Der Vertrieb der Stadtwerke Aurich steht seit dem Stadtratsbeschluss vom Donnerstagabend offiziell zum Verkauf. Eine mögliche Liquidation des defizitären Unternehmens ist damit vom Tisch. "Für die Mitarbeiter, die über Monate unter sehr schwierigen Bedingungen arbeiten mussten und mit großen Existenzängsten konfrontiert waren, besteht jetzt endlich eine gewisse Klarheit", erklärte Stadtwerke-Geschäftsführerin Heike Witzel gegenüber der ZfK. Man hoffe nun, einen guten Käufer zu finden. Bei der Auswahl soll dabei neben dem Preis vor allem der Erhalt möglichst vieler der insgesamt elf Arbeitsplätze Priorität haben, erklärte sie.
Dem Rat sei wichtig, dass zudem auch die Marke "Stadtwerke Aurich" von einem Käufer übernommen werde, damit die ökologischen Themen, wie die Energiewende vor Ort und der Energiemix weiterhin eine wichtige Rolle spielten. Die Stadtwerke sind aktuell ein reiner Lieferant von Ökostrom und zertifiziertem Gas. Laut Witzel liegen bereits mehrere "seriöse und konkrete Interessensbekundungen" verschiedener Unternehmen vor. Ein explizites Kaufangebot soll noch nicht dabei sein. Der Regionalversorger EWE hat sich bisher noch nicht dezidiert geäußert, ob er in entsprechende Gespräche einsteigen will. "Die EWE AG ist offen für Gespräche", heißt es dazu aus der Pressestelle.
Gutes Netzwerk in der Region
Die Stadtwerke-Geschäftsführerin ist zuversichtlich, dass bis Ende Juni eine Einigung mit einem der Interessenten erzielt wird. Die Stadtwerke seien in der Region sehr gut vernetzt und belieferten auch viele Gemeinden im Umland mit Strom und Gas. "Die Kommunen und Gemeinden fühlen sich bei uns gut aufgehoben. Ein Kauf unseres Vertriebs bietet für den Käufer eine interessante Möglichkeit, sein Portfolio zu erweitern und weiter zu entwickeln", betonte sie. Die Stadtwerke beliefern über 4000 Abnahmestellen mit Energie.
Witzel will in den nächsten Wochen erste Gespräche mit Interessenten und Beratern führen. Die konkreten Kaufangebote, die Konditionen einer Übernahme und die Philosophie des jeweiligen Interessenten werde sie dann dem Aufsichtsrat vorstellen. "Schön wäre ein regionaler Partner", bekräftigt sie. Das mehrheitlich kommunale Unternehmen, das zu 60 Prozent der Stadt und zu 40 Prozent dem Windkraftanlagenhersteller Enercon gehört, decke dabei längst nicht nur die Themen Energieversorgung, sondern auch die Bereiche PV-Anlagen, E-Mobilität und Klimaschutz ab.
Festhalten an Netzoption
An der nach wie vor bestehenden Option, die Strom- und Gasnetze in Aurich im Rahmen des noch laufenden, aber von EWE erfolgreich angefochtenen Vergabeverfahrens zu übernehmen, wollen die Stadtwerke mindestens bis zum Verkauf des Vertriebs festhalten. Damit will sich das Unternemen alle strategischen Möglichkeiten offenhalten, nach Abschluss des Verkaufs ist aber ein Rückzug aus dem Vergabeverfahren zu erwarten. EWE möchte auch weiterhin die Rolle des Netzbetreibers übernehmen. Diese Offerte gilt bis Ende Juni dieses Jahres.
Bis eine Veräußerung des Vertriebs unter Dach und Fach ist, werden die Stadtwerke ihre Vertriebsaktivitäten in Aurich weiterführen. "In der Tendenz steigen die Kundenzahlen sogar, die meisten Kunden vertrauen uns", versichert Witzel. Bis 2024 hätte das Unternehmen schwarze Zahlen schreiben können. "Dafür hätten wir aber das Personal reduzieren und auf noch schlankere Prozessabläufe sowie auf weitere Kooperationen und regionale Partner setzen müssen. Wir hätten dafür aber auch mehr Unterstützung von unseren Gesellschaftern gebraucht", sagt sie. Man habe in den vergangenen Jahren sehr viel Herzblut investiert, eine Fortführung des Unternehmens unter den gegebenen Rahmenbedingungen sei aber unrealistisch gewesen.
AR-Vorsitzender gibt Rat Mitschuld am Scheitern
Der Aufsichtsratsvorsitzende der Stadtwerke, Ulrich Kötting, wies unterdessen auch dem Rat der Stadt eine Mitschuld am Scheitern der Stadtwerke zu. Es seien jeden zweiten Tag Angriffe auf das Unternehmen gekommen, sodass dieses keine Chance gehabt habe, zitieren die "Ostfriesischen Nachrichten online" Kötting. Er appellierte zudem, nicht jedem Gutachter blind zu folgen. Besonders der Gutachter beim zweiten Konzessionsverfahren 2017 sei "eine absolute Katastrophe" gewesen. Die Stadtwerke Aurich hatten sowohl 2011 als auch 2017 im Vergabeverfahren für die Strom- und Gasnetzkonzessionen den Zuschlag erhalten, beide Male hatte EWE dies wegen Verfahrensfehlern erfolgreich angefochten.
Schwere Fehler im zweiten Ausschreibungsverfahren
"Besonders beim zweiten Auschreibungsverfahren war der Verfahrensbrief extrem fehlerhaft und war dadurch sehr angreifbar", stimmt Witzel zu. Diese Fehler seien sehr stark der zuständigen Beraterfirma zuzuordnen gewesen. "EWE wäre in jedem Fall rechtlich gegen die Vergabe vorgegangen. Aber ohne diese Fehler wäre die Chance, dass die Stadt das Verfahren gewinnt, deutlich größer gewesen", bekräftigt die Geschäftsführerin. Ihr eigener Vertrag läuft Ende des Jahres aus, danach wird sie sich eine neue Aufgabe suchen in ihrem Fachgebiet – dem Netzbereich. (hoe)
