Die Deiche halten und Meteorologen erwarten keinen weiteren Regen: Die Hochwasserlage hat voraussichtlich ihren Zenit erreicht. Experten warnen jedoch, dass trotz sinkender Pegel noch mehrere Tage vergehen werden, bis die aktuelle Hochwasserlage vorüber ist.
Die Versorgungsunternehmen in Deutschland schauen weiterhin kritisch auf die Pegel der Flüsse, die aktuelle Lage im Überblick:

Einsatzkräfte vom Deichverband sichern einen Stromkasten im Bremer Stadtteil Borgfeld mit Sandsäcken.
Bild: © Sina Schuldt/dpaWasserwirtschaft: Zu viel Wasser im System
Kanalisation bis zum Anschlag gefüllt
„Wir sind angespannt, aber nicht im Krisenmodus“, erklärt Matthias Wittschieben, Pressereferent des Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverbands (OOWV). Als größter Flächenversorger Deutschlands betreibt der OOWV einen großen Teil der Wasserwirtschaft Niedersachsens.
Einige Kollegen hätten den Urlaub abgebrochen, um Versorgemaßnahmen zu treffen. Die großen Wassermengen stellten das Abwassersystem insbesondere in tieferen Lagen auf den Prüfstand.
„Die Pumpen laufen seit fast zwei Wochen rund um die Uhr.“ Vielerorts seien die Kanäle bis zur Unterkante gefüllt, sagt Wittschieben, die Klärwerke könnten unmöglich so große Mengen auf einmal verarbeiten.
Zu einem Gau sei es aber noch nicht gekommen. „Jetzt soll es besser werden, toi toi toi“, sagt Wittschieben.
Klärwerke an Flüssen müssen geschützt werden
Hase, höchster Stand: 5,76 m*. Eine vom Hochwasser bedrohte Kläranlage in Löningenin Niedersachsen ist vor den Wassermassen zunächst gesichert. „Die Lage ist aktuell stabil“, sagte Bürgermeister Burkhard Sibbel (Unabhängige für Löningen) am Donnerstag.
Die Kläranlage sei zwar von Wasser umgeben, doch sensible Bereiche konnten mit Sandsäcken gesichert werden. Außerdem hatten Einsatzkräfte zuletzt den Deich zur Hase hin um einen Meter erhöht.
„Im schlimmsten Fall wäre das Wasser dann ungeklärt in die Hase gelangt.“ Burkhard Sibbel, Bürgermeister Löningen
Am Donnerstag erreichte das Hochwasser nach Angaben der Stadt einen Pegelstand von mehr als 4,6 Metern. Wenn das Wasser noch weiter gestiegen wäre, wäre die elektrische Anlage außer Betrieb gewesen. „Im schlimmsten Fall wäre das Wasser dann ungeklärt in die Hase gelangt“, sagte Sibbel. „Der Fall ist bislang Gott sei Dank nicht eingetreten.“
Auch in Meppen (Niedersachsen) macht eine Kläranlage Schlagzeilen. Nach den starken Regenfällen fließt neben dem Abwasser auch Oberflächenwasser in die Kläranlage. „Wir beobachten stetig die Lage“, sagte Bürgermeister Helmut Knurbein (parteilos) am Donnerstag. Es seien bereits Maßnahmen getroffen worden, um ein Überlaufen zu verhindern.
Netzbetreiber und Stadtwerke: Abschaltungen und weitere Vorbereitungen für den Ernstfall
Überflutete Ferienhäuser in Ostfriesland
Auch die Lage im Netzgebiet der EWE Netz in Niedersachsen ist weiterhin angespannt. Dennoch sei sie insbesondere bezüglich der Strom- und auch Gasversorgung grundsätzlich unter Kontrolle, erklärte das Unternehmen auf Anfrage der ZfK.
„An manchen Orten im Netzgebiet müssen wir aufgrund von Gefährdungen durch Hochwasser jedoch gezielt Stromunterbrechungen vornehmen, zum Beispiel vorgestern in einer Ferienhaussiedlung in Ostfriesland bei 11 Häusern, die unter Wasser standen“, erklärte das Unternehmen.
Für den Fall, dass Betriebsmittel vom Netz gehen müssen, halte EWE zum Beispiel Netzersatzanlagen bereit, um damit Teilbereiche des Niederspannungsnetzes aufrecht erhalten zu können.
Avacon muss Gasleitung freispülen
Rhume, höchster Stand: 3,42 m. Nach einem Deichbruch in Northeim in Südniedersachsen wurden am 25. Dezember die Gasleitungen des vorgelagerten Fernleitungsnetzbetreibers und des Verteilnetzbetreibers Avacon freigespült. Die Netzbetreiber nahmen aus Sicherheitsgründen beide Gasleitungen außer Betrieb.
Eine Ersatzversorgung gewährleiste nun die Versorgung, erklärte die Avacon auf Anfrage. Aktuell würden die Schäden ermittelt und Konzepte zur Wiederversorgung der Leitungen umgesetzt. Zu Dauer und Umfang der erforderlichen Maßnahmen könne man noch keine Angaben machen.
Wohnhäuser in Bremen unter Wasser
Wümme, höchster Stand: 8,04 m. Auch mehr als eine Woche nach Steigen des Hochwassers ist die Lage in Bremen kritisch. Im Stadtteil Borgfeld wurden Wohnhäuser geflutet. „Unsere Netzgesellschaft wesernetz musste an der einen oder anderen Stelle im Gebiet der Wümme aus Sicherheitsgründen den Strom abschalten“, berichtet eine Sprecherin der Stadtwerke Bremen (swb).
Für betroffene Bürger haben die swb eine Website mit Hinweisen veröffentlicht, vor allem für die Wiederinbetriebnahme von elektrischen Anlagen.
Straßenbeleuchtung abgeschaltet
Lahn, höchster Stand: 6,47 m. In Hessen verzeichnet die Stadt Gießen den höchsten Pegelstand seit 13 Jahren. „Wir sind aktuell auf mögliche Überschwemmungen unserer Versorgungseinrichtungen und Liegenschaften vorbereitet, indem wir Pumpen einsatzbreit auf Abruf vorhalten“, erklärte Ulli Boos, Pressesprecher der Stadtwerke Gießen. „Präventiv haben wir außerdem Straßenbeleuchtungen von Straßen in tiefen Lagen abgeschaltet.“
In der Stadt wurden bereits 90 Tonnen Sand in Säcken zu Schutzwällen gebaut, um das Klärwerk und andere neuralgische Stellen in Gießen vor der Überflutung zu schützen. „Bis dato ist der Hochwasserfall in Versorgungseinrichtungen unseres Versorgungsgebietes und in unseren Liegenschaften glücklicherweise ausgeblieben“, erklärt Boos.
*Jeweils der höchste Pegelstand der vergangenen 30 Tage. Quellen: nlwkn.de, pegelonline.wsv.de
(pfa/mit dpa)



