Nordrhein-Westfalen, Bonn: Eine Ampel warnt Fußgänger vor der Straßenbahn.

Nordrhein-Westfalen, Bonn: Eine Ampel warnt Fußgänger vor der Straßenbahn.

Bild: ©Thomas Banneyer/dpa

Die Sommerferien sind fast vorbei: Am Mittwoch beginnt in Bonn das neue Schuljahr und die letzten Familien kommen aus ihrem Urlaub zurück. Den Bonner Verkehr wird das bis zum Anschlag belasten, denn weiterhin sind 60 der 75 Stadtbahnen außer Betrieb. Die Fahrzeuge, welche die Kölner Verkehrsbetriebe den Stadtwerken zunächst ausgeliehenen hatten, mussten auch schon zurückgegeben werden. Und dann ist da noch die Sache mit der Brücke.

"Wir wissen, dass die aktuelle Situation für unsere Fahrgäste kaum zumutbar ist. Wir sichern den Verkehr so komfortabel wie möglich und kümmern uns darum, dass nach dem Ferienende ausreichend Fahrzeuge im Einsatz sind", verspricht Anja Wenmakers, Geschäftsführerin SWB Bus und Bahn. "Die Sicherheit der Fahrgäste und des Personals habe Vorrang vor einer voreiligen Inbetriebnahme." Nach dem Ausfall der 60 Fahrzeuge steht die Managerin unter hohem Druck, wenig hilfreich für sie ist dabei, dass die Verkehrssituation in Bonn bereits zuvor äußert angespannt war.

Ein Verkehrsdrama in Akten

Das aktuelle Bonner Verkehrschaos ist ein Drama einer Aneinanderreihung unpassender Zustände und Unzulänglichkeiten. Es beginnt mit einer Brückenprüfung im Sommer dieses Jahres: Am 3. Juni 2026 wurde die Bonner Nordbrücke vollständig gesperrt, nachdem strukturelle Schäden am Tragwerk festgestellt worden waren. Als eine von drei Rheinbrücken und als Autobahnbrücke, welche die beiden Stadthälften verbindet, ist die Nordbrücke eine wichtige Verkehrsader. ADAC und IHK sprachen von einer "Vollkatastrophe für die Region". Nun soll bis Ende 2028 ein Neubau kommen – solange bleibt die Brücke dicht.

Der nächste Schlag kommt zwei Wochen später mit einer technischen Prüfung bei den Bonner Stadtwerken. SWB Bus und Bahn erklärte damals, man habe gemeinsam mit den "Elektrischen Bahnen der Stadt Bonn und des Rhein-Sieg-Kreises" und der Technischen Aufsichtsbehörde am 20. Juli entschieden, 60 Fahrzeuge vorübergehend von der Schiene zu nehmen. Erste Untersuchungen zeigten ein komplexes Bild historisch gewachsener technischer Abweichungen wie den Einsatz von Radsatzwellen aus den 1970er-Jahren in jüngeren Fahrzeugserien.

Eine Erleichterung der Situation kam mit Unterstützung aus Köln. Die Kölner Verkehrsbetriebe liehen den Bonnern 14 Bahnen. Doch auch in Köln geht die Schule wieder los und so zogen die Kölner die Fahrzeuge wie angekündigt zum 27. August wieder ab.

Am Freitag, 24. Juli, hat die "SWB Bus und Bahn"-Geschäftsführerin Anja Wenmakers gemeinsam mit Konzerngeschäftsführer Marco Westphal und Mitgliedern der Aufsichtsräte bei einer Pressekonferenz informiert.Bild: © SWB/M.Mühlens

Mittlerweile wird in Zusammenhang mit den Fahrzeugen von "Gefahr in Verzug" gesprochen. So geht es laut Bonner "General-Anzeiger" in dem Bericht unter anderem um beschädigte Radsätze, fehlende Nachweise für sicherheitsrelevante Bauteile, fehlerhafte Bearbeitungen und den Einbau falscher Radsatzwellen. Die Behörde stuft demnach die Mängel als erhebliches Sicherheitsrisiko ein.

Schließlich gibt es ein Ereignis, dessen Auswirkungen noch unklar sein dürften: Wie der "Generalanzeiger" weiter berichtet, ist bei Abrissarbeiten an der Nordbrücke ein Unterwerk der Stadtwerke beschädigt worden, eine Anlage, die Strom in die Oberleitungen der Straßenbahnen einspeist. In welchem Umfang die beiden betroffenen Straßenbahnlinien 61 und 65 deshalb ab dem 2. September fahren können, ist demnach noch unklar. 

Politik kritisiert Stadtwerke

Die SPD-Fraktion im Rat der Stadt Bonn kritisiert den Umgang von SWB Bus und Bahn mit der anhaltenden Fahrzeuglage scharf. "Was wir hier erleben, ist ein handfestes Versagen in der Kommunikation. Seit Wochen werden Fahrgäste, Politik und Aufgabenträger hingehalten und mit Durchhalteparolen abgespeist", erklärt Max Biniek, Fraktionsvorsitzender und verkehrspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion. "Ein Termin nach dem anderen wird verschoben, ohne dass erklärt wird, warum – und ohne dass gesagt wird, wie es weitergeht. Das wird den Menschen nicht gerecht, die auf Bus und Bahn angewiesen sind."

Dieses Versagen darf nicht folgenlos bleiben.

Max Biniek, SPD-Fraktionsvorsitzender

Wenige Tage vor Schulbeginn wüssten die Menschen immer noch nicht, ob sie verlässlich zur Arbeit, zur Schule und zu ihren Terminen kommen. "Wer über Wochen nicht in der Lage ist, klar zu kommunizieren, verspielt Vertrauen. Dieses Versagen darf nicht folgenlos bleiben", schließt Biniek. "Es muss aufgearbeitet werden."

Eine Aufarbeitung ist bereits angekündigt: Der Aufsichtsrat der Stadtwerke Bonn GmbH und der Aufsichtsrat von SWB Bus und Bahn werden die Kölner Kanzlei "CMS Hasche Sigle" mit der unabhängigen Untersuchung der Informations- und Entscheidungsabläufe im Zusammenhang mit der Außerbetriebnahme der 60 Stadtbahnfahrzeuge beauftragen. Der Beschluss erfolgte demnach einstimmig. Im Mittelpunkt steht die Frage, wer zu welchem Zeitpunkt über welche Erkenntnisse verfügte und wie damit umgegangen wurde.

"Wir wollen die Abläufe strukturiert und unabhängig aufarbeiten", sagt David Lutz, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Stadtwerke Bonn und stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU-Ratsfraktion. "Dabei geht es nicht darum, einzelne Beschäftigte herauszugreifen oder vorschnell Verantwortlichkeiten zuzuschreiben. Wir wollen nachvollziehen, wie Informationen geflossen sind, wie Entscheidungen zustande kamen und welche Erkenntnisse wir daraus für unsere Strukturen und Prozesse gewinnen können." Der Blick richtet sich deshalb ausdrücklich auch nach vorn.

Ein von Misstrauen geprägtes Verhältnis

Olaf Hermes war bis März 2026 Vorsitzender der Geschäftsführung der Stadtwerke Bonn.Bild: © Stadtwerke Bonn

Die Untersuchung erfolgt laut Unternehmenskreisen nicht auf Wunsch der Stadtwerke. Die Beziehung zwischen dem kommunalen Unternehmen und der Politik ist seit der Flugplatzaffäre und dem folgenden Rücktritt von Stadtwerkechef Olaf Hermes ohnehin angespannt. Hermes sah nach eigener Aussage keine Basis mehr für vertrauensvolles Miteinander. Der persönliche Referent des Bürgermeisters Guido Déus (CDU) soll versucht haben, die Stadtwerke dazu zu bewegen, ein Vorkaufsrecht für ein Grundstück am Flugplatz Hangelar nicht auszuüben.

Eine Folge der möglichen Einflussnahme ist, dass Déus nicht selbst Vorsitzender des Aufsichtsrates der Stadtwerke wurde. Die Compliance-Vorwürfe gegen ihn kamen von den Stadtwerken selbst.

Wie geht es weiter?

Zusammen arbeiteten SWB Bus und Bahn und Elektrische Bahnen der Stadt Bonn und des Rhein-Sieg-Kreises weiterhin gemeinsam mit der Technischen Aufsichtsbehörde an der Wiederinbetriebnahme der 60 stillgelegten Fahrzeuge, hieß es in der jüngsten Mitteilung der Stadtwerke Bonn. Derzeit laufe zudem die Verkehrsplanung für die kommenden Tage.

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