Die Eckpunkte zum neuen Gebäude-Modernisierungs-Gesetz sind in der Stadtwerkebranche grundsätzlich positiv aufgenommen worden. Viele begrüßen die Technologieoffenheit für den Bürger und sehen Rückenwind für die Fernwärme. Zweifel gibt es aber durchaus, ob der Klimaschutz gebremst wird und die Klimaziele erreichbar bleiben werden. Die Fernwärmeausbau-Planungen und die Wärmeplanung werden wohl vielerorts überprüft werden müssen. Mancherorts sieht man neue Optionen, Teile des Gasnetzes weiter nutzen zu können und rechnet mit positiven Finanzierungseffekten.
Rheinenergie-Chef: "Grüngasquote ist Innovationstreiber"
“Der Entwurf setzt ein wichtiges Signal für die Bürgerinnen und Bürger. Diese behalten die freie Wahl darüber, wie sie künftig heizen möchten“, kommentierte der Vorstandsvorsitzende der Kölner Rheinenergie, Andreas Feicht. Gleichzeitig gehe die Dekarbonisierung im Wärmesektor weiter voran.
Die Fernwärme werde gestärkt, so Feicht weiter. Die im Gesetzentwurf vorgesehene Grüngasquote bezeichnet Andreas Feicht als "Innovationstreiber“. Eine solche verbindliche Quote unterstütze den Hochlauf von Wasserstoff und erneuerbaren Gasen.
"Die Einigung schafft einen ausgewogenen Wettbewerb zwischen den Heizungssystemen. Vor allem dürfte sie wieder mehr Akzeptanz für die gemeinsame Aufgabe des Klimaschutzes und der Energieeffizienz schaffen. Klimaschutz gelingt nämlich nur, wenn alle dahinterstehen“, resümierte der Rheinenergie-Chef.
MVV-Chef: "Die Wärmewende duldet keinen Rückschritt"
"Licht und Schatten“, sieht hingegen Gabriel Clemens, der Chef von MVV Energie. Deutschland halte an seinen Klimaschutzzielen fest und setze den Kurs für die Wärmewende fort. „Auch der Rückenwind für die Fernwärme ist positiv“, so Clemens weiter. Technologieoffenheit gehe aber nicht zwangsläufig mit Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit inher. "Die Wärmewende duldet keinen Rückschritt. Die Nutzung fossiler Brennstoffe hat dabei keine Zukunft. Wer heute noch in neue Gasheizungen investiert, muss wissen, dass große Teile des Gasnetzes in absehbarer Zeit transformiert werden“, stellte der MVV-Vorstandsvorsitzende klar.
Eine zu großzügige Zulassung neuer Gas- und Ölkessel gefährdee den dringend notwendigen Ausbau emissionsarmer Alternativen – von Wärmepumpen bis hin zur Fernwärme. Zudem würden die Kosten für grüne Gase aufgrund knapper Mengen weiter steigen – und damit das Risiko für Verbraucher.
"Es wird sich herausstellen, ob Hauseigentümer bereit sind weiter auf erneuerbare Fernwärme umzusteigen."
Martina Butz, Geschäftsführerin der Stadtwerke Hanau
Sehr konkrete Auswirkungen der vorgestellten Eckpunkte auf die Ausbauplanung in der Fernwärme und auch die Kommunale Wärmeplanung, sieht Martin Butz, Geschäftsführerin der Stadtwerke Hanau. Sie spricht von einem "gemischten Signal für die Wärmeversorgung" in Hanau. "Die 65-Prozent-Regel war der regulatorische Anker unserer gesamten Wärmenetzplanung. Es wird sich herausstellen, ob Hauseigentümer bereit sind weiter auf erneuerbare Fernwärme umzusteigen", schreibt sie. In Hanau werde man nun noch einmal die Ausbauziele überprüfen müssen
Die kommunale Wärmeplanung in Hanau soll Ende Juni veröffentlich werden. "Aber, was gilt nun für laufende Wärmepläne und bereits geplante Netzprojekte. Haben die noch Bestand?“, fragt Butz. Eine Grüngasquote halte sie grundsätzlich für einen vernünftigen Ansatz, um die Dekarbonisierung in der Gesamtheit zu denken.
"Die Vermarktung der Fernwärme und damit die Verdichtung im
Ein- und Mehrfamilienhausbereich wird deutlich anspruchsvoller für uns."f
Dirk Sattur, Vorstand der Badenova
Als "nicht stringent“ ordnet Badenova-Vorstand Dirk Sattur die vorgelegten Eckpunkte der Großen Koalition in Berlin ein. "Einerseits wurden die Emissionsziele bis 2045 für den Bund bestätigt, andererseits werden nun die Ambition der Wärmewende abgeschwächt. Passen Ziele und Ambition zueinander?“, fragt Sattur. Als Energieversorger benötige man langfristige Planungssicherheit in den Investitionen.
Das GEG trage nicht zur deutlichen Richtungsweisung bei, so führe es tendenziell zu einem langsameren Ausstieg aus Erdgas und Heizöl. "Kundinnen und Kunden, die jetzt über einen Ersatz entscheiden, bleiben eher bei ihrer aktuellen Heiztechnologie“, prognostiziert Sattur.
Das habe wesentliche Implikationen für die Zukunft: "Die Vermarktung der Fernwärme und damit die Verdichtung im Ein- und Mehrfamilienhausbereich wird deutlich anspruchsvoller für uns“, sagt der Badenova-Vorstand. Der niedrige Gaspreis in Kombination mit dem sinkenden CO2-Preis erschwere zudem zusätzlich den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft, da das Preis-Gap zu Erdgas und Strom nicht geringer werde.
"Die Auswirkungen auf die Anschlussquote und die Wirtschaftlichkeit
der Wärmenetze müssen nun aber ergebnisoffen und kritisch überprüft werden.“
Gordon Appel, Geschäftsführer Stadtwerke Konstanz
Kritisch bewertet den ersten Entwurf der Bundesregierung auch Gordon Appel, Geschäftsführer der Stadtwerke Konstanz. "Die geplante Abschaffung der 65-Prozent-Regel und die Einführung einer sehr niedrigen Grüngasquote deuten darauf hin, dass die notwendige Wirksamkeit des neuen Gebäudeenergiegesetzes für den Klimaschutz nicht gegeben ist“, sagt Appel.
Die Eckpunkte für das Gebäudemodernisierungsgesetz würden zu größerer Unsicherheit bei Gebäudeeigentümer*innen und Unternehmen führen. Die Stadtwerke Konstanz seien weiterhin überzeugt, dass erneuerbare Wärmenetze für das Erreichen der beschlossenen Klimaschutzziele notwendig sind. "Die Auswirkungen auf die Anschlussquote und die Wirtschaftlichkeit der Wärmenetze müssen nun aber ergebnisoffen und kritisch überprüft werden“, schreibt Appel.
"Die Möglichkeit, Teile der Gasnetze weiter nutzen zu können,
wird positive Auswirkungen auf die Finanzierung mit sich bringen."
Berndt Hartmann, Geschäftsführer der Enwag
"Viele Menschen hatten Sorge, sich den Umstieg auf eine andere Wärmeversorgung nicht leisten zu können. All diese Menschen haben jetzt mehr Optionen“, schreibt Berndt Hartmann, Geschäftsführer der Enwag aus dem hessischen Wetzlar. Zwar hätten auch grüne Gase ihren Preis, wie auch grüner Strom und Fernwärme, aber die Kosten seien nicht vergleichbar mit denjenigen, die entstehen, wenn eine bestehende Infrastruktur stillgelegt und eine neue Versorgung aufgebaut werden muss.
Die Grüngasquote sei der richtige Hebel, ist Hartmann überzeugt. Bisher sei es schwierig gewesen, den Hochlauf von Biomethan, synthetischem Methan und Waserstoff hinzubekommen. „Die neuen, marktorientierten Ansätze bieten dafür eine größere Bandbreite an Optionen. Für uns und die Energiewende dürfte die Möglichkeit, Teile der Gasnetze weiter nutzen zu können, zudem positive Auswirkungen auf die Finanzierung mit sich bringen“, ist der Enwag-Chef überzeugt.
"Kommt es zu einer nationalen Biomethan-Strartegie
wären unsere Gasausstiegs-Planungen neu zu bewerten."
Norbert Jungjohann, Geschäftsführer Stadtwerke Husum Netze
Ähnliche Chancen sieht Norbert Jungjohann, Geschäftsführer der Stadtwerke Husum Netz. „Bislang sind wir davon ausgegangen, dass wir die Gas-Infrastruktur innerhalb der nächsten 10 Jahre sukzessive stilllegen. Käme es zu einer nationalen Biomethan-Strategie, wäre das neu zu bewerten“, wirft er ein.
Für viele Biogasanlagen, die in Betrieb seien, liefen die Förderungen aus. Die Betreiber würden sich deshalb nach neuen Absatzmöglichkeiten umsehen. Durch die Grüngasquote könnte es zu vielen Anschlussbegehren kommen, prognostiziert Jungjohann. Das führe zu Unsicherheiten.
Auch für die Fernwärme befürchtet er Nachteile: Wenn man teure Fernwärmenetze auf- oder ausbauen wolle, seien bisher Wärmepumpen als zeitgemäße Lösung die Grundlage für den Preisvergleich gewesen. "Wenn Gas weiter genutzt wird, kann der Gaspreis als Vergleich herangezogen werden. Damit konterkarieren wir die Fernwärme-Aktivitäten", so Jungjohann. Dann wären Fernwärmenetze nur noch mit Ankerkunden wirtschaftlich darstellbar.



