Nach einer umfangreichen Umstrukturierung richtet der verstaatlichte Gaskonzern Sefe seinen Blick auf die Transformation seiner Geschäftsmodelle. Im ZfK-Interview sprach Vertriebschef, Matthias Peter, über die Diversifizierung des Gasportfolios und das Dilemma mit dem russischen Gas.
Herr Peter, welche zentralen operativen Veränderungen wurden bei Umfirmierung der ehemaligen Gazprom-Gesellschaften in Europa vorgenommen?
Matthias Peter: Die früheren Strukturen innerhalb des Gazprom-Konzerns waren auf klassische Wirtschaftseinheiten ausgelegt, mit der Trading-Einheit in London, der Retail-Einheit in Manchester und mit Wingas in Kassel für den kontinentalen Markt. Abteilungen wie Finanzen, IT gab es entsprechend mehrfach.
Es fehlte zudem eine zentrale Unternehmenssteuerung, die für eine vollkaufmännische Betriebsfortführung notwendig ist. Mit der Umfirmierung von rund zwei Dutzend Tochtergesellschaften zu Sefe "Securing Energy for Europe", haben wir uns in einem integrierten Geschäftsmodell als "One Sefe" zum 1. August 2023 eine neue Struktur unter einem Dach gegeben. Das Ziel war, bestimmte Bereiche wie Vertrieb, Beschaffung und Riskmanagement bereichsübergreifend zusammenzuführen, neu zu organisieren und zu optimieren.
Wurde das Ziel erfüllt?
Die Notwendigkeit, sich im Interesse der Energiewende und -sicherheit weiter zu verändern, führt zur Transformation der Geschäftsmodelle. Als integriertes Unternehmen hat Sefe noch die Einheiten Wingas, Sefe Marketing & Trading sowie Sefe GmbH, die wir strikt nach funktionalen Aufgaben organisiert haben.
Wir haben also ein Sales-Geschäft, ein Trading-Geschäft, einen Finanzbereich, einen zentralen Koordinationsbereich, eine gemeinsame IT-Struktur. Das war der große Wandel innerhalb des Konzerns: kein Fokus mehr auf die Standorte, sondern auf die Aufgabenbereiche. Sefe trägt dem Strukturwandel, der Neuausrichtung des Geschäftsmodells und der Transformation auch in der Personalgewinnung und Personalentwicklung Rechnung und wird mittlerweile von einem komplett neuen Team auf erster und zweiter Führungsebene gemanagt.
"Wir sind heute in der Lage, schnellere Entscheidungen zu treffen"
Bedeuten die vorherigen Mehrfachbesetzungen auch Entlassungen?
Es ist nicht die Frage, ob wir weniger sein werden. Wir benötigen heute einfach andere Funktionen. Unter dem Strich haben wir kein Rationalisierungsprogramm realisiert, sondern eine Umschichtung von bestehenden und kommenden Aufgaben.
Dafür haben wir bei Sefe jetzt beispielsweise in der IT-Abteilung, im Bereich Digitalisierung und im Business-Development mehr Stellen. Wie bereits erwähnt, führt die Notwendigkeit, sich im Interesse der Energiewende und -sicherheit weiter zu verändern, zur Transformation der Geschäftsmodelle und dem Angebot an zukunftsorientierten Aufgaben. Perspektivisch werden wir deshalb eher Personal aufbauen. Wir sind heute in der Lage, deutlich schneller Entscheidungen als in früheren Zeiten zu treffen.
Zwar gibt es keine Reportingpflicht mehr nach Sankt-Petersburg oder Moskau. Allerdings muss sich Sefe bei der Bundesregierung verantworten. Wie klappt das bisher?
Eigentümer der Sefe ist der Bund, der mit einer Repräsentantin in unserem sechsköpfigen Aufsichtsrat vertreten ist. Es gibt natürlich Aktionsfelder wie strategische Entscheidungen, Besetzungen der Führungsebene oder auch entscheidende Vertragsabschlüsse, die dem Aufsichtsrat vorbehalten sind. Es ist klar, dass der Bund sich bis spätestens 2028 aus Sefe zurückziehen wird und dann maximal 24,9 Prozent der Anteile behalten darf. Die Privatisierung, ist neben der grünen Transformation, eine der Hausaufgaben, die vor uns liegen.
"Vor einem Jahr waren wir für Investoren sicherlich nicht attraktiv."
Ist Sefe für Investoren attraktiv?
Das wird sich zeigen. Vor einem Jahr waren wir das sicherlich nicht. Stand heute ist Sefe ein eigenständiger Gas-Midstreamer, der Gas einkauft, handelt und vertreibt, transportiert und speichert. Mit diesem integrierten Geschäftsmodell hat Sefe im abgelaufenen Geschäftsjahr 2023 deutlich über Plan gewirtschaftet. Das Management wird Sefe zu einem profitablen und eigenständigen Unternehmen weiterentwickeln. Die Entscheidung, wie Sefe privatisiert werden soll, liegt allerdings beim Bund. Noch ist es viel zu früh, darüber zu reden.

Der Zehnjahresvertrag mit Equinor gilt es ein wesentlicher Baustein Ihrer Versorgungsstrategie. Warum war er notwendig – und dann gleich über 10 Jahre?
Und sogar noch mit einer Option auf weitere fünf Jahre. Denn die Versorgungssicherheit hat einen Wert. Wir waren 2022 in der Situation, dass die russischen Gaslieferungen ausgefallen sind. Sofort schoss der Preis auf ein nie dagewesenes Niveau hoch. Das meiste davon machte die Furcht aus, wir würden nicht genug erhalten.
Seit Jahresbeginn liefert Equinor 111 Terawattstunden – rund 10 Mrd. Kubikmeter – Erdgas pro Jahr. Die jährlichen Mengen entsprechen einem Drittel des deutschen Industriebedarfs. Unsere Vereinbarungen mit Equinor sind eine Antwort auf Europas Bedarf an langfristiger, zuverlässiger Energieversorgung und, insbesondere im Rahmen der grünen Energiewende, ein tragfähiger Weg zur Dekarbonisierung in großem Maßstab. Mit jedem neuen Liefervertrag konnten wir auf der Portfolioseite erkennen, wie sich die Preise sofort stabilisierten.
"Equinor hätte genug andere Möglichkeiten gehabt, sein Gas zu verkaufen."
Der Markt hat wieder Vertrauen in die ausreichende Verfügbarkeit von Erdgas gefasst und der Vertrag mit Equinor, als letzter in einer Reihe von Langfristverträgen, hat einen großen Anteil daran. Und was seine Laufzeit angeht, vielleicht hätte Equinor für zwei Jahre gar nicht abgeschlossen. Der Konzern braucht auch eine Basis für eine langfristige Planung für Investitionen. Und mal ehrlich, Equinor hätte genug andere Möglichkeiten gehabt, sein Gas zu verkaufen.
Wie passt der Langfristvertrag von Equinor in die Strategie der grünen Transformation?
Der Vertrag ist in dieser Hinsicht einmalig. Denn er verfügt über eine wichtige Zukunftskomponente einer strategischen Partnerschaft: Ab 2028 sieht der Vertrag vor, schrittweise Wasserstoff anstelle von Erdgas zu beziehen. So ersetzen wir die Erdgasmoleküle Schritt für Schritt.
Der Preis dafür steht noch nicht fest. Und es ist zunächst blauer Wasserstoff. Denn dieser ist für die Übergangszeit notwendig, um das Versorgungssystem zunächst zu befüllen. Im nächsten Schritt folgt dann grüner Wasserstoff. Ich stelle gerade fest, dass sich der politische Rahmen dafür sehr stark zum Positiven verändert.
Inwiefern?
Es ist weniger dogmatisch. Es ist allen klar, dass blauer Wasserstoff besser ist, als Kohle oder Erdgas. Und das ist schon ein Anfang. Hinzu kommen die Pläne für H2-ready-Gaskraftwerke im Rahmen der Kraftwerksstrategie sowie einige Leuchtturmprojekte zum Wasserstoffeinsatz in der Industrie. Allerdings fehlt es noch an einem Instrument, um die nötigen Impulse für die Wasserstoffversorgung zu setzen. Das könnte eine höhere CO2-Bepreisung sein, oder auch direkte Subventionen.
Wie stark ist das Sefe-Portfolio diversifiziert?
Derzeit befüllt Norwegen mit Pipelinegas rund 50 Prozent unseres Portfolios, der Rest stammt aus diversen LNG-Lieferungen. Die Diversifizierung des Beschaffungsportfolios funktioniert also nur über LNG. Dafür haben wir im Sommer vergangenen Jahres mit Venture Global beispielsweise einen weiteren LNG-Liefervertrag abgeschlossen. Verträge haben wir ebenfalls mit Oman, kürzlich folgte ein neuer mit Abu Dhabi. Wir zeigen mit diesen langfristigen Verträgen, dass es genug Gas auf dem Markt gibt. So würden längere Wartungsarbeiten oder auch das US-Moratorium auf weitere LNG-Kapazitäten zu keiner erneuten Gasmangellage führen.
Welche Folgen könnte das US-Moratorium für die Versorgung haben?
Wenn Sie die Gaspreise für 2028 und 2029 anschauen, sehen Sie auch dort eine fallende Tendenz. Damit sagt der Markt uns: "Das kriegen wir schon hin".
"Wir haben die Beschaffung dem Grunde nach neu erfunden."
Ist angesichts der Diversifizierung noch Platz für russisches Erdgas in Ihrem Portfolio?
Nachdem die Russische Föderation am 11. Mai 2022 die heutige Sefe als einzigen Energieversorger in Deutschland mit einem umfassenden, vollständigen Lieferstopp sanktionierte, haben wir die Beschaffung dem Grunde nach anschließend neu erfunden. Im Sommer vergangenen Jahres wurden diese Sanktionen für die LNG-Belieferung durch den russischen Anbieter Yamal seitens Russland aufgehoben.
Dadurch gilt die Abnahmeverpflichtung wieder, ob es uns gefällt oder nicht. Wenn wir es nicht abnehmen, müssen wir es nach dem Take-or-Pay-Prinzip trotzdem bezahlen. Die entscheidende volkswirtschaftliche Frage dabei ist, was sinnvoller ist: Gas nicht zu nehmen und es trotzdem bezahlen oder es doch noch zu kaufen und den Vertrag erfüllen. Dass der Deal umstritten ist, versteht sich von selbst. Derzeit gibt es keine Sanktionen der EU oder Deutschlands gegen die Erdgaslieferungen aus Russland.
Das Interview führten Pauline Faust und Artjom Maksimenko
Das Interview erschien in einer gekürzten Fassung in der April-Printausgabe der ZfK. Hier können Sie die Ausgabe als E-Paper lesen.



