Marion Nöldgen ist Gründerin und Energieexpertin.

Marion Nöldgen ist Gründerin und Energieexpertin.

Bild: © privat

Marion Nöldgen ist Beraterin, zuvor war sie Managing Director von Tibber Deutschland – mit Flexibilität am Strommarkt kennt sie sich somit aus. Im Gastbeitrag erklärt sie, warum schwankende Strompreise keine Sensation sind und was sie als Lösung sieht, damit das System stabiler wird.

Energie polarisiert

Sowohl hohe als auch niedrige Strompreise wurden im Wahlkampf je nach Parteibuch gerne als Beweis für oder gegen den Ausbau erneuerbarer Energien genutzt. Jeder Preissprung oder -sturz wird zur Schlagzeile. Die einen feiern Preistäler als grünen Triumph, die anderen rufen bei Preisspitzen sofort den Blackout und das Ende der Industrienation aus.

Die Wahrheit? Erneuerbare Energien sind heute günstiger als fossile – doch sind die Preis-Schwankungen enorm und daher schwer einzukalkulieren. Für stabilere Preise brauchen wir eine flexible Infrastruktur, die Angebot und Nachfrage intelligent ausbalancieren kann.

Wir können es schon jetzt vorwegnehmen: In diesem Jahr wird es wieder Stunden mit extrem teurem und mit völlig kostenlosem Strom geben. Wenn wir uns daran gewöhnen, können wir das große Ganze ansehen.

Das Netz, die Speicherkapazitäten und die Verbraucher sind aktuell schlicht nicht darauf ausgelegt, diese Dynamik aufzufangen. Wenn wir den Energiesektor dekarbonisieren wollen, ist das aber eine absolut notwendige Bedingung.

Warum schwanken die Preise so stark?

Die Mechanismen des Strommarkts sind komplex, aber grundsätzlich gilt: Preise entstehen durch das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage – in Echtzeit.

An der Strombörse wird der Preis bestimmt. Kraftwerke werden nach ihren Grenzkosten einsortiert. Erneuerbare haben fast keine variablen Kosten und werden zuerst und tatsächlich für 0,00 Euro eingespeist. Der Preis für alle gehandelten Strommengen wird vom teuersten noch benötigten Kraftwerk bestimmt (Merit-Order-Prinzip) – oft Gas oder Kohle, da nicht durchgängig der Bedarf mit grüner Energie gedeckt werden kann.

Wir nutzen also einen System-Mix in einem Netz, das dafür nicht ausgelegt ist. Wind- und Solarkraftwerke schwanken unvorhersehbar in der Produktionsmenge, solange wir keine Speicherkapazität haben, sind wir auf flexible Unterstützung angewiesen. Gas-, Kohle- sowie Atomkraftwerke liefern verlässlich planbare Energie, sind aber sehr ineffizient und damit teuer, wenn sie flexibel eingesetzt werden sollen.

  • Hohe Preise entstehen, wenn das Angebot an Erneuerbaren knapp ist. Genau das ist am 13. Dezember 2024 passiert. Hohe Nachfrage traf auf wenig Wind- und Solarstrom – also mussten fossile Kraftwerke einspringen. Die lieferten zu Spitzenpreisen und diese Spitzenpreise gelten nach dem Merit-Order-Prinzip für alle Lieferanten, auch die Erneuerbaren.
  • Sehr niedrige oder negative Preise entstehen, wenn mehr Solar- und Windstrom geliefert als verbraucht wird. An Neujahr gab es durch viel Wind und Sonne ein Überangebot – die Energie muss in Echtzeit abgenommen werden und ohne ausreichend Speicher oder flexible Verbraucher rauschte der Preis auf oder unter null Euro.

Wie können wir das System stabiler machen?

Die Energiewende kann nur dann nachhaltig funktionieren, wenn wir diese Schwankungen aktiv managen. Drei zentrale Hebel sind:

  1. Speichertechnologien ausbauen: Batterien, Pumpspeicherwerke und Wasserstoffspeicherung können helfen, überschüssige Energie aufzunehmen und später wieder bereitzustellen. So werden die Preise stabiler.
  2. Netzinfrastruktur modernisieren: Ein leistungsfähigeres Netz kann regionale Überkapazitäten ausgleichen und hilft, erneuerbare Energien besser zu integrieren.
  3. Flexibilität im Verbrauch: Unternehmen und Haushalte müssen Anreize bekommen, ihren Stromverbrauch an das Angebot anzupassen – etwa durch dynamische Tarife und smarte Steuerung.

Chancen und Risiken für Unternehmen und Haushalte

Schwankende Preise bieten neben Herausforderungen natürlich auch neue Möglichkeiten.

Für Unternehmen: Wer flexibel ist, kann durch gezielte Anpassung der Produktion von niedrigen Strompreisen profitieren. Wer zu 100 Prozent auf tagesaktuelle Preise setzt, hat ein hohes Einsparpotenzial – aber auch das Risiko, von extrem teuren Spitzenstunden getroffen zu werden. Die meisten Unternehmen machen einen Mix aus langfristig gesicherten Preisen und tagesaktuellem Bezug, um Preistäler ausnutzen zu können. Die Produktion wegen hoher Strompreise anhalten, müssen also nur diejenigen, die beim Stromeinkauf zocken.

Für Haushalte: Dynamische Stromtarife ermöglichen es, Strom dann zu nutzen, wenn er günstig ist – zum Beispiel durch das Laden von Elektroautos in der Nacht oder die Nutzung von Wärmepumpen in windreichen Stunden. Zudem gleichen sich die Preisniveaus deutlich schneller aus: Es gibt zum Beispiel derzeit keinen Grund mehr, einen teuren Stromtarif zu haben, da die Einkaufspreise für Strom lange wieder auf Vorkriegsniveau gefallen sind.

Fazit

Es ist keine Sensationsmeldung, wenn wir stundenweise extrem hohe oder niedrige Strompreise haben – es ist ein erwartbares Symptom auf dem Weg zu einem dekarbonisierten Energiesektor.

Erneuerbare Energien bringen nicht nur ökologische Vorteile, sondern auch wirtschaftliche Chancen – vorausgesetzt, wir schaffen die nötige Infrastruktur, um Angebot und Nachfrage flexibel auszugleichen.

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