepte zu entwickeln und die erforderlichen Netzausbaumaßnahmen voranzutreiben. "Wir setzen nicht allein auf den konventionellen Ausbau des vorgelagerten 110-kV-Netzes. Unsere Taskforce verfolgt das Ziel, mehrere zeitlich gestaffelte und miteinander verzahnte Lösungsansätze umzusetzen", sagt Heck (siehe separate Infobox).

Flexible Netzanschlüsse

Taskforces

Ein ganzes Bündel an Maßnahmen wird aktuell in der "Taskforce 2030" evaluiert, um die Situation zu verbessern. Kurzfristig wolle man durch intelligentes Lastmanagement und flexible Netzanschlüsse vorhandene Kapazitäten besser nutzen, erklärt Matthias Heck, Technischer Geschäftsführer von E-Werk Netze. Mittelfristig gehe es um netzdienliche Erzeugungs- und Speicherleistung, unter anderem um Erzeugungskonzepte im Raum Lahr. Langfristig werde der Neubau und die Verstärkung der 110-kV-Infrastruktur sowie ein möglicher neuer Netzverknüpfungspunkt zur Höchstpannungs-Ebene (380-kV) in Betracht gezogen. "Entscheidend für uns ist die Kombination der Maßnahmen, nicht einzelne Lösungen", sagt Heck.

In einer weiteren Taskforce arbeitet E-Werk Netze zudem mit Netze BW und Transnet BW an flexiblen Lösungen, um schnellstmöglich die Anschlussbegehren der Kunden erfüllen zu können. Auch das Umweltministerium Baden-Württemberg, das Regierungspräsidium Freiburg und der Regionalverband sowie die betroffenen Kommunen sind Teil dieser Arbeitsgruppe.



Entspannen könnte die aktuelle Situation auch der Zubau zusätzlicher Erzeugungskapazitäten in der Region. "Deshalb diskutieren wir über alle Optionen neben dem Netzausbau, die uns in der aktuellen Situation helfen können", ergänzt Bernhard Palm.

Dutzende Windpark-Projekte in der Pipeline

Denn eigentlich sei das Mittelspannungsnetz der E-Werk Netze gut ausgebaut und könne zusätzliche Leistung problemlos aufnehmen.

 Doch hier steht der Vorstandsvorsitzende vor einem weiteren Dilemma. 40 Windparkprojekte habe man in der Entwicklungspipeline. Der Schwarzwald gilt als windhöffige Region, das Potenzial der Winderträge soll durchaus an das im Norden und Osten Deutschlands heranreichen. Doch bei der jüngsten Ausschreibung für Onshore-Wind-Projekte sei das Unternehmen erneut leer ausgegangen. "Wir könnten all diese Windparks bauen, wenn es hier keine Wettbewerbsverzerrung geben würde", kritisiert er.

Die Kosten des Netzausbaus von Norden nach Süden trage der Verbraucher, ebenso die Kosten für die Abregelung (Redispatch) bei Stromüberschüssen. "Aber die etwas höheren Baukosten aufgrund unserer Topografie bekommen wir nicht vergütet. Das ist ein enormer Nachteil für uns", stellt er klar.

Weil die Region aber schnell neue Erzeugungskapazitäten benötigt, denkt Palm mittlerweile sogar über den Bau großer, gasbetriebener, wasserstofffähiger Gaskraftwerke und eine Teilnahme an den künftigen Kraftwerksausschreibungen (Strom-VKG) nach. Auch diese Option sei Teil der Lösungsmöglichkeiten, die gerade noch evaluiert werden, heißt es.

Kein Strom für neue Lkw-Ladesäulen

Kommunalpolitisch ist dieser Netzengpass naturgemäß ein ganz heißes Eisen. "In dieser Dimension ist das auch auf politischer Ebene Neuland", sagt Bernhard Palm. Man habe alle betroffenen Partner, Bürgermeister, Behörden und das Land ganz offen informiert und versucht, diese für die Problematik zu sensibilisieren.

"Wir wollten in der Kommunikation vor die Welle kommen, die frühzeitige Information war extrem wichtig", betont der Vorstandsvorsitzende des E-Werks Mittelbaden. Im April 2026 gab es daher eine große Pressekonferenz.

 Anfangs habe es wenig öffentliche Rückmeldungen gegeben. Jetzt, wo sich die Auswirkungen für die Region konkretisierten, sei das Thema in der öffentlichen Diskussion viel präsenter, ergänzt Matthias Heck. Ein Bericht des SWR über einen Tankstellenbetreiber, dessen Netzanschlussbegehren für mehrere E-Lkw-Ladesäulen mehrfach abgelehnt worden waren, erreichte bundesweit Aufmerksamkeit.

Der E-Werk-Netze-Geschäftsführer steht mit vielen betroffenen Unternehmen im engen Austausch. Dabei gehe es auch darum, alternative Möglichkeiten aufzuzeigen, etwa eine Ansiedlung an einem anderen Standort oder aber eine Überprüfung, ob die angeforderte Größe des Anschlusses redimensioniert werden könne.

"Physik schlägt hier Ideologie"

Die betroffenen Kommunen sind ebenso Anteilseigner des E-Werks Mittelbaden wie die Netze-BW-Mutter EnBW. Die Zusammenarbeit bei der Bewältigung sei gut, sagt Bernhard Palm: "Das ist für uns alle eine neue Herausforderung, die wir nur gemeinsam bewältigen können." 

Er sieht in der aktuellen Entwicklung einen klaren Beleg dafür, dass die Voraussetzungen für die Energiewende deutschlandweit sehr unterschiedlich sind.

Eine Fülle an Sonderfaktoren hätten zu der aktuellen Situation geführt. Mittelbaden sei eine stark industrialisierte Region, gleichzeitig gebe es dort noch viele vorhandene Gewerbeflächen. Die vor Ort erzeugten Energiemengen reichten nicht aus, um diese wachsenden Bedarfe zu decken. Die fortschreitende Mobilitätswende und der wachsende Bedarf an Lkw-Ladesäulen verschärfe die Situation zusätzlich. 

"Physik schlägt hier Ideologie", ist Palm überzeugt.

Die Energiewende könne bundesweit nur gelingen, wenn regenerativer Strom dort erzeugt werde, wo er benötigt wird, betont der Vorstandsvorsitzende des E-Werks Mittelbaden. Ansonsten drohe eine Abwanderung der energieintensiven Industrie vom Süden in den Norden. Deshalb müsse das Erneuerbare-Energien-Gesetz reformiert und die Förderkulisse für Windenergieanlagen im Süden entsprechend angepasst werden.

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