Die Stadtwerke München (SWM) werden den Kohleblock im Heizkraftwerk Nord im CO2-reduzierten Betrieb so lange betreiben, wie dieser als von der Bundesnetzagentur als systemrelevant eingestuft wird. Diese Klassifizierung könnte zwischen 2026 bis 2028 mit der Inbetriebnahme der neuen Nord-Süd-Stromtrassen (insbesondere SuedLink und SuedOstLink) wegfallen. Die Stadt macht den SWM für den künftigen Betrieb klare Vorgaben: Ab kommendem Jahr sollen die Gesamtemissionen signifikant und sukzessive reduziert werden: Ziel ist eine Reduktion des Kohlenstoffdioxid-Ausstoßes im Vergleich zu einem uneingeschränkten Weiterbetrieb um 4,3 Mio. Tonnen (t.) Das hat der Ausschuss für Arbeit und Wirtschaft am vergangenen Dienstag mit den Stimmen von SPD, CSU und Bayernpartei beschlossen, die endgültige Entscheidung fällt nun in der Vollversammlung des Stadtrates am kommenden Mittwoch (24.Juli). In der Regel folgt diese den Empfehlungen der Ausschüsse.
Durch diese Reduzierung der Laufzeit entsteht den SWM im Vergleich zu einem Weiterbetrieb bis 2035 laut Beschlussvorlage ein wirtschaftlicher Schaden in Höhe eines niedrigen, dreistelligen Millionenbetrages. Mit dem Entschluss erklärt die Stadt gleichzeitig den Bürgerentscheid für einen frühzeitigen Kohleausstieg bis zum Jahr 2022 für nicht verwirklichbar. Der Kommunalversorger hatte zur Umsetzung des Bürgerwillens zahlreiche Alternativen geprüft, unter anderem den Bau einer GuD-Anlage in Unterföhring sowie Standorte zur Errichtung dezentraler Heizwerke untersucht. Die Vorhaben wurden vom Gemeinderat Unterföhring respektive den jeweiligen Bezirksausschüssen abgelehnt.
Emotionale Debatte im Ausschuss
Gleichzeitig hat der Übertragungsnetzbetreiber Tennet bei der Bundesnetzagentur beantragt, die Anlage Ende 2022 nicht vom Netz zu nehmen und diese als systemrelevant einzustufen. Es ist davon auszugehen, das die Aufsichtsbehörde dem Gesuchen entsprechen wird. In einer emotional geführten Diskussion in Ausschuss für Arbeit und Wirtschaft warfen Vertreter der Linken Stadtwerke-Chef Florian Bieberbach und seinem Unternehmen dennoch "Untätigkeit in den vergangenen eineinhalb Jahren" vor, berichtet die "Süddeutsche Zeitung". "Wer das behauptet, der lebt in einer anderen Welt", soll Bieberbach geantwortet haben. Die SWM würden international als Vorreiter bei der Energiewende honoriert. "Nur hier von manchen nicht", so der Vorsitzende der SWM-Geschäftsführung. Vor allem die Initiatoren des Bürgerentscheids, ÖDP, Grüne und Linke, werfen der Stadt eine Missachtung des Bürgerwillens vor.
Längere Stillstände im Sommer
Bei einer Stilllegung des Kohleblocks im HKW München Nord im Jahr 2023 würden den SWM rund 420 MW Fernwärmeleistung fehlen. Bis zu diesem Zeitpunkt wird der Ausbau der CO2-freien Wärmeerzeugung, insbesondere der Geothermie noch nicht so weit fortgeschritten sein, um diese Versorgungslücke zu füllen. Deshalb plädieren die Stadtwerke für ein so genanntes "realistisches Kohlekonzept". Zum einen über einen Kohleminderungspfad im HKW Nord, im Wesentlichen über längere Stillstände im Sommer und die Stromerzeugung im Kondensationsbetrieb (bei diesem Prozess wird keine Fernwärme ausgekoppelt). Vorgesehen ist ein maximaler Kohlebedarf von 750.000 t pro Jahr. Dieser soll ab 2025 linear um je 75.000 t abgesenkt werden, bis eine untere Grenze von 450.000 t pro Jahr erreicht ist.
Forcierter Fernwärme-Ausbau
Der zweite Bestandteil des Kohlekonzepts beinhaltet die forcierte Umstellung auf CO2-neutrale Fernwärme, vor allem über die Geothermie-Erschließung. Die Geoterhmienanlage am Standort HKW Süd soll beispielsweise im Jahr 2020 ans Netz gebracht werden. Sie wird nach SWM-Angaben mit wahrscheinlich mehr als 50 MW die bisher leistungsfähigste Anlage ihrer Art in München sein und die bislang größte Geothermieanlage Deutschlands. Mit ihr können über 80.000 Münchner mit grüner Wärme versorgt werden. Flankiert wird die Erschließung über umfangreiche Anpassungen und Erweiterungen im Fernwärmenetz. Integraler Bestandteil dieses Zukunftskonzeptes ist die Modernisierung von KWK-Anlagen an den Standorten Süd und Freimann.
Bis 2040 sind für diese Transformation der Wärmeversorgung Investitionen von rund eine Mrd. Euro vorgesehen. "Das Bürgerbegehren wird mit Hilfe des von der SWM angebotenen Kohleminderungspfads und den weiteren Maßnahmen hinsichtlich der CO2-Einsparungen zumindestens zum Teil umgesetzt werden", heißt es in der Beschlussvorlage. Die Stadtwerke blieben aber beauftragt, alle Möglichkeiten zu prüfen, um den Prozess des Steinkohleausstiegs zu beschleunigen und so früh wie möglich umzusetzen. (hoe)
