Die Themen physische Sicherheit und IT-Sicherheit haben in den vergangenen Jahren noch einmal deutlich an Bedeutung gewonnen. "Diese Themen stehen mittlerweile ganz oben auf der Prioritätenliste der Geschäftsführungen der Stadtwerke. Das hat unter anderem auch mit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine zu tun und den Anschlägen auf das Stromnetz in Berlin", sagt Tobias Frevel, Geschäftsführer der Energieforen Leipzig.
Dabei gehe es den Unternehmenschefs und -chefinnen vorrangig um den Aspekt, wie man die Resilienz einer angegriffenen Infrastruktur schnell wieder aufgebaut bekomme und weniger um den Schutz aller Standorte. "Damit verbunden wird künftig die Frage sein, wie man sich im Netzbereich hier künftig aufstellen muss, mit Blick auf die Verfügbarkeit von Ersatzkomponenten. Dies wird aktuell in der Regulierung noch nicht entsprechend abgebildet", so Frevel weiter.
14 Thesen für das Stadtwerk der Zukunft
Stadtwerke müssten sich künftig strategisch auf eine Lage einstellen, in der Krisen und geopolitische Entwicklungen nicht mehr eine Ausnahme, sondern dauerhafter Teil der Unternehmensführung werden, heißt es in der aktualisierten, dritten Auflage der Studie "Stadtwerke 3.0" der Energieforen Leipzig. Das Netzwerk, zu dem zahlreiche Kommunalversorger gehören, hat mehr als 40 Geschäftsführende der Energie- und Versorgungswirtschaft dazu befragt, welche Trends und Herausforderungen ihre Unternehmen prägen und wie das Stadtwerk der Zukunft strategisch aufgestellt sein muss. Die Perspektiven der befragten Geschäftsführenden wurden in 14 Thesen und Leitsätzen gebündelt und durch Lösungsansätze ergänzt. Ein Modell zeigt auf, wie Stadtwerke ihre strategischen Ziele mit Geschäftsmodellen, Organisation, Prozessen, Kompetenzen und konkreten Maßnahmen verbinden können.

Es wird sich zeigen müssen, ob Energieversorger künftig die Wärmewende nicht etwas langsamer umsetzen.
Tobias Frevel
Geschäftsführer der Energieforen Leipzig
Zu den Top-Themen in den Führungsetagen der Stadtwerke zählen naturgemäß weiterhin die Dekarbonisierung und der Umbau der Wärmeversorgung und die Zukunft der Gasnetze. "Hier habe ich allerdings den Eindruck, dass aufgrund der aktuellen Entwicklung eher politisch Druck aus dem Thema genommen wird", sagt Frevel. Das Gebäudemodernisierungsgesetz führe etwa dazu, dass die Bevölkerung zusätzlich verunsichert werde mit Blick auf die künftige Anschaffung einer neuen Heizlösung.
Die Risiken des Weiterbetriebs einer Gastherme und auch die Frage, wo man ausreichend Grüngas künftig herbekomme, werde in der politischen Diskussion nicht ausreichend abgebildet. "Es wird sich zeigen müssen, ob die Energieversorger deshalb die Wärmewende künftig nicht etwas langsamer umsetzen und vor allem auf Projekte setzen, für die aufgrund der Förderbedingungen gute Businesscases möglich sind", so der Energieexperte.
Versorgungspolitisches Viereck
Eine weitere, zentrale Erkenntnis der Studie: Aus dem versorgungspolitischen Dreieck ist mittlerweile ein Viereck geworden. Neben Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit habe die gesellschaftliche Akzeptanz erheblich an Bedeutung gewonnen. Steigende Kosten, hohe Investitionsbedarfe sowie der Umbau von Strom-, Wärme- und Mobilitätsinfrastrukturen wirkten direkt auf Bürgerinnen und Bürger. Die Folge: Transformationsprojekte müssten daher nicht nur technisch und wirtschaftlich funktionieren, sondern auch gesellschaftlich vermittelt, politisch getragen und langfristig finanzierbar werden.
Die Stadtwerke als "kommunaler Orchestrator"
"Entscheiderinnen und Entscheider in den Bereichen Geschäftsführung und Finanzen müssen jetzt bereit sein, ihre Organisationen gemeinsam weiterzuentwickeln", betont Frevel. Von zentraler Bedeutung sei auch der Schulterschluss mit den kommunalen Gesellschaftern, da Finanzierungsmodelle über Projektgesellschaften als On- oder Off-Balance-Lösung notwendig sein werden. Für Stadtwerke ergebe sich daraus eine erweiterte Rolle als kommunaler Orchestrator, der Planung, Finanzierung, technische Umsetzung, Bürgerbeteiligung und Kommunikation miteinander verbinde.
Gerade kleineren Stadtwerken fehle oftmals noch ein Zukunftsbild und eine gesamtheitliche Strategie, um die Energiewelt von morgen abzubilden. Hier merke man zudem, dass die Qualität der Überforderung zugenommen habe. Hintergrund sei vor allem die steigende regulatorische Komplexität. Gleichzeitig verändere sich das klassische Energiegeschäft, das perspektivisch wegfallende Gasgeschäft müsse durch neue Geschäftsmodelle ersetzt werden. Volatile Beschaffungskosten, sinkende Margen und neue Wettbewerber reduzierten darüber hinaus die Planbarkeit des Commodity-Geschäfts.
"Konsolidierungsdruck hat weiter zugenommen"
Für die Gesamtheit all dieser Herausforderungen fehle es kleineren Stadtwerke allein aufgrund der Größe häufig an der organisatorischen und fachlichen Resilienz, um all dies abbilden zu können. "Der Kooperations- und auch Konsolidierungsdruck hat an dieser Stelle noch einmal gegenüber früher deutlich zugenommen", versichert der Geschäftsführer der Energieforen Leipzig. Hier gehe es stark auch um regionale Kooperationen im technischen, aber auch im vertrieblichen Bereich.
Digitalisierung und künstliche Intelligenz würden dabei als Voraussetzung für Wettbewerbs- und Handlungsfähigkeit gelten, jedoch nicht als reines IT-Thema: Prozesse, Führung, Kultur, Datenqualität und Kompetenzen müssten sich mitentwickeln. Das Thema Digitalisierung steht denn auch nach wie vor weit oben auf der Prioritätenliste der Stadtwerke. "Bemerkenswert ist hier, dass gerade im Netzbetrieb auch oft konzediert wird, dass der Umsetzungsstand noch relativ weit weg von den Erfordernissen ist", resümiert Frevel.
Die Studie versteht sich laut den Energieforen Leipzig nicht als starre Prognose, sondern als Navigationssystem für die individuelle Strategiearbeit.