Mit dem Zombie-Radar werden für jeden einzelnen B2B-Kunden in den folgenden Schritten individuelle Risikoprofile erstellt.

Mit dem Zombie-Radar werden für jeden einzelnen B2B-Kunden in den folgenden Schritten individuelle Risikoprofile erstellt.

Grafik: © Capgemini

Die Zahl der Unternehmen in prekärer wirtschaftlicher Verfassung wächst rasant. Sobald die staatlichen Corona-Hilfen auslaufen, wird die Anzahl der Insolvenzen schlagartig steigen. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Insolvenzwelle werden auch Energieversorger treffen. Um rechtzeitig gegensteuern zu können, brauchen EVU daher dringend ein individuelles, auf der Krisenentwicklung basierendes Risikomonitoring und -management für ihr gesamtes Kundenportfolio.

Schon vor der COVID-19-Krise existierten laut Creditreform mehr als 300.000 sogenannte „Zombie-Firmen“. Dies sind Unternehmen, die unter normalen Wettbewerbs- und Wirtschaftsbedingungen nicht am Markt bestehen könnten. Die Nullzinspolitik und eine sehr gute allgemeine Wirtschaftslage waren die zentralen Grundpfeiler ihres Fortbestehens.

Bis Ende 2020 jedes 5. Unternehmen gefährdet

Die gegenwärtigen staatlichen Corona-Hilfsprogramme wie Kurzarbeit, Rettungsfonds, Überbrückungsgelder oder die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht halten „Zombie-Firmen“ künstlich am Leben, und ihre Anzahl steigt in der Krise massiv. Bereits jetzt hat sie sich laut Creditreform auf ca. 550.000 erhöht. Sollten Maßnahmen wie die Aussetzung der Insolvenzpflicht über das Jahr 2020 hinaus verlängert werden, könnte sich diese Zahl auf ca. 700.000 – 800.000 erhöhen. Dies entspräche circa 20 Prozent aller Unternehmen in Deutschland.

Da nahezu jedes Unternehmen in Deutschland Kunde eines Energieversorgers ist, sollten Energieversorgungsunternehmen dringend aktuelle und potenzielle „Zombie-Firmen“ im eigenen B2B-Kundenportfolio identifizieren und den Gefahren entgegenwirken. Es drohen von ihnen Risiken aus den folgenden vier Kategorien:

  • Umsatzrisiko:
  • Portfoliorisiko:
  • Cashrisiko:
  • Risiko Dominoeffekt: Die Insolvenz eines zentralen Unternehmens kann Folgeeffekte für weitere B2B-Kunden besitzen. Dies wiederum kann die Portfolio- und Cash-Risiken erhöhen.

Vereinfachte Beispielrechnung zum Umsatzrisiko für Energieversorger:

Unter der Annahme, dass sich 20 Prozent Zombiefirmen im eigenen B2B-Kundenportfolio befinden, ergibt sich bei einem fiktiven Kundenportfolio von 500 Kunden mit einem durchschnittlichen Stromverbrauch von 100.000 kWh/Jahr und einem durchschnittlichen Preis von 20 ct/kWh ein jährliches Umsatzrisiko von zwei Mio. Euro.

In der Beispielrechnung nicht berücksichtigt sind Risiken, die sich aufgrund bereits beschaffter Mengen sowie durch Dominoeffekte ergeben. Zudem besteht die Möglichkeit, dass im eigenen B2B-Portfolio die „Zombie-Firmen“ ungleichmäßig über die Größenklassen verteilt sind. Wenn sich mehrere Großabnehmer unter den „Zombie-Firmen“ befinden, steigt das Risiko um ein Vielfaches.

Intelligente Risikoanalyse für gezielte Absicherung

Die größte Gefahr für Energievertriebe ist, dass die Anzahl der Insolvenzen schlagartig in die Höhe schnellen wird, sobald die staatlichen Corona-Hilfsprograme auslaufen. Daher ist es nun für EVU dringend erforderlich, frühzeitig mögliche B2B-Zombies zu identifizieren, den Risiken auf dieser Basis aktiv, bspw. durch Abschlagsanpassungen oder durch Maßnahmen zur Reduktion der eigenen Kosten, gegenzusteuern und damit letztlich den eigenen Unternehmenserfolg und ‑fortbestand zu sichern.

Die häufig eingesetzten klassischen Risikoanalysen greifen in der Regel zu kurz: Sie betrachten lediglich Faktoren aus der Vergangenheit und Gegenwart; nur in ausgewählten Fällen bieten sie einen Ausblick in die Zukunft. Die meisten greifen dabei nicht strukturiert auf die individuellen Unternehmensdaten der jeweiligen B2B-Kunden zurück. Zudem vernachlässigen sie häufig wirtschaftliche Entwicklungen, allgemeine Risikoszenarien sowie die daraus folgenden unternehmensspezifischen Rahmenbedingungen. Auch die strukturierte Betrachtung des gesamten B2B-Kundenportfolios findet zu selten statt.

Unterschiedliche Krisenverlaufs-Szenarien

Gefragt ist in der aktuellen Situation ein Instrument, das die jeweils unternehmensspezifischen Finanzkennzahlen betrachtet und eine intelligente Zukunftsprojektion der wirtschaftlichen Entwicklung anhand von unterschiedlichen Krisenverlaufsszenarien erstellt.

Kundenportfolio: Gefährdete und Erfolgreiche identifizieren

Ein solches B2B-Zombie-Radar ermöglicht Energieversorgern eine an die aktuellen Rahmenbedingungen adaptierte, datenbasierte Risikobewertung ihres B2B-Kundenportfolios. Es werden für jeden einzelnen B2B-Kunden in den folgenden Schritten individuelle Risikoprofile erstellt:

  • Datenbasierte Analyse der finanziellen Kennzahlen des Unternehmens
  • Entwicklung von bis zu drei Szenarien für die weitere Unternehmensentwicklung unter Berücksichtigung der gesamtwirtschaftlichen Lage, der Branchenspezifika, regionaler Besonderheiten und des Grads der Weiterführung staatlicher Hilfsprogramme. Die Auswahl dieser Szenarien kann individuell angepasst werden
  • Entwicklung einer Zukunftsprojektion der geschäftlichen Entwicklung des jeweiligen Unternehmens
  • Berechnung des unternehmensindividuellen Risikoprofils anhand der entwickelten Szenarien im Abgleich mit den unternehmensindividuellen Rahmendaten
  • Ableitung eines Ampelsignals und Differenzierung von Zombie-Unternehmen zu Non-Zombie-Unternehmen und Performance-Unternehmen

Unternehmenserfolg zweigleisig absichern

Die erprobte Methodik bietet einen schnellen und effizienten Weg zur Bereitstellung kundenindividueller, datenbasierter Analysen, die den speziellen „Zombie-Risiken“ Rechnung tragen. So können kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen zur Risikobehandlung eingeleitet werden. Auf Basis der gleichen Methodik kann das Radar wirtschaftlich besonders attraktive B2B-Kunden identifizieren. Energieversorger können damit zusätzlich gewinnbringende Geschäftsbeziehungen gezielt intensivieren und ihren Unternehmenserfolg zweigleisig absichern.

(Gastautor: Michael Kaeser, Experte für Performance-Optimierung im Bereich Energy & Utilities bei Capgemini Invent)

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