Der Energiedienstleister Powerfox musste in diesem Jahr schon ein vorläufiges Insolvenzverfahren eingehen. Nun gegen Ende des Jahres gibt es gute Nachrichten für die Gründer und Geschäftsführer Timm Beyer und Marcus Becker: Neue Investor:innen sind an Bord. Im Interview berichten sie, über ihre Erwartungen für die Meteringbranche, das eigene Unternehmen und warum die Energiebranche für Start-ups undankbar ist.
Powerfox liest – ohne Smart-Meter-Gateway – Verbrauchsdaten von Strom, Wärme, Wasser und künftig auch Gas aus. Seinen Kunden bietet Powerfox eine eigenes Energiemanagementsystem an, aber auch eine Schnittstelle, um Systeme von Drittanbietern zu integrieren. Das Unternehmen ist im B2C-, aber auch im B2B-Markt unterwegs und arbeitet mit Energieunternehmen zusammen, etwa den Stadtwerken Ulm. Eine Whitelabel-Lösung für dynamische Tarife wird auch vertrieben.
Was war der ursprüngliche Gedanke hinter Powerfox?
Marcus Becker: Wir haben Powerfox 2017 gegründet, um in die Lücke einzusteigen, die es zwischen einer modernen Messeinrichtung (mME) und den intelligenten Messsystemen gibt. Den Smart-Meter-Gateway werden eben nicht alle bekommen, also was machen wir dann mit denen, die nur eine moderne Messeinrichtung haben? Wir wollten eine einfache Lösung, um eben auch Daten aus den mME abzulesen. Wohlgemerkt funktioniert Powerfox auch, wenn ein Smart-Meter-Gateway eingebaut wird.
Aus heutiger Sicht: Inwiefern ist ihre Unternehmensstrategie aufgegangen?
Timm Beyer: Mit mittlerweile über 40.000 installierten Geräten sind wir erfolgreich. Dennoch zeigt sich, dass die Verbreitung und Nutzung von Energiedaten langsamer voranschreiten als prognostiziert. Verschiedene Faktoren spielen hier eine Rolle, insbesondere die regulatorischen Rahmenbedingungen in Deutschland. Das ist allgemein ein Hindernis für den Energiesektor.
"Seit der Energiekrise überwachen viele Haushalte ihre Energiekosten."
Ein entscheidender Wendepunkt für die Nachfrage war das Jahr 2022, als die stark steigenden Energiepreise für Strom und Gas viele Haushalte dazu veranlassten, ihre Energiekosten besser zu überwachen. Daraus resultierte ein gestiegenes Interesse an Lösungen, die den Energieverbrauch erfassen und Strategien zur Kostensenkung ermöglichen.
Parallel dazu zeigte sich ein dynamischer Trend im Bereich Smart Home, der insbesondere die Integration von Photovoltaik-Anlagen, kleinen PV-Systemen, Speichern und intelligenter Steuerung umfasst. Hier sind deutliche Fortschritte zu verzeichnen, und die Nachfrage ist erheblich gestiegen.
Während solche Technologien im Eigenheimbereich immer mehr zum Standard werden, ist die Durchdringung im Mietwohnungssektor noch ausbaufähig. Insgesamt zeigt der Markt jedoch bereits deutliche Bewegung, insbesondere in Segmenten mit hoher Affinität zu Smart-Home-Lösungen und Energieautarkie.
Die Bundespolitik ist momentan mit sich selbst beschäftigt, was auch viele Energiepolitikprojekte aufhält. Ist das auch etwas, was sie merken?
Beyer: Wir haben uns ohnehin als pragmatische Alternative zum regulierten Gateway aufgestellt. Wir versuchen jetzt, uns von diesem Regulierungsstau ein bisschen unabhängig zu machen – trotzdem merken wir, dass die Branche abwartend ist, was Investitionsvorhaben angeht.
Becker: Die Herausforderungen, die auf der politischen Agenda stehen, wie der Netzausbau oder die Fernsteuerbarkeit von Anlagen, scheitern aktuell oft an einem Punkt: der zunehmend dezentralen Energieerzeugung, durch die wir Nachfrage und Angebot im Energiemarkt immer schwieriger in Einklang bringen können.
Um die Menschen dazu zu bringen, bewusster mit Energie umzugehen und bevorzugt dann Energie zu nutzen, wenn sie aus erneuerbaren Quellen stammt, ist ein System notwendig, das schnell und flächendeckend Echtzeitdaten bereitstellt. Nur so können Verbraucher ihr Verhalten effektiv anpassen.
Beyer: In diesem Zusammenhang gibt es bereits Regelungen, die genutzt werden können. Beispielsweise können zuständige Netzbetreiber diese Daten für das Bilanzkreismanagement akzeptieren. Allerdings ist die Nutzung solcher Echtzeit-Daten bislang nicht verpflichtend vorgeschrieben, was die flächendeckende Anwendung dieser Ansätze behindert.
Mehrere jüngere Energiedienstleister haben in letzter Zeit Finanzierungsprobleme gehabt. So auch Powerfox. Woran lag es bei Ihnen?
Becker: Generell ist die Branche schwierig, das hat man 2022 auch bei Discovery gesehen, die aufgeben mussten. Die Regulierung macht es schwierig, marktgetriebene Lösungen erfolgreich voranzubringen und zu etablieren.
"Sobald externe oder interne Faktoren den Plan durchkreuzen, gerät die wirtschaftliche Stabilität schnell in Gefahr."
Für uns war es wichtig, die Kundenbasis schnell auszubauen, was für ein Start-up naturgemäß ein risikoreiches Unterfangen ist. Solange alles nach Plan läuft, kann man Wachstum generieren. Doch sobald externe oder interne Faktoren den Plan durchkreuzen, gerät die wirtschaftliche Stabilität schnell in Gefahr.
Wir hatten glücklicherweise die Möglichkeit, Investoren von der Zukunftsfähigkeit unserer Lösungen zu überzeugen. Diese Partnerschaften haben uns ermöglicht, die Fortführung unseres Geschäfts sicherzustellen. Besonders erfreulich ist, dass wir nun mit Experten aus der Energiewirtschaft zusammenarbeiten, die mit umfangreichem Know-how unsere Vision unterstützen.
Nachdem die Finanzierung für Powerfox gesichert ist – wie geht es weiter?
Beyer: Die Themen, die aufgrund finanzieller Einschränkungen in den letzten zwei Jahren nicht umgesetzt werden konnten, stehen jetzt fest auf unserer Roadmap. Insbesondere fokussieren wir uns auf eine stärkere Integration in weitere Smart-Home-Systeme und die Erweiterung um Energiemanagement-Funktionen innerhalb von Powerfox. Diese Entwicklungen entsprechen den Erwartungen unserer Kunden.
Darüber hinaus planen wir, verstärkt webbasierte Lösungen anzubieten, ein weiterer Wunsch, der häufig aus unserem Kundenkreis geäußert wurde. Ein weiteres, wichtiges Ziel ist die Bereitstellung von integrierten Lösungen für Energieversorger. Hier wollen wir als Dienstleister Versorger unterstützen, ohne große eigene Investitionen dynamische Stromtarife und HEMS-Lösungen (Home Energy Management Systems) für ihre Kunden anbieten zu können.
Becker: Unsere Marktanalyse zeigt, dass sich die grundlegenden Gegebenheiten in den letzten zwei Jahren nicht fundamental geändert haben. Dennoch sind wir durch die Zusammenarbeit mit unseren neuen Investoren auf einer stabileren Plattform aufgestellt. Dies ermöglicht es uns, unsere IT-Infrastruktur intern weiter auszubauen und unsere Kapazitäten für eigenständige Entwicklungen deutlich zu stärken.
Das Interview führte Pauline Faust
