„Das Leben in der City wird nie wieder so sein wie es einmal war – auch nicht nach der Pandemie“, sagt Christian Wulff, Leiter des Bereichs Handel und Konsumgüter bei PwC Germany & Europe. Immer mehr Menschen arbeiten im Homeoffice, kaufen in der nahen Umgebung ein – und nutzen verstärkt das Fahrrad oder gehen zu Fuß, anstatt mit dem Auto oder Bus zu fahren. Die Aktivitäten verlagern sich damit von der Innenstadt in die Stadtteilquartiere – und beträchtliche Umsätze wandern aus dem Gastgewerbe in den Lebensmitteleinzelhandel.
Dieser Trend wirkt sich nicht nur auf die Händler in den Innenstädten aus, die weniger Laufkundschaft haben, sondern auch auf Restaurants, Cafés und kleine Läden, die stark von der arbeitenden Bevölkerung abhängen. Zu diesen Ergebnissen kommt der zweite Teil der Studie "European Consumer Insights Survey 2020", für den die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) europäische Stadtbewohner aus sieben europäischen Ländern befragt hat: Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Niederlande, Schweden, Spanien.
Attraktivität von Randlagen nimmt zu
"Durch Covid-19 gewinnen auch Stadtrandlagen an Attraktivität, die bislang nicht optimal an die Innenstadt angebunden sind“, erklärt Christian Wulff. „Städte haben die Chance, dort bezahlbaren Wohnraum für Bewohner zu schaffen, die ohnehin einen Teil ihrer Arbeit im Homeoffice erledigen. Gleichzeitig eignen sich die Stadtrandlagen für die Ansiedlung neuer Unternehmen, da deren Attraktivität gerade für die digitale Workforce immer weniger von einer guten Verkehrsanbindung an die Innenstadt abhängig ist.“
Die Pandemie hat zudem das Mobilitätsverhalten der Stadtbewohner stark verändert: Immer mehr Menschen bevorzugen individuelle Verkehrsmittel – wohl aus Angst vor einer Ansteckung in öffentlichen Bussen und Bahnen. Dabei hängt die Wahl des Transportmittels auch davon ab, wo und was die Verbraucher einkaufen: Rund 60 Prozent der deutschen Großstadtbewohner erledigen ihre täglichen Einkäufe entweder zu Fuß (34 Prozent) oder mit dem Fahrrad (26 Prozent).
Car-Sharing weiter im Aufwind
Wer in einem Einkaufszentrum außerhalb der Stadt einkauft, nutzt für die Anfahrt dagegen häufig das Auto (43 Prozent). Das gilt zwar als Corona-sicheres Verkehrsmittel, ist aber teuer und in Großstädten mitunter stressig. Deshalb gewinnen Car-Sharing-Modelle bei europäischen Stadtbewohnern an Popularität: 13 Prozent haben ein solches Modell bereits ausprobiert; weitere 36 Prozent sind bereit, dies in Zukunft zu testen.
"Smarte Mobilitätslösungen sind ein wichtiger Schlüssel, um die Attraktivität der Großstädte zu erhalten oder weiter zu steigern“, sagt Wulff. Städte müssten intelligente Ansätze für ihre Infrastruktur finden, die dem Mobilitätswandel der Bewohner Rechnung tragen: Dazu gehöre die Incentivierung einer Kultur des Teilens statt Besitzens, etwa durch das Angebot kostenloser Parkplätze für Carsharing, und die Konnektivität von Transportmitteln, zum Beispiel durch Apps, die einen reibungslosen Wechsel zwischen verschiedenen Beförderungarten auf einer Plattform ermöglichen.
Schnelles Internet nicht nur fürs Homeoffice
Ein weiteres Ergebnis: 70 Prozent sind mit der Breitband-Geschwindigkeit in ihrem Zuhause grundsätzlich zufrieden. "Städte und Regionen mit einer sehr guten digitalen Infrastruktur haben einen klaren Wettbewerbsvorteil, wenn es darum geht, hochqualifizierte Mitarbeiter und unternehmerische Investitionen anzuziehen“, analysiert Wulff. „Denn schnelles und verlässliches Internet ist nicht nur für die Arbeit im Homeoffice essenziell, sondern auch für andere Aktivitäten wie Onlineshopping oder Unterhaltungsmedien, etwa Video-Streaming oder Gaming.
Die Mehrheit der Städter in Deutschland (63 Prozent) sind übrigens mit dem bisherigen Corona-Krisenmanagement ihrer Stadt zufrieden. In fast allen anderen europäischen Ländern ist das Vertrauen in die eigene Stadt deutlich niedriger: In Frankreich und den Niederlanden sind jeweils nur 36 Prozent der Meinung, dass ihre Stadt gut auf Covid-19 vorbereitet war. Im Vereinigten Königreich und in Schweden liegt dieser Anteil mit 27 bzw. 22 Prozent sogar noch niedriger. (hp)