Eigentlich ist sie studierte Verfahrenstechnikerin: Nachdem sie die erste Berufsjahre in der Chemieindustrie tätig war, hat sich die Französin Aurelie Alemany bewusst für einen Wechsel in die Energiewirtschaft und nach Deutschland entschieden. Beim EnBW-Konzern hatte sie verschiedene Leitungsfunktionen inne und war als Geschäftsführerin der EnBW-Tochter Yello Strom tätig. Zuletzt war sie CEO des Speicherherstellers Senec, der ebenfalls zu EnBW gehört.
Seit Juli dieses Jahres steht sie an der Spitze von Enercity und ist damit Chefin von mehreren Tausend Mitarbeitenden. Beim VKU-Stadtwerkekongress am 3. und 4. September in Hannover ist sie mit ihrem Team die Gastgeberin und wird dort einen Impulsvortrag mit dem Titel "Die Transformation aus Praxissicht" halten. Der ZfK hat sie ihr erstes großes Interview als Enercity-CEO gegeben.
"Ich habe in meinen ersten Wochen viele Kolleg*innen bei Enercity getroffen, die mit viel positiver Energie an das Thema Energiewende herangehen."
Frau Alemany, als neue Vorstandsvorsitzende von Enercity müssen Sie zu Beginn möglichst schnell das Unternehmen kennenlernen. Wie gehen Sie vor, um möglichst viel von der Stimmung unter den Mitarbeitenden und den Herausforderungen mitzubekommen?
Aurelie Alemany: Mir ist wichtig, dass ich die Firma kennenlerne. Ich will verstehen, wo unsere Stärken und was die Bedürfnisse der Mitarbeitenden sind. Schon die Begrüßung war einzigartig, ich habe so etwas in meinem ganzen Berufsleben nicht erlebt. Vielleicht lag es auch daran, dass ich an meinem Geburtstag meinen ersten Tag hatte, dadurch fokussieren sich die Leute sofort auf den Menschen.
Es war schön, gleich zum Start so viele nahbare Menschen zu treffen. Ich habe in den ersten sechs Wochen ein Speeddating gemacht und das Unternehmen und die wichtigsten Stakeholder kennengelernt.
Welche Eindrücke haben Sie mitgenommen?
Ich habe viele Kolleg*innen getroffen, die voll überzeugt sind von der Notwendigkeit der Energiewende und die mit viel positiver Energie an das Thema herangehen, die sehr offen sind für Neues und auch gegenüber mir als Person. In den ersten Wochen ist es vor allem wichtig, zuzuhören und ein Verständnis für die kurzfristigen Herausforderungen zu bekommen, die wir in diesem Wandel vor uns haben. Das ist eine gute Basis, um dann zusammen mit dem Team weitere Weichen zu stellen.
"Ökosystem heißt für mich, dass man die Dinge nicht einzeln, sondern verzahnt betrachtet."
Sie gelten als Digitalisierungsexpertin. Wo steht die Branche beim Thema Digitalisierung?
Dieses Thema begleitet mich schon seit vielen Jahren. Begonnen hat das in meiner Rolle als Geschäftsführerin bei Yello Strom. Dort haben wir den Vertrieb vollständig digitalisiert. Viele assoziieren mit Digitalisierung umfassende IT-Projekte. Digitalisierung ist aber viel mehr. Sie wird erst dann zum Erfolg, wenn jeder Einzelne sich als Teil der Digitalisierung versteht.
Die größte Herausforderung ist es dabei immer, das ganze Team im Sinne von „wir denken anders“ und „wir arbeiten anders“ zu überzeugen. Das ist eine Frage des Mindsets. Digitalisierung ist ein echter Gamechanger. Sie hat Einfluss auf alle in einer Organisation und hilft uns, in der total flexiblen, dezentralen Energiewelt besser auf die Bedürfnisse unserer Kundinnen und Kunden einzugehen..
Sie gebrauchen in dem Zusammenhang oft den Begriff des Ökosystems. Was meinen Sie genau damit?
Ökosystem heißt für mich, dass man die Dinge nicht einzeln, sondern verzahnt betrachtet. Ich habe beispielsweise zu Hause ein Energie-Ökosystem mit einer PV-Anlage, einem Speicher, einer Wallbox, einem E-Auto, einer Wärmepumpe. Diese interagieren miteinander.
Das Ökosystem bei meinen vorherigen Stationen bei Yello und Senec war sehr auf den Endkunden fixiert. Mittlerweile hat dieser Begriff aber eine viel größere Dimension, weil wir unsere Erzeugungsanlagen, unsere Kundinnen und Kunden und die Netze eben in einem digitalen Ökosystem zusammenbringen müssen.
"Wenn man es schafft, kundenzentriert zu denken, ist man auch künftig als Unternehmen gut aufgestellt."
Bei Ihren vorherigen Stationen hatten Sie viel mit der Entwicklung von Lösungen für Energieeffizienz und Energieautarkie zu tun. Diese zwingen die Stadtwerke zur Transformation des Geschäftsmodells. Das Kerngeschäft Commodityvertrieb verliert an Gewicht, das sorgt für Unsicherheit. Wie kann man trotz dieser "gefühlten Kannibalisierung des Geschäftsmodells" vor allem auch die Chancen der Transformation nutzen?
Ich bin der festen Überzeugung, dass es keine Kannibalisierung geben wird. Bei Enercity machen wir die Energiewende mit unseren und für unsere Kundinnen und Kunden. Wenn wir unsere Kundenbeziehungen nachhaltig entwickeln wollen, müssen wir selbstverständlich auch ganzheitliche und attraktive Energielösungen anbieten und weiterentwickeln.
Wir werden künftig beides haben, das alte und das neue Geschäft. Am besten ist es immer, kundenzentriert zu denken. Wenn man das schafft, ist man auch künftig als Unternehmen gut aufgestellt.
Was brauchen wir allgemein in Deutschland, um mit Blick auf die Klimaziele 2030 noch mehr Tempo aufzunehmen?
Wir benötigen vor allem mehr Planungs- und Investitionssicherheit. Hier gab es in letzter Zeit große Unsicherheiten bei den Fördermittelprogrammen. Beim Thema E-Mobilität etwa hat eine Veränderung des Anreizsystems dazu geführt, dass der Absatz von E-Autos von heute auf morgen ziemlich abgekühlt ist. Die gleiche Entwicklung sehe ich bei der Wärmepumpe.
Gleichzeitig ist für die Energiewende aber auch Technologieoffenheit zentral. Die Energiewende ist nicht gleichbedeutend mit einer Lösung, sondern besteht aus einer Vielzahl von individuellen Lösungen, die von Region zu Region unterschiedlich ausfallen können.
"Ich kann mich sehr für Technologien und Innovationen begeistern."
Kommen wir zu Ihrem persönlichen Werdegang. Sie sind aus der Chemie- in die Energiebranche gewechselt. Was war der Ansporn?
Ich habe zu Beginn meiner Laufbahn in der Chemieindustrie als Ingenieurin im Anlagenbau und in der Produktion gearbeitet. Die Chemieindustrie ist einer der größten Energieverbraucher. Das heißt, ich habe mich immer auch mit dem Thema Energieeffizienz beschäftigt. Nach einigen Jahren habe ich innerhalb der Chemieindustrie gewechselt und dann lange im Bereich New Business Development gearbeitet.
Diese Kombination von Engineering und Business hat dazu geführt, dass ich mich sehr für Technologien und Innovationen begeistern kann. In dieser Zeit habe ich sehr viel für die Energieindustrie gearbeitet und beispielsweise Produkte für die Windkraftindustrie entwickelt. So ist das große Interesse an der Energiebranche entstanden.
Sie sind aus Frankreich nach Deutschland zu EnBW gewechselt. Was gab den Ausschlag?
Für EnBW habe ich mich auch deshalb entschieden, weil es damals noch eine deutsch-französische Firma war. Kurz vor meinem Wechsel hat EDF seine Anteile verkauft und EnBW war wieder ein Unternehmen mit Gesellschaftern aus der Region.
Und sechs Wochen nach meinem Beginn dort kam es zur Atomkatastrophe in Fukushima. Diese hat den Druck auf die Energiebranche, sich von der Atomkraft zu verabschieden und auf erneuerbare Energien zu setzen, deutlich erhöht. In jeder Transformation liegt eine Chance. Diese große Transformation mit gestalten zu können, das war und ist mein Antrieb, in der Energiebranche zu bleiben.
"Der Standort Deutschland muss wettbewerbsfähig bleiben."
Deutschland ist ihr Lebensmittelpunkt geworden. Wie sehr ist Ihr Blick auf die Welt und auf die Energiebranche von Frankreich und Deutschland geprägt?
Ich fühle mich mittlerweile sehr verbunden mit Deutschland und habe eine deutsch-französische Familie. Mein Ehemann ist Deutscher. Meinen französischen Akzent habe ich aber trotzdem nicht verloren (lacht). Ich fühle mich als Teil von Deutschland, aber gleichzeitig auch als Teil meiner Familie in Frankreich.
Ich habe damit einen ziemlich europäischen Blick auf die Welt. Ich halte es für sehr wichtig, gerade auch in einer globalen Welt, dass wir ein starkes Europa haben. Die Energiewende wird nur gelingen, wenn wir als Europa zusammen agieren. Davon bin ich überzeugt.
Frankreich und Deutschland sehen sich seit Längerem mit einem Erstarken rechtsextremer Parteien konfrontiert, die die Demokratie herausfordern. Wie wichtig ist es für ein mehrheitlich kommunales Unternehmen wie Enercity in der aktuellen Situation Haltung zu zeigen?
In vielen Ländern wird in der öffentlichen Diskussion mittlerweile sehr stark vereinfacht. Als Privatperson und auch als CEO von Enercity halte ich es deshalb für wichtig, immer nachvollziehbare Erklärungen anzubieten, gerade um dem Schlechtreden der Energiewende entgegenzuwirken. Die Welt ist nunmal nicht einfach und vor allem Energiemärkte sind komplex. Hier ein Verstehen möglich zu machen, ist Teil unserer Verantwortung.
Ich arbeite mit dem gesamten Enercity-Team daran, dass wir die Energiewende machbar gestalten und immer auch erläutern, was wir tun, um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu stärken. Und das geht letztendlich nur über eine Verlässlichkeit in den Positionen.
Die zweite große Herausforderung besteht darin, die Energiewende bezahlbar zu machen. Da ist es unser Anspruch, mit unseren Kundinnen und Kunden sowie den Industriepartnerinnen und -partnern die richtigen Lösungen für deren Energiebedarf und deren Energiefragen zu finden. Der Standort Deutschland muss wettbewerbsfähig bleiben.
(Das Interview führte Hans-Peter Hoeren)
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Mehr über die Highlights des diesjährigen VKU-Stadtwerkekongresses erfahren Sie in einer vierseitigen Sonderbeilage, die in der Augustausgabe mit der Printausgabe der ZfK erschienen ist. Darin finden Sie unter anderem einen großen Artikel über die Wärmewende in Hannover sowie ein Interview mit VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing.

