Dieter Gerlach reiste im Rahmen des GEPP-Programms der GIZ nach Vietnam. Dort arbeitete er beim Konzern EVN.

Dieter Gerlach reiste im Rahmen des GEPP-Programms der GIZ nach Vietnam. Dort arbeitete er beim Konzern EVN.

Bild: © privat

Von Andreas Lorenz-Meyer

Fünf Wochen Vietnam liegen hinter Dieter Gerlach. In dieser Zeit war er Gast der Vietnam-Electricity-Group (EVN), einem Energieriesen mit rund 100 000 Beschäftigten, der für die komplette Stromversorgung des aufstrebenden 100-Millionen-Einwohner-Landes verantwortlich ist. Sein Arbeitsplatz hätte nicht angenehmer sein können: ein Einzelbüro im 24. Stock mit "fantastischer Aussicht" auf den Westsee der Hauptstadt Hanoi. 

Wie es zu dem Besuch kam? Zwei Jahrzehnte lang hat Gerlach die Geschicke der Stadtwerke Aschaffenburg als Geschäftsführer gelenkt. 2023 ging er etwas früher in Rente, weil er gern reist – möglichst nicht als gewöhnlicher Tourist. "Ich möchte in die Lebensrealitäten der Menschen eintauchen und ihre Kultur von innen heraus erleben."

Da war der Aufenthalt in Vietnam bei EVN genau das Richtige. Er fand im Rahmen des GEPP-Programms (siehe Box) statt. Die Idee des Programms ist es, Mitarbeiter von deutschen Energieversorgern – auch ehemalige – bis zu 90 Tage bei einer Firma im Ausland unterzubringen. Die deutschen Expertinnen und Experten geben dort ihr Know-how in puncto erneuerbare Energien weiter und können im Gegenzug Erfahrungen in einem fremden Land mit anderer Kultur und Arbeitsweise sammeln. 

"Alles Top-Fachleute."

Die Abteilung, in der Gerlach die Gelegenheit dazu bekam, war die Strategieabteilung von EVN. Die Kolleginnen und Kollegen dort sind hauptsächlich Ingenieure der Elektrotechnik, dazu ein paar Ökonomen. "Alles Top-Fachleute", so Gerlach. Interessant fand er, dass viele im Ausland studiert hatten, der Abteilungsleiter etwa in Australien. Und einige ihrer Kinder haben in Deutschland Abitur gemacht und studieren dort noch. 

Hoher Erneuerbaren-Anteil in Vietnam mit Fokus Wasserkraft

In den strategischen Planungen der Abteilung spielen Erneuerbare eine zentrale Rolle. Ihr Anteil an Vietnams Stromversorgung liegt derzeit bei 58 Prozent, mit dem Schwerpunkt Wasserkraft im bergigen Norden. Den Rest stellen Kohle- und Gaskraftwerke zur Verfügung. Jedoch steht Vietnam vor großen energiewirtschaftlichen Herausforderungen, berichtet Gerlach. Der Energieverbrauch des Landes werde sich bis 2030 verdoppeln gegenüber dem Jahr 2020. Das liege zum einen am anhaltenden Wirtschaftswachstum, zum anderen daran, dass sich ausländische, vor allem westliche Firmen ansiedeln. Diese schätzen Vietnam als kostengünstigen und verlässlichen Produktionsstandort. Damit nicht ausschließlich neue Kohlekraftwerke den steigenden Energiebedarf decken, sollen die erneuerbaren Energien, vor allem Photovoltaik, weiter ausgebaut werden. 

Bei einer solch anspruchsvollen Aufgabe sind Anregungen von außen willkommen – und genau die lieferte Gerlach den EVN-Strategen; schließlich verfügt er über einen großen energiewirtschaftlichen Erfahrungsschatz. Die vietnamesischen Gastgeber hatten ihm vorab eine Wunschliste mit Themen geschickt, die sie besonders interessierten: Aufdach-Solaranlagen, Power-Purchase-Agreement, Wasserstoff, Energieeffizienz, Kundenbetreuung. Dazu ein Fragenkatalog zum jeweiligen Thema. So konnte Gerlach mit der nötigen Ruhe seine Präsentationen vorbereiten und ins Englische übersetzen. Gelegentlich holte er sich auch Tipps von Stadtwerke-Kollegen. 

Großes Interesse an Funktionsweise eines liberalisierten Marktes

An die Präsentationen im Hanoier EVN-Hauptsitz schlossen sich immer Fachdiskussionen an. Dabei achtete Gerlach darauf, keine Empfehlungen zu geben, sondern einfach zu berichten und sich den vielen Fragen zu stellen.

"Meine vietnamesischen Kollegen wollten wissen, wie ein liberalisierter Markt funktioniert, wie sich ein Unternehmen in einem solchen Markt aufstellen sollte und welche Vor- und Nachteile es bei welchen Strategien im Bereich Ausbau erneuerbarer Energien gibt. Anhand meiner Erfahrungswerte überprüften sie dann die Entwicklung der eigenen Energiewirtschaft. Die Ansätze, die ihnen geeignet erschienen, übernahmen sie. Die ungeeigneten wurden verworfen."

"EVN will mit einem hohen PV-Selbstverbrauch eine Überlastung der Netze vermeiden."

Bei den von einer Dolmetscherin der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) begleiteten Gesprächen lernte umgekehrt auch Gerlach viel. Zum Beispiel über die energiewirtschaftlichen Lösungen, die EVN zu finden versucht. So soll sich der Ausbau der Photovoltaik in Vietnam daran orientieren, dass der Selbstverbrauch der erzeugten Energie möglichst hoch ist – also zum tatsächlichen Bedarf passende Dimensionen statt maximal große Anlagen. "Ein sehr interessanter Ansatz. EVN will so eine Überlastung der Netze vermeiden und dennoch zu einem akzeptablen Ausbau der Erneuerbaren kommen."

Powernapping im Büro nach dem Mittagessen ist verbreitet

Vereinbart war eine Vier-Tage-Woche für den Gast aus Deutschland: Arbeiten von Montag bis Donnerstag, langes Wochenende, Arbeiten von Dienstag bis Freitag, kurzes Wochenende und so weiter. So konnte Gerlach alle 14 Tage größere Touren durchs Land machen, unter anderem zur Kaiserstadt Hue in Zentralvietnam. Auf Wunsch der GIZ flog er auch nach Ho-Chi-Minh-Stadt, um dort beratend an Gesprächen zur Integration von Balkonsolaranlagen in Apartmenthäusern teilzunehmen.

Authentische Erlebnisse

Seit Weihnachten 2024 ist Gerlach wieder zu Hause. Sein Fazit fällt durchweg positiv aus. Die Einblicke in die vietnamesische Arbeitswelt seien aufschlussreich und sehr authentisch gewesen. So erlebte er zum Beispiel, dass nach dem Mittagessen eine Runde Powernapping im Büro üblich ist. Die vietnamesische Küche beschreibt Gerlach als "köstlich und bekömmlich". 

"Ich habe die Vietnamesen in energiewirtschaftlichen Fragen als pragmatisch und ideologiefrei kennengelernt."

Alles in allem sei es eine bereichernde Reise gewesen, die ihn auch über die energiepolitische Entwicklung in Deutschland nachdenken lässt. "Ich habe die Vietnamesen in energiewirtschaftlichen Fragen als pragmatisch und ideologiefrei kennengelernt. Eine Vorgehensweise wie bei uns, wo Kraftwerkskapazitäten aus politischen Motiven zu- oder abgeschaltet werden, ist dort undenkbar." An erster Stelle stünden für die Vietnamesen die Versorgungssicherheit, die Kostenfrage und damit die Gewährleistung niedriger Preise.

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