Wilfried Ullrich ist Vorstand des Aachener Kommunalversorgers Stawag AG.

Wilfried Ullrich ist Vorstand des Aachener Kommunalversorgers Stawag AG.

Hold: @ Stawag

Kooperationen mit Sozialverbänden und dem Jobcenter und dem Sozialamt. Die Stadtwerke Aachen engagieren sich seit langem im Kampf gegen die Energiearmut. Wie fällt Ihre Bilanz aus, wie hat sich die Zahl der Stromsperren in den vergangenen Jahren entwickelt?

Wilfried Ullrich: Die Zahl der Stromsperren ist dank unserer vielen Maßnahmen schon seit Jahren konstant niedrig. Bislang haben wir vor allem auf eine Kooperation mit dem Sozialamt und dem Jobcenter, auf die Unterstützung der Schuldnerberatung und auf den Stromspar-Check für einkommensschwache Haushalte gesetzt.

Viele Stadtwerke sind bei dem Thema sehr aktiv. Dennoch hat man den Eindruck, dass man sich bisher oft auch mit kleinen Fortschritten begnügen musste. Wo bestehen aktuell noch die größten Herausforderungen?

Ullrich: Mit diesen Maßnahmen sind wir sehr zufrieden. Gleichwohl ist jede Sperrung eine Sperrung zu viel, zumal unser Prozessaufwand sehr hoch ist und die Kunden mit Sperr- und Entsperrkosten auch häufig sehr belastet sind. Vor diesem Hintergrund haben wir nach neuen Ansätzen gesucht und diese in der Kooperation mit der EnergieRevolte gefunden. (Anm. der Redaktion: Die EnergieRevolte ist ein Start-up der Stadtwerke Düren, das einen eigenen Prepaid-Zähler entwickelt hat, den auch die Stawag nutzen will).

Energiearmut und Energieschulden sind ja sehr stark auch prozessuale Themen. Wo liegen hier die zentralen Hebel, um das Thema noch besser in den Griff zu bekommen?

Ullrich: Der größte Hebel war und ist für uns die enge Zusammenarbeit mit allen Partnern in der Stadt, Beispiel Schuldnerberatung: Bei 92 Prozent der Kunden, die kurz vor einer Sperrung standen, konnte diese durch die Beratung verhindert werden. Darüber hinaus haben knapp 50 Prozent aller Ratsuchenden in diesem Rahmen eine ausführliche Budgetberatung in Anspruch genommen. Das bedeutet, dass hier sogar eine nachhaltige Wirkung erzielt worden ist.

Die Stawag nutzt als erster Energieversorger die Prepaid-Lösung der EnergieRevolte. Was ist für Sie das Neuartige an dieser Lösung und was erhoffen Sie sich davon konkret für das Privatkundengeschäft?

Ullrich: Das neue ist für uns der Ansatz, dass Kunden absolute Transparenz über ihren Verbrauch erhalten und auf dieser Basis handlungsfähig werden. Die modernen Prepaid-Zähler sind anders als die Zähler, in die man früher Geld einwerfen musste, von außen nicht erkennbar anders und somit nicht stigmatisierend für die Haushalte. Im Gegenteil: Über eine moderne und ansprechende App sind sie einfach zu bedienen und leicht aufzuladen. Mit einigen ergänzenden Features sorgen wir dafür, dass wir einen sehr hohen Service bieten. Auch Bargeld-Einzahlung ist möglich, aber auch Zahlungen über beispielsweise PayPal.

Werden Sie die Lösung und das dahinterstehende Konzept eins zu eins übernehmen oder planen Sie in gewissen Bereichen eigene Akzente?

Ullrich: Von der Energierevolte nutzen wir die White-Label-Lösung, die unter anderem die App beinhaltet. Für den Energieeinkauf, die Preisgestaltung, die Abrechnung und den Kundenkontakt sind wir weiter zuständig.

Welche Auswirkungen hat das Zahlungsmoratorium bisher für die Arbeit der Stawag? Wie stark machen Kunden davon Gebrauch, steigen die Ausfallrisiken?

Ullrich: Bislang haben nur wenige Kunden von dem Leistungsverweigerungsrecht Gebrauch gemacht – das scheint generell in der Branche so zu sein. Die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise sind aus unserer Sicht noch nicht „ausgestanden“, so dass wir noch nicht abschließend beurteilen können, welche Folgen durch Corona für unsere Kunden entstehen.

Kann oder wird das Thema Coronakrise das Thema Energiearmut verschärfen?

Ullrich: Das lässt sich zum heutigen Zeitpunkt noch nicht seriös beantworten.

(Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren.)

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