Hitze und Trockenheit treiben in diesem Sommer die Spotpreise für Strom. Zu Wochenbeginn kostete die Megawattstunde (MWh) Strom (Baseload) am Spotmarkt 149,79 Euro.
"Neben einem generell höheren Preisniveau lassen sich die Effekte vor allem in veränderten Länderspreads beobachten. In den beiden Vorjahren überstieg der französische Spotmarkt (Baseload) die deutschen Abrechnungspreise im Hochsommer (Juli/August) jeweils an nur einem Tag – in diesem Jahr hingegen an bereits sechs Tagen", schreibt Jan Brübach, Geschäftsführer von MVV Trading, auf ZFK-Anfrage. Zum Wochenstart notierten die Spotmarktpreise in Ungarn, Rumänien und weiteren südosteuropäischen Gebotszonen am oberen Ende der europäischen Spanne.
Niedrigwasser trifft Kernkraft – und den Markt gleich mit
Die hohen Werte in Südosteuropa kommen nicht von ungefähr. Wegen des historisch niedrigen Wasserstands an der Donau schaltet Ungarn sein Atomkraftwerk Paks vollständig ab. Damit fallen 2000 Megawatt Stromproduktion vorerst weg. Die Stromversorgung für Großverbraucher in der Industrie könnte eingestellt werden, falls diese die von ihnen erwartete Verringerung des Verbrauchs nicht umsetzen, schrieb Regierungschef Péter Magyar nach dpa-Angaben.
Auch in Rumänien mussten in der vergangenen Woche zwei Blöcke eines Atomkraftwerks heruntergefahren werden. Dort griff die Marine zu ungewöhnlichen Maßnahmen und sprengte Felsen in der Donau, um Kühlwasserzufuhr zu einem AKW zu sichern (siehe Bild). In Frankreich wurden ebenfalls Reaktoren abgeschaltet.
Einige GuD-Kraftwerke brauchen Kühlwasser
Gaskraftwerke benötigen in Hitzephasen ebenfalls häufiger Kühlung – vor allem dann, wenn Strom über Dampfprozesse erzeugt wird. Größere Einschränkungen durch die aktuelle Lage sind nach Angaben großer deutscher Kraftwerksbetreiber derzeit allerdings nicht bekannt und nicht zu befürchten.
Jede Anlage verfüge über eine individuelle wasserrechtliche Genehmigung, deren Vorgaben sich auf den Betrieb auswirkten, teilt eine EnBW-Sprecherin auf Anfrage mit. Diese richte sich nach der Anlagenkonfiguration – etwa ob ein Kühlturm vorhanden ist – und nach Standortfaktoren wie Durchsatzmenge, Fließgeschwindigkeit, Pegelstand und Wassertemperatur. "Entscheidend ist vor allem die Art der Kühlung: Ältere Anlagen nutzen häufig noch Durchlaufkühlung mit Flusswasser“, erklärt sie. Neue Kraftwerke seien damit in der Regel nicht mehr genehmigungsfähig.
Umlaufkühlung statt Flusswasser – Verweis auf Redundanzen
Moderne Gaskraftwerke wie EnBW sie in Stuttgart-Münster bereits im Betrieb sowie in Heilbronn und Altbach/Deizisau im Bau hat, kühlen demnach über Kühltürme im Umlaufbetrieb. "Es wird nur das verdunstete Wasser ersetzt, bei Bedarf zusätzlich Kühlwasser ausgetauscht", heißt es. Das funktioniere auch bei Niedrigwasser in der Regel problemlos.
Auch der RWE-Konzern muss hitzebedingt derzeit keine Kraftwerke drosseln. "An unseren Standorten mit Gas- und Dampf-Kombikraftwerken sind wir in der Lage, auch in heißen Sommern zuverlässig Strom zu erzeugen", sagt ein Sprecher. Man verfüge über Redundanzen bei der Kühlwasserversorgung. Neben fließenden Gewässern gebe es weitere Möglichkeiten, etwa die Nutzung von Grundwasser oder gespeichertem Regenwasser.
Wasserkraft: EnBW und RWE produzieren weniger Strom
Deutlich spürbarer sind die Effekte bei der Wasserkraft. Viele Anlagen erzeugen derzeit nur mit deutlich reduzierter Leistung Strom – betroffen sind davon auch RWE und EnBW. "Aktuell zeigen sich Auswirkungen bei Laufwasserkraftwerken, deren Stromerzeugung direkt von der Wasserführung der Flüsse abhängt", heißt es bei EnBW. Kleinwasserkraftwerke seien wegen des Wassermangels bis auf wenige Ausnahmen außer Betrieb. Am Rhein und an der Iller passe EnBW den Kraftwerksbetrieb und die Fahrweise an die geringen Abflüsse an.
Angesichts wiederkehrender Niedrigwasserstände und Dürreperioden stellt man sich bei EnBW darauf ein, dass die Erzeugungsleistung aus Wasserkraftwerken künftig stärker schwanken wird. Niedrige Wasserstände könnten die Erzeugung zeitweise begrenzen. EnBW sei aber breit aufgestellt, um Schwankungen einzelner Erzeugungsarten über den Kraftwerkspark und über die Netze auszugleichen.
Gas bleibt der Taktgeber – trotz Solar-Dellen im Preis
Bei RWE zeigt man sich wenig überrascht vom Rückgang der Produktionsmengen in den eigenen Laufwasserkraftwerken. Diese liegen aktuell unter dem Niveau des Herbstes und Winters. Die aktuelle Phase nutze man deshalb für geplante Revisionsarbeiten, heißt es.
"Einerseits bleibt die Wasserversorgung neben der direkten Stromerzeugung aus Wasserkraft auch bezüglich der Kraftwerkskühlung und der Brennstofflogistik eine wichtige Stütze unseres europäischen Stromsystems", fasst MVV-Trading-Chef Brübach zusammen. Andererseits gebe es mit dem Ausbau der Photovoltaikleistung auch in diesem Sommer wieder viele sehr günstige Stunden. "Diese Entwicklung wird uns in Kombination mit Batteriespeichern resilienter machen".
Deutliche Produktionsrückgänge beim Verbund
Deutlich größer sind die Auswirkungen des aktuellen Niedrigwassers beim österreichischen Energiekonzern Verbund. Dort liegt die Produktion rund 30 Prozent unter dem langjährigen Mittel. "Eigentlich sollten wir jetzt das Wasser aus der Schneeschmelze abarbeiten, aber aufgrund der Erderwärmung fällt immer weniger Schnee", sagt Verbund-Sprecher Florian Seidl. Um knapp zehn Prozent ist die Stromproduktion beim Verbund im ersten Halbjahr zurückgegangen, das entspricht rund 1210 Gigawattstunden (GWh).
Auch an Rhein und Elbe sind die Pegelstände auf sehr niedrigem Niveau. Am Rheinpegel Kaub in Rheinland-Pfalz lag der Rheinpegel zu Wochenbeginn bei 28 Zentimetern. Das führt zu massiven Einschränkungen für die Binnenschifffahrt und verteuert die Frachtraten, beispielsweise für Kohletransporte zu Kraftwerken.
Hohe Preisrisiken weiterhin beim Gas
Haupttreiber für den Strompreis bleibt nach Einschätzung vieler Marktteilnehmer aber die Entwicklung am Gasmarkt. Die Gaspreise bewegten sich zu Wochenbeginn seitwärts: Im Day-Ahead-Handel am niederländischen Handelspunkt TTF lagen sie bei 58,68 Euro je MWh – weiterhin auf hohem Niveau nach den deutlichen Anstiegen der Vorwoche. Hintergrund ist die Wiederaufnahme von Militärschlägen im Iran-Krieg. Mit Blick auf niedrige Gasspeicherfüllstände und weitere Preisrisiken halten viele Marktbeobachter einen weiteren Anstieg der Gaspreise in den nächsten Wochen und Monaten für möglich. Auch beim Strompreis hinterließ das Anziehen der Gaspreise in der vergangenen Woche Spuren: Der Terminkontrakt für September 2026 lag am vergangenen Freitag bei 138,31 Euro je MWh.