Ob Brennstoffemissionshandelsgesetz oder EU-Green-Deal: Klimaschutz und Energiewende dominieren die klimapolitische Debatte und üben einen erheblichen Anpassungsdruck auf die Energieverträge kommunaler Versorger aus. „Der Commodity-Vertrieb wird weiter abnehmen und Energiedienstleistungen ausgebaut werden“, erklärte VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing bei einem Impulsvortrag bei der VKU-Vertriebstagung. Coronabedingt findet die Veranstaltung digital statt.
„Der erfolgreiche Energievertrieb wird nach Covid 19 ein anderer sein als vorher“, prognostizierte er. Die Erfahrungen aus seinen Besuchen zeigten, dass Stadtwerke die Herausforderungen durch die Digitalisierung und den verschärftem Wettbewerb sehr gut meisterten. Wie kommunale Unternehmen sich künftig positionieren sollten und wo künftige Geschäftschancen gesehen werden, das untersucht der VKU aktuell in der Studie „Endkundenmarkt 4.0“. Diese soll im nächsten Jahr mit den Mitgliedern breit diskutiert werden.
Liebing: "Bundesregierung drückt sich vor Strombedarfsprognose"
Die von der deutschen Energiewirtschaft seit langem erwartete EEG-Novelle bezeichnete er als solide Basis für die parlamentarische Beratung. "Das größte Manko der Novelle ist, dass sich die Bundesregierung vor einer klaren Strombedarfsprognose drückt", kritisierte Liebing. Die Regierung gehe davon aus, dass der künftige, erwartete Strommehrbedarf allein durch Steigerungen der Energieeffizienz gedeckt werden könne.
Laut dem VKU-Hauptgeschäftsführer werde aber der Mehrbedarf an Strom durch Digitalisierung, E-Mobilität und die Produktion von Wasserstoff künftig nicht allein über mehr Energieeffizienz kompensiert werden können. „Wir haben keinen Mangel an konkreten Klimaschutzzielsetzungen in Deutschland. Wir scheitern meistens an den konkreten Maßnahmen, um die jetzigen Ziele zu erreichen“, so Liebing.
Anpassungsdruck durch höhere EU-Klimaschutzziele
Zusätzlicher Anpassungsdruck entstehe auch durch die in der Diskussion befindliche Verschärfung der Klimaschutzziele auf EU-Ebene. Diese werde kommen. „Das wird Deutschland nochmals unter Druck setzen, die eigenen Klimaschutzmaßnahmen nachzuschärfen."
Wie die SW Bochum ihr Ökostromangebot weiter entwickeln
Zuvor hatte auch Frank Thiel, Geschäftsführer der Stadtwerke Bochum, in seinem Vortrag auf die Schere zwischen dem steigenden Strombedarf und den steigenden Reduktionszielen für CO2-Emissionen hingewiesen. Die Stadtwerke Bochum wären in diesem Jahr unter normalen Bedingungen Gastgeber der Tagung gewesen.
Thiel skizzierte in seinem Vortrag die Entwicklung des Ökostromangebots beim Kommunalversorger aus dem Ruhrgebiet. Von den rund 200.000 Stromkunden der Stadtwerke Bochum beziehen aktuell etwas mehr als zehn Prozent Ökostrom aus Wasserkraft.
Klimaschutz-Initiative 2-1-0
Angesichts der Klimaschutzkundgebungen 2019 und auch weil in Bochum der Klimanotstand ausgerufen wurde, haben die Stadtwerke Bochum ein neues Preismodell für Ökostrom entwickelt. Das Stichwortz lautet hier Klimaschutz-Initiative 2-1-0. Bestehenden und neuen Kunden wird dabei bei Abschluss oder Wechsel in einen Ökostromvertrag freigestellt, ein oder zwei Euro pro Monat oder aber gar keinen Aufschlag zu zahlen. „Wir wollten eine Alternative bei der Umstellung bieten und haben den Communitygedanken mit reingenommen“, erklärte Thiel.
Knapp 9000 Kunden haben sich bisher für dieses Ökostrom-Preismodell entschieden. Jeweils rund 40 Prozent haben die kostenlose oder die Ein-Euro-Variante gewählt, immerhin 19 Prozent zahlen zwei Euro zusätzlich pro Monat.
Thiel: "Nachhaltigkeit ist kein Feigenblatt"
Das Fazit des Bochumer Geschäftsführers: „Ökostrom ist ein Pflichtthema, mit dem wir uns ernsthaft auseinandersetzen müssen. Nachhaltigkeit darf kein Feigenblatt sein.“ Seien die Angebote gut konzipiert, sei die Verweildauer der Kunden höher als bei klassischen Stromtarifen. (hoe)
