An so eine Situation im Energiedienstleistungs- und Heizungsvertrieb, wie in den vergangenen zwei Jahren, kann sich Peter Daub nicht erinnern. Besonders nachgefragt werden aktuell insbesondere PV-Anlagen und die Kombination von PV-Anlage und Wärmepumpe.
„Die klassischen Akquisetätigkeiten finden aktuell fast nicht statt. Wir müssen schauen, wie wir die Vielzahl an Kundenanfragen bedienen können“, erklärt Peter Daub, der Leiter Vertrieb Fernwärme und Energiedienstleistungen, die die Stadtwerke Herne unter dem Namen Smart Tec anbieten. Engpassfaktor sei dabei vor allem der Mangel an Fachhandwerkern, die Lieferfristen vieler Komponenten hätten sich hingegen merklich verbessert.
Die Diskussion um das Gebäudeenergiegesetz (GEG) und mögliche Heizungsverbote habe zu einer „immens hohen Verunsicherung“ bei den Kunden geführt.
"Es ist aktuell schwierig, den Kunden die langfristig richtigen Lösungen aufzuzeigen"
„Jeder glaubt, etwas an seiner Heizungsanlage und seinem Verhalten ändern zu müssen. Aber nicht jedes Gebäude bringt die entsprechenden Voraussetzungen mit“, verdeutlicht er. Der damit einhergehende Aktionismus erschwere die Beratung mit Blick auf nachhaltige und vernünftige Lösungen.
Viele Kunden seien aktuell getrieben von dem Gedanken, eine Wärmepumpe zu installieren und eine PV-Anlage, die für deren Betrieb den nötigen Strom produziere. Aber viele hätten dafür nicht die richtigen baulichen Voraussetzungen. Erschwerend kämen die starken Schwankungen der Energiepreise in den vergangenen zwei Jahren hinzu, die belastbare Zukunftsprognosen erschwerten. „Es ist aktuell schwierig, den Kunden da die langfristig richtigen Lösungen aufzuzeigen“.
Das Gebäudeenergiegesetz trage solchen Konstellationen keine Rechnung. „Ich glaube, dass man damit aber letztlich weder dem Kunden einen Gefallen tut noch die Energiewende wesentlich beschleunigt“, so Daub.
"Der Markt funktioniert hier in diesem Bereich"
Smart Tec ist seit fast 10 Jahren im Markt, die Installation von Wärmepumpen für das Unternehmen Routine. Erste große PV-Dachanlagen haben die Stadtwerke Herne bereits vor über 20 Jahren installiert, vor fünf Jahren ein Klimaviertel errichtet mit Hocheffizienz-Passivhäusern, Speichersystemen etc.
„Der Markt funktioniert hier in diesem Bereich, die Nachfrage ist da. Man sollte hier lieber Technologie und Effizienz fördern und nicht detailliert über die Förderbedingungen individuell in das einzelne Kundenvertragsverhältnis hinein regulieren“, stellt er klar. Technologieoffenheit sei bei der Wärmewende zentral.
Wenn der Staat stromgetriebene Heizsysteme fördern wolle, sei es viel effektiver, den Wärmepumpenstrom von Abgaben, Umlagen und Netzentgelten zu entlasten. „Das macht das Thema Wärmepumpe noch attraktiver.“
Anteil der verkauften Wärmepumpen liegt seit knapp fünf Jahren in etwa bei 15 Prozent
Der einzelne Bürger habe begriffen, dass der effiziente Umgang mit Energie wichtig sei. Der Anteil der Wärmpumpen an den von Smart Tec verkauften Anlagen betrage seit knapp fünf Jahren in etwa 15 Prozent mit steigender Tendenz. „In allen Neubaugebieten ist das Thema gesetzt. In den bestehenden Quartieren muss differenzierter hingeschaut werden, da funktioniert die Wärmepumpe Stand heute an vielen Stellen noch nicht. Das GEG hingegen wolle aus diesen 15 gleich 100 Prozent machen.
Schwierig findet er auch, dass das GEG die Förderquoten in Abhängigkeit vom Haushaltseinkommen festschreibt. Der Entwurf sieht eine Grundförderung von 30 Prozent vor. Weitere 20 Prozent sind davon abhängig, dass das Haushaltseinkommen unter 40.000 Euro im Jahr liegt. „Es ist schon befremdlich, dass meine Mitarbeiter jetzt, um die Wirtschaftlichkeit einer Anlage zu berechnen, nach dem Haushaltseinkommen fragen müssen“.
Viele Prozesse zwischen Stadt- und Handwerk sind bereits digitalisiert
Smart Tec hat aktuell 15 Mitarbeitende, aufgrund der absehbar noch höheren Nachfrage wurde das Personal aufgestockt. Das Unternehmen profitiert in der aktuellen Boomphase von seinen über Jahre gewachsenen Strukturen und einem umfassenden Netz an Kooperationen mit Handwerkern und Herstellern. Viele wichtige Prozesse zwischen Stadtwerk und lokalen Handwerksbetrieben sind beispielsweise schon umfassend digitalisiert.
Smart Tec leistet seit Jahren einen signifikanten Ergebnisbeitrag für die Stadtwerke Herne, Tendenz steigend. „Wir sind definitiv ein wichtiges Standbein, um die zu erwartenden künftigen Rückgänge im Commodity- und insbesondere im Gasgeschäft kompensieren zu können“, sagt Daub.
Viel Potenzial im Contractinggeschäft
Zu einem enormen Thema haben sich in den vergangenen Jahren auch Energieeffizienzlösungen und Versicherungen gegen einen Stromausfall entwickelt, sagt Daub. „Wir stellen häufiger fest, dass es Kunden gibt, denen ein hoher Autarkiegrad wichtiger ist als es eine reine Wirtschaftlichkeitsrechnung ergeben würde“. Das gelte insbesondere für so manchen Batteriespeicher. Der Anteil an Menschen, die Bestandteil einer nachhaltigen Entwicklung und energieautark sein wollten und dafür auch bereit seien zu zahlen, sei noch nie so groß gewesen wie derzeit.
Viel Potenzial sieht Daub auch im Contractinggeschäft. Da aber einige Förderprogramme voraussetzen, dass Nutzer und Betreiber einer Anlage identisch sein müssen, bleibe dieser Bereich unter seinen Möglichkeiten. „Ohne diese Einschränkungen bei manchen Programmen wären zwei Drittel bis drei Viertel unserer Aufträge im Contracting“.
Auch Quartiersentwicklungen übernimmt Smart Tec und hat hier bereits in der Vergangenheit einige Vorzeigeprojekte in Herne realisiert, etwa ein Neubauquartier mit kalter Nahwärme und Geothermiewärmepumpen. „Hier haben wir weitere sehr schöne Projekte in der Pipeline“. (hoe)



