Von Andreas Lorenz-Meyer
Bisher waren bei den Stadtwerken Herrenberg alle Sparten unter einem Dach versammelt: Wasser, Strom, Gas, Wärme, erneuerbare Energien, Telekommunikation, Bäderbetrieb, Stadtbusangebot und Parkplatzbewirtschaftung. Das wird sich nun ändern. Geplant ist, die beiden Wachstumsfelder Strom- und Gasvertrieb auszulagern und dafür eine GmbH zu gründen – gemeinsam mit einem Partner, der in den nächsten Wochen und Monaten gesucht wird.
Damit folgen die Stadtwerke aus der Nähe von Stuttgart der Empfehlung des Wirtschaftsberatungsunternehmens Eversheim Stuible, das im Auftrag der Stadt Herrenberg, der alleinigen Gesellschafterin der Stadtwerke, eine Unternehmensanalyse durchgeführt hatte.
Anfang April soll der Gemeinderat der möglichen Umstrukturierung noch zustimmen. Ob es letztendlich zu einer GmbH-Gründung kommt, entscheidet der Gemeinderat zu einem späteren Zeitpunkt, wenn sich potenzielle Kooperationspartner vorgestellt haben. Stadtwerkeleiter Steffen König ist zuversichtlich, dass alles klappt: "Der Gemeinderat wird das Thema kritisch-konstruktiv prüfen, aber alle Beteiligten eint der Wille, zukunftsweisende Veränderungen am Eigenbetrieb vorzunehmen."
Verluste fressen Gewinne auf
Notwendig ist die Neustrukturierung, weil die wirtschaftliche Entwicklung der einzelnen Sparten auseinanderdriftet. Bäder, Busse und Parkplätze sind Verlustgeschäfte. Der Betrieb der Bäder zum Beispiel deswegen, weil er personalkostenintensiv ist und viel Energie verbraucht. Strom- und Gasvertrieb bringen zwar Gewinne, konnten die Verluste aber zuletzt nicht mehr ausgleichen. "Vor allem seit 2021 ist das Gesamtunternehmensergebnis rückläufig, was natürlich unsere Innenfinanzierungskraft schwächt – und auf die sind wir in den nächsten Jahren mehr denn je angewiesen."
König erklärt den Hintergrund: Wie alle Versorgungsunternehmen Deutschlands bewege man sich in einem immer volatileren Geschäftsfeld. "Wir haben es mit einem zunehmend härteren Wettbewerb und dem voraussichtlichen Ende des klassischen Geschäfts mit fossilem Erdgas zu tun. Zudem gibt es stärker schwankende Energiepreise. Das alles beschleunigt die ohnehin notwendige Transformation." Daher sei es erforderlich, die Investitionen deutlich zu erhöhen – nicht nur in den angestammten Sparten wie der Wasserversorgung, sondern auch in den Sparten Wärme und erneuerbare Energien.
Der Kommunale Wärmeplan Herrenbergs sieht die Klimaneutralität bis 2040 vor. Dann sollen keine fossilen Einzelheizungen mehr in Betrieb sein und die Wärmenetze ohne fossile Brennstoffe betrieben werden. "Die Investitionsvolumina für die Dekarbonisierung der Wärmeerzeugung sind immens. Diese große Herausforderung können wir mit der Auslagerung unserer Gewinnsparten und einem geeigneten Partner besser bewältigen."
Nutzwertanalyse bei der Kandidatenkür
Die Rechtsform der GmbH ist gewählt worden, weil sie gesellschaftsrechtliche Kooperationen mit Partnern erlaubt, erklärt Herrenbergs Erster Bürgermeister Stefan Metzing. Mit der heutigen Rechtsform des Eigenbetriebs wäre das nicht möglich. Die Entscheidung, mit wem Herrenberg eine Partnerschaft eingeht, soll noch vor der kommunalpolitischen Sommerpause fallen. Um die Prüfung der Kandidaten auf eine objektive Grundlage zu stellen, wird eine Nutzwertanalyse durchgeführt.
Der liegen Kriterien wie Finanzkraft, Übereinstimmung der strategischen Ausrichtung, personelle und prozessuale Ressourcen, aber auch die räumliche Nähe zugrunde. "Uns geht es zudem darum, dass beide Seiten von den jeweiligen Stärken des anderen profitieren können." Am Ende gibt es eine Gesamtbewertung.
Was genau geht die GmbH an? Geplant ist im ersten Schritt die Vergrößerung des Vertriebsportfolios durch neue Produkte im Bereich Wärme und erneuerbare Energien, die auf den Privatkundenmarkt zugeschnitten sind. "Wir denken da an kombinierte Energielösungen, die alles aus einer Hand liefern – zum Beispiel Solaranlagen zur Energieerzeugung mit dem dazu passenden grünen Stromtarif, Wärmepumpen zum Heizen und gegebenenfalls eine Ladelösung zum Laden des eigenen Elektroautos."
Dieser Bereich soll deutlich stärker wachsen als bisher. Eine strategische Partnerschaft sei da in vielerlei Hinsicht hilfreich. Bei Personalkapazitäten, Geschäftsprozessen, IT-Systemen und in puncto Marktabdeckung. "Je positiver die Ergebnisbeiträge des Vertriebs dann ausfallen, desto stärker ist auch die Basis für die notwendigen Investitionen in die Wärme- und Energiewende. Dabei haben wir nicht nur unser Betriebsergebnis im Blick, sondern wollen auch attraktive Angebote zu marktfähigen Preisen anbieten."
Weitere Projektgesellschaften geplant
Neben der Erweiterung des Vertriebsportfolios sind zudem größere Bauprojekte denkbar, etwa großflächige Photovoltaikanlagen oder die Entwicklung von Wärmenetzen für einen umfangreicheren Abnehmerkreis mit größtenteils privaten Einzelkunden. Inwieweit diese machbar sind, hängt auch vom kommenden Partner ab.
Sie werden fallbezogen geprüft und bei gegebener Wirtschaftlichkeit realisiert. Der Fokus liegt dabei auf Neuanlagen. Für diese kapitalintensiven Vorhaben im Bereich erneuerbare Energien und Wärme sollen neben der Vertriebsgesellschaft eine oder mehrere Projektgesellschaften gegründet werden – auch dies war in der Unternehmensanalyse so empfohlen worden. "Die Abwicklung über eine separate Gesellschaft folgt dem Gedanken, Ressourcen, Verantwortlichkeiten und Ergebnisse klar abzugrenzen", sagt König. Auch Bürgerbeteiligungsmodelle seien so möglich.
Was wird aus den restlichen Sparten? Das Wasser- und Gasnetz sowie die Verlustsparten Bäder, Bus und Parkplätze werden im Eigenbetrieb weitergeführt. "Bei den Bädern handelt es sich um eine wichtige Leistung der Daseinsvorsorge, die unter anderem das Schul- und Vereinsschwimmen ermöglicht. Daher steht für uns die Beibehaltung dieser Leistung außer Frage." Ob die Bereiche Parken und ÖPNV bleiben, ist jedoch unsicher. Hier wird geprüft, ob sie im heutigen Umfang durch die Stadtwerke weiter erbracht werden sollten. Oder ob es besser ist, sie abzugeben.
