Einen Tag bevor sie in Kraft treten sollte, kommt die Gasumlage nun doch nicht. Obwohl die Prozesse zur Erhebung der Abgabe vielerorts bereits auf den Weg gebracht und Hunderttausende Kundenanschreiben bereits formuliert und verschickt worden waren. Stattdessen kommt eine Gaspreisbremse, deren genaue Ausgestaltung noch ausgearbeitet wird.
Entsprechend groß war der Informations- und Beratungsbedarf, aber auch die Verunsicherung bei den Kunden in den Beratungscentern und Hotlines der Stadtwerke am Tag nach dem Wegfall der Gasumlage. „Die Dynamik der aktuellen Geschehnisse ist sehr hoch, die besorgniserregende Energiepreisentwicklung, die Gas-Umlage, jetzt die Gaspreis-Bremse, dazu Ankündigungen von Mehrwertsteuersenkungen erzeugen natürlich einen hohen Informationsbedarf bei unseren Kundinnen und Kunden“, erklärte Michael Paßon, Leiter der Unternehmenskommunikation der Stadtwerke Krefeld gegenüber der „Westdeutschen Zeitung“. Die Zahl der Anrufe im Callcenter habe sich bereits im August verdreifacht. Aufgrund des erhöhten Nachfrage wurde bereits zusätzliches Personal eingestellt.
„Nun stellen wir uns auf neue Prozesse ein, das wird wieder eine Herkulesaufgabe“, sagt Paßon. Für die Kunden sei die Abschaffung eine gute Nachricht, deutliche Preissteigerungen aufgrund höherer Beschaffungskosten würden dadurch aber nicht verhindert.
Rechnungsstopp in Neuss und bei der Wemag
Dass die kommunikative Herausforderung der jüngste Änderungen aufgrund ihrer Komplexität und Vielzahl eine große Herausforderung ist, zeigt allein ein Blick auf die Homepage der SWK. Die Bundesregierung habe die Gasumlage wieder zurückgenommen, heißt es dort. Dennoch würden ab ersten Oktober eine Gasspeicher- und eine Bilanzierungsumlage erhoben. Gleichzeitig werde die Mehrwertsteuer auf Gas gesenkt, diese Senkung werde aber erst im Verlauf des Monats rückwirkend zum ersten Oktober in Kraft gesetzt. Was für Vertriebler plausibel und einfach klingt, einem Normalverbraucher muss das erst Mal in verdaubaren Häppchen übersetzt werden.
Für Verwirrung dürfte auch sorgen, dass die monatlichen Abschlagszahlungen vielerorts wieder gesenkt werden müssen, nachdem sie zuvor aufgrund der erwarteten Gasumlage wieder nach oben angepasst worden waren. Dies ist beispielsweise bei den Stadtwerken Neuss der Fall. Aufgrund der allgemein steigenden Preisentwicklung empfiehlt das Unternehmen aber seinen Kunden weiterhin, ihre Abschlagszahlungen "von sich aus entsprechend anzupassen" .
Bis zur Ausgestaltung des von der Bundesregierung angekündigten neuen Entlastungspaketes haben die Stadtwerke Neuss zudem einen Rechnungsstopp veranlasst. „Wir bedauern, dass unsere Gaskundinnen und -kunden derzeit zusätzlich verunsichert werden“ erklärt Stadtwerke-Vertriebsleiter Matthias Braun und verweist auf die aktuell „bestehenden, rechtlichen Unsicherheiten“.
Auch in Bielefeld hat man das Personal im Service aufgestockt
Um die Kunden vor hohen Nachzahlungen zu bewahren, hatten auch die Stadtwerke Bielefeld eine automatische Anpassung der Abschlagszahlungen für Anfang Oktober angekündigt. „Trotz der zum 1. Oktober wahrscheinlichen Entlastung aufgrund der anstehenden Mehrwertsteuerabsenkung halten wir diese Maßnahme unter Berücksichtigung der individuellen Verbräuche weiterhin für sinnvoll, da die dynamische Entwicklung der vergangenen Monate bei der Gesetzgebung zu erheblichen Verwirrungen über die Abschlags- und Preishöhe bei unseren Kunden geführt hat“, wird der Geschäftsbereichsleiter Markt und Kunde, Holger Mengedodt, in einer Pressemitteilung zitiert.
Auch hierfür seien allerdings die konkreten Ausgestaltungen von Gas- und Strompreisbremse und Mehrwertsteuer von Bedeutung. „Wir kommen auch hinsichtlich der automatischen Abschlagsanpassung schnellstmöglich auf unsere Kundinnen und Kunden zu, wenn wir hier mehr Klarheit haben,“ so Mengedodt.
Trotz der angekündigten Entlastungen durch die Bundespolitik bleibe auch in Bielefeld der Beratungsbedarf hoch. „Deshalb haben wir in unserer Kundenberatung die Personalkapazitäten erhöht. Wir bitten aber nochmals um Verständnis, wenn es einmal länger dauert“, sagt Holger Mengedodt. Um lange Wartezeiten am Telefon zu vermeiden, empfehlen die Stadtwerke deshalb eine Kontaktaufnahme per E-Mail.
Wemag setzt Abschlagserhöhungen zunächst aus
Der Nürnberger Regionalversorger N-Ergie hat noch am vergangenen Donnerstagabend mit einer Pressemitteilung auf die veränderte Situation reagiert. Die bereits angekündigte Preisanpassung der Erdgaspreise für Privatkunden sei damit hinfällig, die Tarife blieben stabil.
Auch der Schweriner Regionalversorger Wemag reagierte prompt. „Die Ankündigung der Gasbeschaffungsumlage in unseren Kundenanschreiben ist hinfällig geworden. Auch die für Wemag-Kunden geplanten Abschlagerhöhungen werden deshalb zunächst ausgesetzt“, kündigte Vertriebschef Michael Hillmann an. Mit der Aussicht auf diese Entscheidung habe man bereits vorsorglich die Oktoberrechnungen gestoppt. „Wir werden sie nun neu aufsetzen und sicherstellen, dass kein Kunde und keine Kundin der Wemag die Umlage fälschlich bezahlt“, erklärte er.
Sowohl die Wemag als die Stadtwerke Bielefeld riefen die Kunden erneut zu einem sparsamen Umgang mit Energie auf. Trotz der Verunsicherung und des hohen Zusatzaufwandes wird die Abschaffung der Gasumlage und der geplante Gaspreisdeckel mehrheitlich in der Branche begrüßt. „Das entlastet unsere Kundinnen und Kunden und gibt ihnen mit Blick auf die geplanten Gas- und Strompreisdeckel eine bessere Planungssicherheit“, sagt stellvertretend Caspar Baumgart, kaufmännischer Vorstand der Wemag. (hoe)
