ZfK: Herr Maxelon, die Energiebranche befindet sich mitten in einem großen Umbauprozess. Wo sehen Sie für die Mainova die größte Herausforderung?
Maxelon: Klar ist, wir bleiben Infrastrukturdienstleister. Das bleibt unser Kerngeschäft. Was aber auch wichtig ist: Wir brauchen eine gewisse Priorisierung. Wir haben derzeit zu viele Bälle in der Luft, um sie weiterhin alle gleichzeitig in der Luft halten zu können. Es braucht eine Rückbesinnung auf die Kernaufgaben eines Energieversorgers, das ist eine strategische Fragestellung. Das mag auf den ersten Blick ganz einfach klingen, wenn man sagt, wir müssen bloß zurückrüsten und schon sind wir am Ziel. Doch am Ende ist es immer noch eine große Transformation, die sich sowohl auf das Unternehmen als auch auf unsere Kunden auswirkt. Das werden wir nur gemeinsam mit den Kunden und der Politik schaffen.
Was bleibt Kernaufgabe? Was ist künftig verzichtbar?
Natürlich steht der Umbau der Wärmeversorgung zur Klimaneutralität und die künftige Stromversorgung im Ballungszentrum Frankfurt-Rhein-Main im Mittelpunkt. Das ist eine Herausforderung der Extraklasse. Dazu kommt die generelle Frage, die derzeit die ganze Branche beschäftigt: Wie managen wir eigentlich künftig die ständig wachsenden Komplexitäten? Wir sind in einer Situation, in der die Energiemärkte von hoher Volatilität gekennzeichnet sind. Damit ändert sich die Perspektive. Wir blicken immer noch Jahre voraus auf die Strommärkte. Aber auf die Frage, was mache ich eigentlich in der Viertelstunde vor der Belieferung, haben wir in der Branche noch keine Antworten. Flexibilitäten zu schaffen und zu steuern, funktioniert nicht ohne die Fähigkeit, Risiken sauber zu managen. Natürlich haben wir alle ausgefeilte Risikomanagement-Systeme, auch im Energiehandel. Aber die Situation, in der wir jetzt sind, unterscheidet sich deutlich.
Und welchen Ball wollen Sie nicht mehr in der Luft behalten?
Die Frage der Priorisierung ist Bestandteil unseres laufenden Strategieprozesses, bei dem wir auch kleinteilige und margenschwache Geschäftsfelder hinterfragen.
„Für uns war die Kapitalerhöhung ein logischer Schritt. Natürlich würden wir viel lieber das Geld einfach von der Bank aufnehmen. Aber angesichts der Investitionen in den Klimaschutz und die Energiewende, die wir stemmen müssen, kommen wir schnell an die Grenzen, was in der Bilanz der Mainova abbildbar ist.“
Die Energiewende bindet enorme finanzielle Mittel, sie wollen in den kommenden fünf Jahren 2,6 Milliarden Euro investieren. Ist die Mainova mit der eingeleiteten Kapitalerhöhung von einer Milliarde Euro erstmal ausreichend versorgt?
Mittels genehmigtem Kapital können wir zunächst unser Grundkapital in den kommenden fünf Jahren durch die Ausgabe von neuen Aktien um bis zu 50 Prozent erhöhen. Ende August hat der Mainova-Aufsichtsrat einer ersten Tranche zugestimmt. Wir können in diesem Jahr also die erste Tranche der Eigenkapitalstärkung aufnehmen, die sich dann in weiteren Tranchen auf den gewünschten Betrag summieren soll. Damit haben wir eine gute Balance, um für die kommenden fünf Jahre ausfinanziert zu sein. Das ist wichtig, denn diesem frischen Eigenkapital können wir eine korrespondierende Fremdkapitalaufnahme hinzufügen und in diesem Zeitraum die Innenfinanzierung auf Basis der Abschreibungen auch nutzen. Für uns war die Kapitalerhöhung ein logischer Schritt. Natürlich würden wir viel lieber das Geld einfach von der Bank aufnehmen. Aber angesichts der Investitionen in den Klimaschutz und die Energiewende, die wir stemmen müssen, kommen wir schnell an die Grenzen, was in der Bilanz der Mainova abbildbar ist.
Welche Erwartungen ihrer Hauptaktionäre, die Stadt Frankfurt und die Thüga AG, sind mit der Kapitalerhöhung verknüpft?
Wenn sie das Stammkapital erhöhen, müssen die neuen Aktien natürlich einen Wert haben. Deshalb ist es entscheidend, dass Mainova ein kraftvolles Unternehmen ist und bleibt. Denn der Wert der Aktie speist sich aus den Ergebnissen der Zukunft. Und unser Ergebnisversprechen ist für unsere beiden Hauptaktionäre ein wichtiges Argument, uns die Finanzmittel zu geben. Beide versprechen sich eine Rendite davon. Und die liegt im Übrigen oberhalb dessen, was wir im Netzregulierungsregime als Eigenkapitalrendite zugestanden bekommen.
Die Mainova ist jüngst mit Blackrock, dem weltgrößten Vermögensverwalter, eine Kooperation eingegangen. Über eine gemeinsame Tochtergesellschaft werden Rechenzentren entwickelt, gebaut und betrieben. Können Sie sich vorstellen, mit Blackrock noch weitere Projekte zu machen?
Zunächst einmal folgt der Einstieg in das Rechenzentrums-Geschäft der Strategie, Werte zu schaffen. Denn man kann damit profitabel wachsen und zwar mit einer attraktiven Rendite. Wahrscheinlich hätten wir dieses Geschäft auch allein gemacht, wenn nicht gleichzeitig die konkurrierenden Aufgaben der Energie- und Wärmewende für uns zu leisten wären. Deshalb haben wir einen finanzstarken Partner mit gleichgerichteten Interessen gesucht und gefunden.
„Das Interesse von privaten Investoren ist spürbar vorhanden. Ob auch wir das machen wollen, muss im Einzelfall entschieden werden. Das gilt insbesondere bei einer kritischen Infrastruktur.“
Also könnte das Rechenzentrums-Projekt eine Blaupause für weitere Vorhaben mit Blackrock oder anderen Finanzinvestoren sein?
Vorstellen kann ich mir viel. Das Interesse von privaten Investoren ist spürbar vorhanden. Ob auch wir das machen wollen, muss im Einzelfall entschieden werden. Das gilt insbesondere bei einer kritischen Infrastruktur. Hier gilt es abzuwägen, ob man Entwicklungsentscheidungen des Standortes mit anderen Partnern teilen möchte. Klar ist, dass sich Investoren zum Beispiel gern an dem Wärmesystem in Frankfurt beteiligen würden. Ob wir das ausüben, hängt am Ende auch von der Frage ab, wie schnell wir die Transformation des Energiesystems umsetzen und wieviel Kapital wir am Ende noch benötigen. Da haben wir noch keine Antworten. Aber die Optionen sind da. Als Mainova haben wir den Vorteil, dass wir die Kompetenzen und die Manpower haben, um mit einem Partner wie BlackRock zusammenzuarbeiten.
Als Kommunalversorger haben sie keine Berührungsängste oder fürchten Konflikte mit der Lokalpolitik durch die Zusammenarbeit mit einem Finanzinvestor?
Zum einen erlebe ich, dass Unternehmen wie BlackRock auch an ihrem Image arbeiten. Zum anderen sind unsere Interessen gleichgerichtet. So ist beispielsweise die Integration der Rechenzentren in das Wärmesystem vor Ort vertraglich festgeschrieben. In dem Sinne ist Mainova in einer Vorreiterrolle. Wir müssen ein Stück weit umdenken, denn die Energiewende lässt sich nur finanzieren, wenn wir privates Kapital mobilisieren. Natürlich denkt da jeder gern an Omas Sparbuch mit einer festen, aber weit über dem Markt liegenden Renditeerwartung. Oder an die wunderbaren Bürgerenergiegenossenschaften, die auch immer gern ihr Geld geben, wenn es viel Rendite gibt. Aber faktisch übersteigt der Kapitalbedarf der Energiewende in Deutschland alle unsere Vorstellungen. Da reicht auch nicht der Bundeshaushalt. Deshalb wäre es der Sache dienlich, wenn wir in Deutschland die Scheu im Umgang mit privaten Investoren überwinden könnten.
„Wir werden unseren Fernwärmeanteil in der Stadt bis zum Jahr 2040 auf etwas mehr als 40 von derzeit 25 Prozent erhöhen. Damit geht einher, dass wir das Fernwärmenetz massiv, und zwar um 450 Kilometer auf rund 760 Kilometer, ausbauen.“
Wie sieht ihr Konzept für den Umbau der Wärmeversorgung und die kommunale Wärmeplanung in Frankfurt aus?
Wir werden unseren Fernwärmeanteil in der Stadt bis zum Jahr 2040 auf etwas mehr als 40 von derzeit 25 Prozent erhöhen. Damit geht einher, dass wir das Fernwärmenetz massiv, und zwar um 450 Kilometer auf rund 760 Kilometer, ausbauen. Zudem soll die Fernwärmerzeugung bis zu diesem Zeitpunkt vollständig klimaneutral sein. Wir haben einen entsprechenden Transformationsplan für die Fernwärme ausgearbeitet, der den Kriterien der Bundesförderung für effiziente Wärmenetze entspricht. Der nächste Schritt für die Dekarbonisierung der Fernwärme ist der Kohleausstieg beim Heizkraftwerk West, das bis 2026 zu einem wasserstofffähigen Gaskraftwerk umgerüstet wird. Schon mit der Umstellung auf Gas sparen wir jährlich 400.000 Tonnen CO2 ein. Wasserstoff nutzen wir, sobald dieser in ausreichenden Mengen verfügbar ist. Gleichzeitig wollen wir Schritt für Schritt immer mehr regenerative Erzeugungsquellen und Abwärme in die Fernwärme integrieren. Dazu gehören nach unseren Vorstellungen die vermehrte Nutzung von Wärme aus dem Müllheizkraftwerk, Wärme aus Flusswasser oder Abwasser in Kombination mit Großwärmepumpen, Oberflächen- und Tiefengeothermie, Biomasse sowie Abwärme von Rechenzentren. Das ist ein guter, aber eben auch sehr kapitalintensiver Plan.
Wie läuft die Abstimmung mit der Stadt zur kommunalen Wärmeplanung?
Die kommunale Wärmeplanung ist zuvorderst eine Aufgabe der Stadt Frankfurt, bei der wir gerne unsere Expertise einbringen und entsprechend mitarbeiten. Unser Fernwärme-Transformationsplan ist für die kommunale Wärmeplanung sicherlich auch eine wesentliche Grundlage. In jedem Fall macht eine gute Abstimmung bei dieser Aufgabe Sinn.
„Für Frankfurt halten wir wenigstens für die Transformationsphase Hybrid-Lösungen in der Wärmeversorgung der einzelnen Gebäude für sinnvoll. Das bedeutet konkret, dass der Kunde für die Grundlast der Energieversorgung eine relativ klein dimensionierte Wärmepumpe hat, und für die wenigen besonders kalten Tage weiterhin das bestehende Gasversorgungssystem nutzt.“
Wie wollen Sie die klimaneutrale Wärmeversorgung für die nicht an das Fernwärmesystem angeschlossenen Kunden – immerhin knapp 60 Prozent – in Frankfurt sicherstellen?
Klar ist, dass im hochverdichteten urbanen Raum Wärmepumpen oft nicht die besten Karten haben. Im Umland hat die Wärmepumpe ganz andere Einsatzmöglichkeiten. Dort kommen zudem verstärkt Nahwärmelösungen zum Einsatz, da wollen wir unsere Angebote stark ausbauen. Aber für Frankfurt halten wir wenigstens für die Transformationsphase Hybrid-Lösungen in der Wärmeversorgung der einzelnen Gebäude für sinnvoll. Das bedeutet konkret, dass der Kunde für die Grundlast der Energieversorgung eine relativ klein dimensionierte Wärmepumpe hat, und für die wenigen besonders kalten Tage weiterhin das bestehende Gasversorgungssystem nutzt. Diese Hybrid-Systeme könnte man später mit grünen Molekülen betreiben, wenn diese in ausreichender Menge und zu auskömmlichen Preisen verfügbar sind. Das wäre ein Weg, die Energiewende wieder mehr von der wirtschaftlichen und damit von der Seite der Kunden zu denken, die den Umbau der Infrastruktur bezahlen müssen. Am Ende haben wir Kunden und Klima mehr Gutes getan, als den vermeintlichen Goldstandard allein mit großen, strombetriebenen Wärmepumpen und Pufferspeichern im Geschosswohnungsbau durchzusetzen.
Kritiker werden Ihnen vorwerfen, dass Sie damit den Weg zur CO2-neutralen Wärme verlängern?
Natürlich geht das in absehbarer Zeit nicht ohne CO2-Emissionen, wenn wir sagen, für die zehn kältesten Tage im Jahr nutzen wir weiterhin Gase. Aber an den übrigen Tagen ist der Ausstoß so reduziert, dass sie ein ökologisch-ökonomisches Zwischenoptimum fahren. Das finden wir hochinteressant. Denn es macht einen enormen Unterschied, ob man eine Wärmepumpe in seinem Haus oder einem Gebäudekomplex für die Grundlast der meisten Tage ausrichtet oder sie so baut, dass sie auch an eiskalten Tagen die komplette Versorgung übernehmen kann. Im letzteren Fall brauchen sie ein gigantisches Stromnetz und eine gigantische Stromerzeugung, sonst funktioniert es nicht.
„Es gibt die nationale Wasserstoffstrategie, die für 2030 einen Bedarf von 95 bis 130 Terawattstunden prognostiziert und dabei auch auf den Import aus dem Ausland setzt. Über die Einsicht des Importbedarfs bin ich im Übrigen sehr froh.“
Wie werden Sie ihr umgerüstetes Heizkraftwerk West an das Wasserstoffkernnetz anschließen und wie beurteilen Sie die Beschaffungsmöglichkeiten für Wasserstoff in der Zukunft?
Den Anschluss an das Wasserstoff-Kernnetz realisieren wir mit Partnern in der Region. Deshalb ist für die Metropolregion Frankfurt-Rhein-Main ein eigenes Netz für Wasserstoff geplant, das wird über Neubau und Umwidmung immerhin 300 Kilometer lang. Wir gehen davon aus, dass ab 2028 erste Ankerkunden über „Rh2ein-Main Connect“ erschlossen werden. Als Partner sind die Darmstädter Entega, die ESWE aus Wiesbaden, die Kraftwerke Mainz-Wiesbaden AG, die Fernleitungsnetzbetreiber Open Grid Europe und Gascade sowie die Verteilnetzbetreiber E-Netz Südhessen und NRM Netzdienste Rhein-Main mit an Bord. Für Planung und Bau kalkuliert das Konsortium bis 2040 mit Investitionen von rund 600 Millionen Euro.
Und wo kommt der Wasserstoff her?
Wir müssen schauen, mit welcher Dynamik sich die internationalen Märkte für die grünen Moleküle in den kommenden Jahren entwickeln werden. Es gibt die nationale Wasserstoffstrategie, die für 2030 einen Bedarf von 95 bis 130 Terawattstunden prognostiziert und dabei auch auf den Import aus dem Ausland setzt. Über die Einsicht des Importbedarfs bin ich im Übrigen sehr froh. Denn eine inländische Erzeugung wird nicht zur Deckung unseres gesamten Primärenergiebedarfs ausreichen. Ich konnte das Märchen nicht mehr hören, dass wir den größten Teil unseres Primärenergiebedarfs dadurch decken werden, indem wir an den Stunden, an denen ein schleswig-holsteinisches Windrad abgeregelt wird, einen Elektrolyseur daneben stellen, der für uns 80 bis 90 Prozent des Primärenergiebedarfs produziert.
Das Interview führte Klaus Hinkel
Im in den kommenden Tagen erscheinenden 2. Teil des ZfK-Interviews mit Mainova-Chef Michael Maxelon äußert sich der Energiemanager zum gestiegenen Druck auf dem Haushaltskundenmarkt, zur kontroversen Debatte über das künftige Strommarktdesign, über die Kritik an Fernwärmepreisen und zur vorläufigen energiepolitischen Bilanz der Ampelkoalition. (hil)

