Der Bedarf an Rechenleistung wächst immens in Deutschland. Das gilt auch für die Region Mittelbaden. Kunden wollen ihre Prozesse automatisieren. Der Stromverbrauch in deutschen Rechenzentren wird 2030 um etwa 60 Prozent steigen. Treiber ist hier vor allem der wachsende Einsatz von künstlicher Intelligenz. Diese benötigt das Acht- bis Zehnfache an Strom im Vergleich zu herkömmlichen IT-Anwendungen.
"Sichere Daten gehören zur kritischen Infrastruktur", sagen Julian Neunstöcklin und Ralf Schaufler, Geschäftsführer des Joint Ventures Leitwerk Rechenzentren Appenweier/Lahr. Gründungspartner des Joint Ventures sind das E-Werk Mittelbaden und die Q-Fox-Gruppe, zu der auch das IT-Systemhaus Leitwerk AG gehört. Ziel des Joint Ventures ist es, im Rahmen einer Art "digitalen Daseinsvorsorge" umfassende IT- und Rechenzentrumsdienstleistungen für regionale Wirtschaftsunternehmen sowie öffentliche Verwaltungen, Behörden, Versorger und das Gesundheitswesen in der Region Mittelbaden anzubieten.
Regionale Nachfrage
Die Nachfrage nach sicheren IT-Lösungen steige. Viele Unternehmen bevorzugten regionale Rechenzentren vor allem, um sich von amerikanischen Cloud-Anbietern unabhängig zu machen, betont Neunstöcklin.
Das Gemeinschaftsunternehmen betreibt in Appenweier bereits ein Rechenzentrum in der Region. Aktuell entsteht in Lahr ein weiteres, deutlich größeres Rechenzentrum, das im kommenden Jahr in Betrieb gehen soll. Das Joint Venture decke dabei sowohl die Leistungen ab, die in eine regionale "Private Cloud" gehörten, als auch die Kopplung und Einbindung weltweiter Anbieter wie Amazon, Microsoft und Google in die Konzepte, ergänzt Ralf Schaufler. Betrieben werden die Anlagen über die Strom- und Glasfaserinfrastruktur des E-Werks Mittelbaden.
Zweites Rechenzentrum wird deutlich größer
Das vor fünf Jahren entstandene erste Rechenzentrum in Appenweier ist längst ausgelastet. Das geplante rund 50 Prozent größere "Zwillingsgebäude" in Lahr wird eine Fläche von rund 600 Quadratmetern umfassen und über eine Kapazität für rund 230 Racks verfügen.
Insgesamt investiert das Joint Venture rund 16 Millionen Euro in das neue Projekt. Neben der Erweiterung von Glasfaserstrecken erfolgt durch die LINK2AIR GmbH parallel der Ausbau eines flächigen Richtfunknetzes.
Wie man KI-ready plant
Mittlerweile ist es längst Standard, ein Rechenzentrum "KI-ready" zu bauen. Das gilt auch in Lahr. Der Bau eines solchen Rechenzentrums erfordere eine vorausschauende Planung der gesamten Infrastruktur, so die beiden Geschäftsführer des Gemeinschaftsunternehmens. Es reiche nicht aus, leistungsfähige Hardware bereitzustellen. Stromversorgung, Kühlung, Netzwerk, Speicher und Betrieb müssten von Beginn an auf hohe Rechenlasten, große Datenmengen und wachsende Anforderungen ausgelegt sein.
Besonders deutlich zeigten sich die Anforderungen bei der Energieversorgung und Kühlung. KI-Anwendungen benötigten mehr Energie als viele klassische IT-Systeme und erzeugten entsprechend höhere Wärmelasten. "Ein Rechenzentrum muss diese dauerhaft zuverlässig bewältigen und zugleich so konzipiert sein, dass zusätzliche Kapazitäten später ergänzt werden können", so Schaufler und Neunstöcklin.
Private AI und Hybrid AI
Auch Netzwerk und Speicher spielten eine zentrale Rolle, da KI-Anwendungen große Datenmengen verarbeiteten und schnelle, stabile Verbindungen benötigten. Bei Hybrid-AI-Modellen müssten zudem private Umgebungen, bestehende Unternehmenssysteme und externe Cloud-Dienste sicher miteinander verbunden werden.
Bei Private AI komme ein weiterer Aspekt hinzu: Sensible Daten, Modelle und Prozesse sollten in einer kontrollierten Umgebung verbleiben. Dafür seien getrennte Kundenbereiche, geregelte Zugriffe und nachvollziehbare Betriebsprozesse erforderlich. Regulatorische Vorgaben wie die Datenschutz-Grundverordnung müssten deshalb bereits bei der Planung und im laufenden Betrieb berücksichtigt werden.
KI-fähige Gesamtsysteme
"Entscheidend ist, dass diese Anforderungen nicht isoliert betrachtet werden. Ein KI-fähiges Rechenzentrum muss als Gesamtsystem funktionieren und sich an neue Hardwaregenerationen sowie steigende Leistungsanforderungen anpassen lassen", betonen die Geschäftsführer.
Die Baden Cloud sei entsprechend auf den Betrieb von Private AI und Hybrid AI ausgerichtet. Gerade für mittelständische Unternehmen entstehe damit eine praktikable Möglichkeit, KI unter kontrollierten Bedingungen einzusetzen und die benötigten Kapazitäten schrittweise zu erweitern.
Modell trägt auch wirtschaftlich
Ein Rechenzentrum sei kein kurzfristiges Renditeprojekt, sondern eine langfristige Infrastrukturinvestition. "Wirtschaftlich wird der Betrieb vor allem durch eine verlässliche Auslastung über viele Jahre", erklärt Julian Neunstöcklin.
Wann die Gewinnschwelle erreicht werde, hänge unter anderem von der Auslastung, dem Leistungsportfolio sowie den Energie- und Betriebskosten ab. Eine pauschale Aussage zum Zeitpunkt des Break-even lasse sich seriös nicht treffen.
Der Bedarf an regionalen Rechenzentrumskapazitäten sei aber eindeutig vorhanden und werde weiter zunehmen. "Wir sind deshalb von der langfristigen wirtschaftlichen Tragfähigkeit des Geschäftsmodells überzeugt", sagt Neunstöcklin.