Der Mannheimer Energieversorger wird bald einen neuen Großaktionär haben, die Karlsruher EnBW und die Kölner trennen sich von ihren Anteilen in Höhe von 28,8 bzw. 16,3 Prozent. Der Verkauf des 45,1-Prozent-Pakets wird von Marktexperten auf ein Volumen von 800 Mio. bis rund 1 Mrd. Euro geschätzt. Der Verkaufsprozess erfolgt in enger Abstimmung der drei Unternehmen sowie des MVV-Mehrheitsaktionärs, der Stadt Mannheim (51,1 Prozent).
MVV-Vorstandschef Georg Müller wollte sich auf der Bilanzpressekonferenz am Dienstag in Frankfurt allerdings nicht näher zu dem Deal äußern. "Wir sind an einer langfristig stabilen Aktionärsstruktur interessiert", sagte Müller lediglich. Auch die Frage nach künftigem strategischen Einfluss und Rolle des neuen Anteilseigners blieb unbeantwortet. "Ich kann und will dazu heute nicht mehr sagen", so Müller.
Künftiger EWE-Aktionär Ardian auch an MVV-Einstieg interessiert
Laut Nachrichtenagentur Reuters sind mehrere Finanzinvestoren an einem Einstieg in Mannheim interessiert. So die Deutsche-Bank-Tochter DWS, die französische Private-Equity-Beteiligungsgesellschaft Ardian, der australische Infrastruktur-Investor IFM, der kanadische Pensionsfonds Omers, der Versicherungskonzern Allianz sowie der Schweizer Finanzinvestor Partners Group. Vorbereitet wird der Verkaufsprozess vom Finanzdienstleister Perella Weinberg, der in Deutschland von Ex-Deutsche-Bank und Ex-Eon-Vorstand Marcus Schenck geführt wird.
Konkrete Aussagen gab es vom MVV-Management zu den Ergebnisse des abgelaufenen Geschäftsjahres 2019 (1. Oktober 2018 bis 30. September 2019). Nach einem "wirklich schlechten 1. Quartal" gelang mit dem "besten 4. Quartal, das wir seit langem hatten", noch ein versöhnlicher Jahresabschluss. Das operative Ergebnis der Unternehmensgruppe lag am Ende mit 225 Mio. Euro geringfügig unter dem Vorjahresergebnis von 228 Mio. Euro, bilanzierte Müller.
Ausfall des Biomasse-Kraftwerks Ridham Dock belastet
Belastend war der mehrmonatige Ausfall des Biomasse-Kraftwerks im englischen Ridham Dock. Zudem hätten positive Einmaleffekte im Vorjahr nicht wiederholt werden können. Positiv auf das Jahresergebnis wirkte sich eine verbesserte Projektentwicklung bei den erneuerbaren Energien sowie ein stringentes Kostenmanagement aus. MVV habe kein generelles Kostensenkungsprogramm, prüfe aber alle Geschäftsbereiche kontinuierlich auf Einsparmöglichkeiten, erläuterte Müller.
Die Umsatzerlöse sanken auf 3,7 von zuvor 3,9 Mrd. Euro. Der Rückgang sei erwartet worden und im Wesentlichen auf eine Änderung der Rechnungslegung und nicht auf operative Effekte zurückzuführen. Im Ergebnis müssten Marktprämien nicht mehr brutto, sonder netto ausgewiesen werden. Aufgrund geringerer Ertragssteuern konnten die Mannheimer ihren bereinigten Jahresüberschuss nach Fremdanteilen um vier auf 98 Mio. Euro steigern. Die Aktionäre erhalten wie schon in den vergangenen Jahren eine Dividende 0,90 Euro je Aktie.
Umweltgeschäft profitiert von guter Preisentwicklung
Das Ergebnis im Berichtssegment "Neue Energien" kletterte bei nahezu konstantem Umsatz um 21 Prozent auf 109 Mio. Euro. Die Projektpipeline habe vor allem im internationalen Geschäft wieder Fahrt aufgenommen, sagte Müller. Als Beispiel nannte er zwei Projekte der Tochtergesellschaft Juwi: einen 123-MW-Solarpark im US-Bundesstaat Colorado sowie ein Solarprojekt in Griechenland mit mehr als 200 MW.
Trotz der Windkraft-Krise in Deutschland hätten Juwi und der zweite MVV-Projektentwickler Windwärts ihre Pipeline erweitern und 2019 Erneuerbare-Anlagen mit einer Leistung von 460 MW ans Netz bringen können. Das Umweltgeschäft mit der thermischen Verwertung von Abfällen und Biomassen habe von der guten Preisentwicklung profitiert.
Kritik an geplanter Mindestabstandsregel bei Windkraft
Angesichts dieser Vorzeichen geht das MVV-Management auch für das laufende Geschäftsjahr von einem Ergebnisanstieg im Segment "Neue Energien" aus. Für die Unternehmensgruppe insgesamt erwartet Vorstandschef Müller sowohl beim operativen Ergebnis als auch beim Umsatz einen leichten Anstieg.
Mit Blick auf die Energiepolitik warnte Müller vor den Plänen von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, einen Mindestabstand von 1000 Metern zwischen Windanlagen und Wohnbebauung durchzusetzen. Damit verabschiede man sich "von dieser Zukunftstechnologie".
Müller fordert Gleichbehandlung süddeutscher Kraftwerke
Das im Kohleausstiegsgesetz enthaltene marktorientierte Ausschreibungsverfahren für Kohlekraftwerke sei zwar im Grundsatz richtig. Doch mahnt der MVV-Chef eine Gleichbehandlung süddeutscher Kraftwerke an. Sie dürften nicht durch von der Teilnahme an den ersten Stilllegungsauktionen ausgeschlossen und durch einen "systemwidrigen Netz-Aufschlag" belastet werden.
Zudem sollten vom Markt genommene Anlagen, die aus Gründen der Versorgungssicherheit in die Netzreserve überführt werden, von Fristenregelungen für den Wechsel auf CO2-arme Ersatzinvestitionen ausgenommen werden. Ein Betreiber könne nicht wissen, wie lange die Kraftwerke in der Reserve bleiben. Die bisher im Raum stehenden entschädigungsfreien Abschaltungen ab 2027 lehnt Müller als "harten Eingriff in bestehende Eigentumsrechte" ab.
Optionen für GKM Mannheim werden geprüft
Für das Grosskraftwerk Mannheim (GKM) würden nach dem Feststehen der konkreten Kohleausstiegspläne mit den anderen Anteilseignern RWE (40 Prozent) und EnBW (32 Prozent) alle Optionen - von Biomasse bis Geothermie - geprüft, wie der Abschied von den fossilen Brennstoffen umgesetzt wird.
"Die Versorgung mit Fernwärme wird aber in jedem Fall gesichert sein", erklärte Müller. Das GKM liefert nach eigenen Angaben als größtes deutsches Steinkohlekraftwerk Strom für 2,5 Millionen Menschen, die umliegende Industrie sowie Fernwärme für rund 120.000 Haushalte in der Rhein-Neckar-Region. (hil)
