Von Andreas Lorenz-Meyer
Turbulente Wochen und Monate liegen hinter den Stadtwerken im vorpommerschen Demmin. Im März hatte der Betriebsrat der hundertprozentigen Tochter der Hansestadt in einem offenen Brief an die Stadtvertretung die Entscheidungen von Geschäftsführer Olaf Schmetzke scharf kritisiert.Dabei ging es besonders um die Stadtwerke-Sparte Garten- und Landschaftsbau (GaLa). Diese kümmert sich um Demmins Grünanlagen, pflanzt Bäume oder Blumen und erledigt teils auch den Winterdienst.
Zum Jahresanfang 2025, so der Betriebsrat in dem Brandbrief, sei der Stundenverrechnungssatz um 44 Prozent erhöht worden. Dadurch habe das Unternehmen mehrere Kunden verloren. Danach seien vier betriebsbedingte Kündigungen ausgesprochen worden, weitere Mitarbeiter gingen aus freien Stücken. Auch die Gehälterstruktur wurde kritisiert: Während die Beschäftigten auf elf Prozent der Vergütung nach TVöD verzichten mussten, hätten leitende Angestellte weiter 100 Prozent des Tariflohns und Geschäftsführer Schmetzke zudem eine Gewinnbeteiligung erhalten.
Wechsel an der Spitze
Mittlerweile ist wieder etwas mehr Ruhe ins Unternehmen eingekehrt. Nach einer Krisensitzung des Aufsichtsrats am 3. April war Geschäftsführer Schmetzke entlassen und sogleich sein Nachfolger installiert worden: Frank Müller, gebürtiger Demminer und Geschäftsführer der Wohnungs- und Verwaltungsgesellschaft Demmin, übernahm den Posten des Stadtwerkchefs interimsweise. Seit Amtsantritt am 7. April hat er viele Gespräche geführt. Seine beruhigende Nachricht an alle Beschäftigten: Die Jobs sind sicher!
Die Mitarbeiter des Bereichs GaLa, die zuletzt gekündigt hatten, versucht Müller, ins Unternehmen zurückzuholen. Zudem hat er die Zahlen geprüft. Ergebnis: "Bilanztechnisch stehen alle Sparten gut da." Laufende Projekte will Müller nun fortsetzen, gerade beim Fernwärmeausbau habe man in Demmin viel vor. "Dieser Bereich ist umsatzstark, allerdings werden wir hier in den nächsten Jahren auch den größten Investitonsbedarf haben."
Worum es geht? Das Gasnetz in Demmin wird vom brandenburgischen Netzbetreiber Edis betrieben. Die Wärmeversorgung vor Ort beruht aktuell auf folgenden Energiequellen: 60 Prozent Erdgas, 30 Prozent Biogas aus einer Biogasanlage inklusive Abwärme von zwei Blockheizkraftwerken sowie 10 Prozent Heizöl. Eine kommunale Wärmeplanung liegt zwar noch nicht vor, aber Ziel ist es, bis 2045 klimaneutral zu sein. Die dafür nötige "Neuordnung der Wärmeerzeugung" wird nun unter Müllers Regie weiterlaufen.
Erweiterung des Fernwärmenetzes
Das bestehende Heizhaus in der Saarstraße am östlichen Rand des Stadtkerns – eines von insgesamt zwei – spielt dabei eine wichtige Rolle. Das in der nahegelegenen Biogasanlage erzeugte Biogas wird dorthin geleitet und in zwei Blockheizkraftwerken verbrannt. Die erzeugte Abwärme landet in Wärmespeichern, der Strom wird teilweise direkt verbraucht oder ins lokale Netz eingespeist. "Wir wollen das Heizhaus ausbauen und Platz für neue Technik schaffen. Der Strom soll künftig für Wärmepumpen sowie Geo- und Solarthermie genutzt werden. Dieses Projekt ist unverzichtbar für die Wärmewende." Im Stadtzentrum ist zudem der Bau eines weiteren dritten Heizhauses geplant. Auch soll die Wärmekapazität erhöht werden, um weitere Häuser anschließen zu können.
Schon im Gang ist die Erweiterung und Verdichtung des Demminer Fernwärmenetzes im Stadtkernbereich. Baumaßnahmen im Areal der Loitzer Straße sowie der Adolf-Pompe-Straße wurden im Rahmen des Bundesprogramms für effiziente Wärmenetze gefördert. Die Verlegung der Leitungen ist abgeschlossen, der Anschluss der Häuser läuft. Ab diesem Jahr beginnt die Netzverdichtung an zwei weiteren Stellen, im Bereich Heinestraße und August-Bebel-Platz.
Niemanden überlasten
"Für alle diese Projekte sind mehrere Millionen Euro Investitionen notwendig", erläutert Müller. "Wir werden dafür Kredite aufnehmen und Fördermittel in Anspruch nehmen." Zudem sollen die Einnahmen aus dem Wärmevertrieb zur Finanzierung genutzt werden. "Die Verbraucher müssen die Projekte letztlich refinanzieren. Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt, wir dürfen niemanden überlasten. Die Fernwärme soll als Chance gesehen werden." Die Ausgangslage sieht Müller aber positiv. Der Stadtkern, der den größten Wärmebedarf hat, ist schon zu zwei Dritteln erschlossen. Die Randgebiete und anliegenden Siedlungen mit Eigenheimbesitzern kommen später dran. Dafür sind Insellösungen denkbar. Die Nachfrage dort ist noch gering, da die Siedlungen bislang versorgt sind.
Drei der aktuell insgesamt 20 Stadtwerke-Mitarbeiter kümmern sich um den Betrieb der Fernwärme, die Wartung der BHKWs und die Anlagenüberwachung. Sie werden in den nächsten Jahren viel mit den Wärmeausbauplänen beschäftigt sein. Umstrukturierungen im Unternehmen sind nicht vorgesehen.
Kommunikator gesucht
Was dem Aufsichtsratsvorsitzenden und Bürgermeister Thomas Witkowski (CDU) nach der zurückliegenden unruhigen Phase für die kommenden Monate und Jahre wichtig ist? Die Stadtwerke sollten ab jetzt "innerhalb der kommunalen Familie mit mehr kommunikativem Geschick" vorgehen. Alle Maßnahmen im Rahmen der Energie- und Wärmewende müssten der Öffentlichkeit und der Demminer Bevölkerung gut erklärt werden. Diese Aufgabe wartet dann auch auf den aktuell im Rahmen einer Ausschreibung gesuchten neuen Geschäftsführer, der Interimschef Müller ablösen wird.



