Wenige Monate vor dem angestrebten Abschluss der Transaktion mit Eon und dem "Aufbruch" zu einem Energiekonzern mit einem bedeutenden Erneuerbaren-Anteil zog Konzernchef Rolf Martin Schmitz noch einmal Bilanz für ein "klassisches" RWE-Geschäftsjahr. Bei der Neuausrichtung "kommen wir ausgezeichnet voran", sagte Schmitz am Donnerstag auf der Bilanzpressekonferenz in Essen. Wie schon am Mittwoch Eon-Chef Johannes Teyssen bekräftigte Schmitz den Willen, den Deal im zweiten Halbjahr abzuschließen. RWE hat aus Brüssel die kartellrechtliche Genehmigung für das Tauschgeschäft bereits erhalten, das Bundeskartellamt segnete die 16,7-Prozent-Beteiligung an Eon ebenfalls ab.
Im vergangenen Geschäftsjahr verzeichnete RWE jedoch schwächere Geschäfte mit der Braunkohleverstromung und der Kernenergie. Der Konzern habe zum einen "planmäßig weniger Strom produziert" und zum anderen "geringere Margen realisiert", da die Stromproduktion mit mehrjährigem Vorlauf abgesichert wurde, erklärte Finanzvorstand Markus Krebber. Der Strom wurde also zu niedrigeren Preisen zu einem früheren Zeitpunkt auf Termin verkauft.
Folgen des Rodungsstopps für Hambacher Forst
Die Stilllegung von Block B des Kernkraftwerks Gundremmingen Ende 2017 ließ die Stromproduktion sinken. Im vierten Quartal wurden zudem zwei Blöcke im Kohlekraftwerk Niederaußem in die Sicherheitsreserve überführt. Durch den verfügten Rodungsstopp für den Hambacher Forst müsse RWE die Kohleförderung im Hambacher Forst strecken und deshalb die Auslastung von Kraftwerken und Veredlungsbetrieben zurückfahren. "Im laufenden Jahr wird unsere Stromproduktion aus Braunkohle daher entsprechend weiter zurückgehen", sagte Krebber.
Im Segment der europäischen Stromerzeugung fielen die Margen aus den Gas- und Steinkohlekraftwerken etwas geringer aus. Bei den Prämienzahlungen aus dem britischen Kapazitätsmarkt erhielt der Konzern nur die Hälfte der geplanten Summe von 100 Mio. Euro, da der Europäische Gerichtshof im vergangenen November die Genehmigung der EU-Kommission zu staatlichen Beihilfen für den britischen Kapazitätsmarkt aufgehoben hat. Brüssel und britische Regierung wollten den Kapazitätsmarkt aber so schnell wie möglich wieder in Kraft setzen, erläuterte der RWE-Finanzchef.
Hoffen auf Chancen für Gaskraftwerksflotte
Angesichts knapper werdender Erzeugungskapazitäten setzen die Essener für die kommenden Jahre auf bessere Perspektiven für ihre Gaskraftwerksflotte, die europaweit rund 14 Gigawatt umfasst. So soll etwa das seit 2014 "eingemottete" Gaskraftwerk Claus C mit einer Kapazität von 1.300 MW im niederländischen Maasbracht bis spätestens Ende 2020 wieder ans Netz gehen. Geplant ist auch der Anschluss des Blocks an das belgische Stromnetz, sofern die belgische Regierung einen passenden Kapazitätsvergütungsmechanismus festlegt.
Im Energiehandel hofft RWE auf eine weitere gute Entwicklung des Gas- und vor allem des LNG-Geschäfts. "Wir haben uns im vergangenen Jahr erhebliche Kapazitäten an einem möglichen LNG-Terminal in Brunsbüttel gesichert", sagte Krebber. In den vergangenen zwei Jahren sei das gehandelte LNG-Volumen mehr als verdoppelt worden.
Leichte Erholung bei Börsenstrompreisen
Insgesamt sank das bereinigte operative Ergebnis (Ebitda) 2018 um gut ein Viertel auf 1,5 Mrd. Euro. Das bereinigte Nettoergebnis nahm von 973 Mio. auf 591 Mio Euro ab. Für 2019 erwartet der Energiekonzern im besten Fall ein stabiles Ergebnis. Das bereinigte Ebitda für RWE allein soll in der Bandbreite von 1,2 bis 1,5 Mrd. Euro liegen, das bereinigte Nettoergebnis zwischen 300 und 600 Mio. Euro. Zwar sieht RWE eine leichte Erholung bei den Börsenstrompreisen, dagegen belastet der Rodungsstopp im Hambacher Forst.
In den kommenden Jahren will der Stromerzeuger seine künftige Position als Nummer 3 in Europa im Geschäft mit erneuerbaren Energien weiter ausbauen. Und zwar durch jährliche Investitionen von rund 1,5 Mrd. Euro um zwei bis drei Gigawatt pro Jahr von aktuell rund neun Gigawatt. Im Fokus stehen die Windkraft an Land und auf dem Wasser sowie Photovoltaik und Speicher. Auf dem Radar sind Projekte auf dem amerikanischen Kontinent, die Kernmärkte in Europa sowie neue Märkte im asiatisch-pazifischen Raum.
"Klagen gegen Windräder und Netze zurückziehen"
In Deutschland hingegen wird kaum etwas passieren. "Das ist in den kommenden zwei bis drei Jahren nicht vorgesehen", sagte RWE-Chef Schmitz. Erneuerbaren-Projekte seien "in Deutschland derzeit nicht attraktiv". Kritik übte Schmitz in diesem Zusammenhang an der Umwelt-Lobby. Nach dem beschleunigten Kohleausstieg sollten "die Umweltverbände jetzt ihre Klagen gegen Windräder und Netze zurückziehen".
Mit Blick auf den Kohleausstieg und die damit verbundenen Kompensationen bekräftigte Schmitz seine Forderung nach Entschädigungen in Milliardenhöhe für die vorzeitige Abschaltung von Braunkohlekraftwerken. Ein finanzieller Ausgleich von 1,2 bis 1,5 Mrd. Euro pro Gigawatt abgeschalteter Leistung sei fair, so Schmitz. Im Vergleich zur Ökostromförderung seien Entschädigungen für abgeschaltete Kraftwerke aber überschaubar.
Erstes Gespräch über Ausstieg im BMWi
Die von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission hat vorgeschlagen, bis 2022 rund 3 Gigawatt Braunkohlekapazität zusätzlich vom Netz zu nehmen. RWE geht davon aus, dass der Großteil der Abschaltungen auf das Rheinische Revier entfällt. Ein erstes Gespräch mit dem Bundeswirtschaftsministerium habe es am Mittwoch gegeben. Schmitz rechnet mit mehrmonatigen Verhandlungen. "Im Vordergrund steht erst mal das Maßnahmengesetz für den Strukturwandel", erklärte Schmitz weiter.
Der RWE-Chef begründete die Höhe der erwarteten Entschädigungen mit den Auswirkungen von Kraftwerksabschaltungen auf die Tagebaue. Deshalb müssten die Zahlungen mindestens doppelt so hoch ausfallen wie für die bereits in die Sicherheitsbereitschaft überführten Braunkohlekraftwerke. Wenn RWE im geforderten Umfang Kraftwerke stilllegen und die Braunkohleförderung zurückfahren solle, müssten rund 2700 Arbeitsplätze im rheinischen Revier abgebaut werden, sagte Schmitz weiter.
Hambacher Forst: "Symbole haben ihren Preis"
Auch für den Erhalt des Hambacher Forsts müsste "eine Menge Geld aufgebracht werden", sagte der RWE-Chef. Einen konkreten Betrag nannte er nicht. Das Unternehmen werde prüfen, ob es mit Blick auf Standsicherheit, Rekultivierung und Wasserwirtschaft möglich sei, das Waldstück am Tagebau Hambach stehen zu lassen, auch wenn das wirtschaftlich und betrieblich nicht sinnvoll sei. "Symbole haben ihren Preis", sagte Schmitz. (hil/dpa)
