Aurélie Alemany ist seit Juli 2024 Vorstandsvorsitzende von Enercity.

Aurélie Alemany ist seit Juli 2024 Vorstandsvorsitzende von Enercity.

Bild: © Enercity

Gastbeitrag von
Aurélie Alemany,
Vorstandsvorsitzende
von Enercity


Fünf Thesen zu einer dauerhaften Stabilisierung des Strompreises

Das energiepolitische Zieldreieck – bestehend aus Versorgungssicherheit, Umweltverträglichkeit und Wirtschaftlichkeit – wird in politischen und fachlichen Debatten oft bemüht. In der Praxis dominieren jedoch regelmäßig Einzelinteressen oder externe Ereignisse verzerren die Wertigkeit einzelner Ziele. Mal steht dann die Klimaneutralität im Fokus, mal die Preisdebatte, mal die Netzstabilität. Aus Sicht von enercity ist das weder systemisch noch zielführend.

Statt Zielkonflikte zu betonen, sollten wir in Lösungen denken, die Synergien heben – und genau das ist möglich. Wer das Energiesystem konsequent digitalisiert, dezentral flexibilisiert, marktgerecht organisiert und Infrastrukturarchitektur optimiert, kann Strompreise stabilisieren, ohne dabei Klimaschutz oder Versorgungssicherheit zu gefährden.

Die folgenden fünf Thesen beschreiben zentrale Hebel zur dauerhaften Senkung der Stromkosten. Sie eint ein Prinzip: Effizienz steigern, Komplexität reduzieren, Anreize setzen – und das Energiesystem endlich aus Kund:innenperspektive denken.

1. Smart Meter: Ohne digitale Infrastruktur keine erfolgreiche Energiewende

Der Smart-Meter-Rollout, die Digitalisierung der Netzstationen sind keine technischen Pflichtübungen – sie sind die Grundlage einer vernetzten und marktorientierten Energiewelt.  Erst durch eine leistungsfähige digitale Infrastruktur lassen sich Verbrauchsdaten in Echtzeit erfassen, Flexibilitätspotenziale sichtbar machen und eine netz- sowie marktdienliche Steuerung überhaupt realisieren.

Intelligente Messsysteme schaffen die Voraussetzung für dynamische Tarife, dezentrale Steuerung und automatisierte Prozesse im Energiemanagement.

Doch der Rollout stockt weiterhin. Was es jetzt braucht, ist ein technologieoffener, pragmatischer Ansatz: Kommunikationsstandards sollten nach Anwendung differenziert werden, Sicherheitsanforderungen nach tatsächlichem Risiko. Es gilt, vorhandene technische Lösungen zügig zu nutzen und regulatorische Verfahren zu vereinfachen. Nur so wird der Rollout skalierbar und wirtschaftlich tragfähig – und die Digitalisierung zur echten Triebfeder eines modernen Strommarktes.

2. Flexibilitäten aktivieren – durch marktgerechte Produkte und netzdienliche Anreize

Die zweite Säule eines kosteneffizienten Stromsystems ist die gezielte Aktivierung von Flexibilitätsoptionen. Darauf zahlen ein: steuerbare Lasten, flexible Tarife, Home-Energy-Management-Systeme, Batteriespeicher und E-Mobilität – auf Ebene der Haushalte ebenso wie bei Unternehmen.

Entscheidend ist dabei: Flexibilität muss sich lohnen. Derzeit fehlen Preissignale, die beispielsweise auf lokale Netzsituationen reagieren. Ein dezentral gesteuertes System kann nur funktionieren, wenn Millionen kleiner Flexibilitätsbausteine intelligent zusammenspielen. Dafür braucht es marktbasierte Steuerung, transparente Rahmenbedingungen und Produkte, die technisch ausgereift und gleichzeitig verständlich sind.

Ein Beispiel ist die neue SmartLaden App von enercity. Die App ermöglicht ein intelligentes und kostengünstiges Laden von Elektroautos zu Hause. Sie steuert den Ladevorgang automatisch so, dass Strom dann genutzt wird, wenn er besonders günstig und klimafreundlich ist – etwa bei geringer Netzauslastung oder hoher Einspeisung erneuerbarer Energien. Nutzer:innen können dadurch bis zu 30 Prozent ihrer Ladekosten sparen.

3. Speicher konsequent ins System integrieren – statt sie regulatorisch auszubremsen

Energiespeicher stabilisieren Netze, vermeiden teure Spitzenlasten und machen erneuerbare Erzeugung bedarfsgerechter nutzbar. Moderne Batteriespeicher, sei es in Quartieren, bei Gewerbebetrieben oder in Kombination mit PV- oder Windenergieanlagen, können die Integration erneuerbarer Energien unterstützen und die Versorgungssicherheit erhöhen – bei gleichzeitig sinkenden Systemkosten.

Doch bisher werden Speicher vor allem als Marktakteure betrachtet, nicht ausreichend als systemdienliche Partner. Sie reagieren auf nationale Börsenpreise, wobei der lokale Netzzustand ausgeklammert bleibt. Das führt zu Fehlanreizen. Speicher, die Netze stützen könnten, werden oft dort betrieben, wo sie wirtschaftlich, aber nicht netzdienlich sind.

Perspektivisch braucht es eine regulatorische Neubewertung: Speicher müssen stärker als Bestandteil der Netzarchitektur gedacht werden – mit gezielten Anreizen für eine netzverträgliche Betriebsweise, die keinen zusätzlichen Netzausbau induziert, einer hohen Nutzungsdauer und klarer Systemverantwortung.

4. Netzentgelte reformieren – faire und steuernde Preisstrukturen schaffen

Netzentgelte sind ein zentraler Bestandteil des Strompreises – sie sind in ihrer heutigen Struktur aber nicht mehr zeitgemäß. Pauschale und verbrauchsunabhängige Entgelte belasten alle Kund:innen gleich, unabhängig davon, ob sie das Netz stark oder kaum beanspruchen. Dieses System ist weder fair noch effizient – und setzt keinerlei Anreize für systemdienliches Verhalten.

Eine Reform hin zu dynamischen und regional differenzierten Netzentgelten ist notwendig, um Investitionen effizient zu steuern und eine gerechte Kostenverteilung zu gewährleisten. Dies schafft Anreize für ein netzdienliches Verhalten und entlastet die Verbraucher:innen.

5. Regionale Preissignale ermöglichen – nodale Preisbildung als Zielbild 

Die Strompreisbildung in einheitlichen Marktgebieten verschleiert Kapazitätsengpässe im Netz und führt zu hohen Redispatch-Kosten. Das Ergebnis: Marktteilnehmer treffen Entscheidungen ohne Bezug zur Netzwirklichkeit. Das System wird so ineffizienter statt robuster.

Eine räumlich differenzierte Preisbildung – beispielsweise über nodale Märkte – kann diese Lücke schließen. Regionale Preise geben Anreize für flexiblen Verbrauch und gezielte Investitionen, senken systemische Kosten und machen das Netzgeschehen für alle Marktteilnehmer sichtbar.

Langfristig wird ein nodales Preissystem die Effizienz des Strommarkts deutlich erhöhen. Doch dieser Weg muss sorgfältig vorbereitet werden – technisch, regulatorisch und gesellschaftlich. Die Debatte um eine solche marktorientierte Systementwicklung müssen wir aber jetzt starten – weil Preistransparenz und Systemeffizienz untrennbar miteinander verbunden sind.

Die Energiewende ist eine komplexe Generationenaufgabe. Wir sind jetzt in der entscheidenden Phase, um den Wirtschaftsstandort Deutschland zu neuer Stärke zu führen. Dabei wird es darauf ankommen, die Transformation so zu gestalten, dass Innovationen zugelassen und nicht alles bis in das letzte Detail reguliert wird. Enercity als Teil der Energiewirtschaft  hat den Willen zur Gestaltung, um im Schulterschluss mit der Industrie und der Politik die besten Lösungen zu finden. Lassen sie uns gemeinsam anpacken!    

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper