Von Artjom Maksimenko
In den kommenden zwei Jahren werden sich die Investitionen in Strom- und Wärmenetze "mindestens verdoppeln". Davon gehen die meisten Unternehmensverantwortlichen, die die Managementberatung Horváth im Rahmen einer aktuellen Studie befragt hatte, aus. Gut 20 Prozent der Befragten gehen sogar von einer Verdreifachung ihrer Ausgaben aus.
Laut Horváth umfasste die Stichprobe über 85 Vorstandsmitglieder sowie Unternehmensverantwortliche aus den Bereichen Strategie und Unternehmensentwicklung. Die Befragung wurde im vierten Quartals 2024 abgeschlossen und ausgewertet.
Höhere Anforderungen an die Netze
Als Grund für den starken Anstieg des Investitionsbedarfs in die Infrastruktur sehen die Studienautoren die zunehmende Anzahl von Photovoltaikanlagen und Ladensäulen für E-Autos im Verteilnetz. Hinzu kommt die zunehmende Elektrifizierung im Wärmemarkt, beispielsweise durch die Installation von Wärmepumpen.
Dafür muss die Netzkapazität deutlich steigen. Hinzu kommen zusätzliche Investitionen für Batterien im Flexibilisierungsgeschäft. Die zurückgehenden Investitionen in das Gasnetz können diesen Bedarf nicht kompensieren. "Ein klassischer Mehr-Spartenversorger müsste in den kommenden Jahren bei einer Verdopplung der Investitionskosten zwischen 500 und 1000 Euro pro Kunde und pro Jahr investieren – eine enorme Herausforderung, die häufig neue Finanzierungsmodelle erforderlich macht", fasst Studienleiter und Partner bei Horváth, Matthias Deeg, zusammen.
Eigenfinanzierung reicht nicht aus
Eine klassische Eigenfinanzierung der Stadtwerke reiche dabei nicht mehr aus und führe zu einer Erhöhung des Verschuldungsgrades um 0,5 bis 1,5, fügt er hinzu. Auf die dringend notwendigen zusätzlichen Einnahmen hoffen die Energieversorger in den Geschäftsfeldern Wärme und Flexibilität. Doch gerade die seien alles andere als ein "sicheres Geschäft".
Der Wärmemarkt ist reguliert, was gerade vor dem Hintergrund der aktuellen, innenpolitischen Unsicherheiten ein Risiko darstellt", so Deeg. Für eine weitere Ausgestaltung der Dekarbonisierung im Wärmesektor ab 2035 sei es momentan unklar, ob es zu einer fortgesetzten Elektrifizierung der Wärme oder zu einem zunehmenden Einsatz von Wasserstoff kommt.
Für die Geschäftsmodelle rund um Flexibilisierung würden zudem größtenteils noch notwendige Rahmenbedingungen fehlen. Als "Bremser" für das Flexibilitätsgeschäft nennt Deeg die Herausforderung, die unterschiedlichen Energiequellen, -speicher und -verbraucher bei Privathaushalten auszusteuern, etwa Photovoltaik, Erdwärme, E-Fahrzeug und andere Speicher, sowie insbesondere die Smart-Meter-Einführung.
Fehlende Strategie
Den aktuellen Herausforderungen begegnen viele Unternehmen offenbar ohne einen ausgearbeiteten strategischen Plan. Laut Studie sind die Energieversorgungsunternehmen mehrheitlich auch strategisch noch nicht ausreichend vorbereitet. Lediglich 46 Prozent würden in Bezug auf das Flexibilitätsgeschäft ein konkretes Zielbild besitzen. Allerdings erwarten rund 75 Prozent, dass Erneuerbarenprojekte zukünftig mehrheitlich als hybride Anlagen aus Erzeugungsanlage plus Speicher gebaut werden.
In dieser Erwartung steigern 90 Prozent der befragten Energieversorger bis 2027 ihre Investitionen in Batterien. In das Geschäftsfeld "Stand-alone-Batterien", also Speicher zur Energievermarktung am Handel, setzen weniger als 50 Prozent der Befragten "hohe Margenerwartungen".
Wasserstoff wird es richten?
"Das Gasgeschäft steht vor dem Aus und Wasserstoff wird die ursprünglichen Geschäftserwartungen noch nicht erfüllen", so die Prognose von Deeg. Die Industrie ziehe sich teilweise zurück und setze verstärkt auf Elektrifizierung als Schlüssel zur Dekarbonisierung. Eine deutliche Mehrheit der befragten Energieversorger geht davon aus, dass Wasserstoff keine bedeutende Rolle spielen beziehungsweise stark zurückgebaut werden wird. Auch eine Wasserstoff-Beimischung wird nur noch von 23 Prozent erwartet, im Vorjahr waren dies noch doppelt so viele.
Investieren wollen die meisten Versorger nur noch, wenn Vertragspartner die Abnahme vertraglich zugesichert haben. Dies geben 78 Prozent der Befragten an. Zwei Drittel gehen zudem davon aus, dass das Elektrolyseziel der Bundesregierung für 2030, die Einspeisung von mindestens 10 Gigawatt, verfehlt werden wird.



