Die große Überraschung wird erst gegen Ende der aktuellen Pressemitteilung der MVV Energie ausführlich erklärt: Der mehrheitlich kommunale Energieversorger aus Mannheim schraubt seine ehrgeizigen Klimaziele zurück. Bisher wollte das Unternehmen bereits 2035 klimapositiv sein. Nun soll diese Zielmarke "möglichst" bis 2040 erreicht werden. Begründet wird der Schritt vor allem mit fehlenden Rahmenbedingungen für langfristige Investitionsentscheidungen. Zudem führten die aktuellen konjunkturellen Unsicherheiten dazu, dass viele Kunden Investitionsvorhaben auf Eis legen oder aufschieben.
Die Ankündigung dürfte auch in Berlin mit großem Interesse aufgenommen werden. Schließlich sieht sich der Energiekonzern als Vorreiter und Frontrunner bei der Energiewende, und hat unter anderem auch angekündigt, sein Gasnetz bis 2035 schrittweise stillzulegen.
"Im Wärmebereich haben wir mit dem Gebäudemodernisierungsgesetz nun zumindest ein Stück Klarheit. Allerdings ist fraglich, ob damit die Wärmewende zügig umgesetzt werden kann", präzisierte eine MVV-Sprecherin auf ZFK-Anfrage. Zudem habe der Gesetzgeber das Gaspaket noch nicht verabschiedet, das den dringend notwendigen Rahmen für die Transformation der Gasnetze bilde. Wie sich der Ausbau der erneuerbaren Energien entwickle, hänge außerdem von der EEG-Novelle und dem Netzpaket ab. "Auch hier besteht dringender Handlungsbedarf", so die Sprecherin weiter.
Technologische Umrüstung Basis für Klimapositivität
Klimapositiv bedeutet, dass mehr klimaschädliche Emissionen eingespart oder der Atmosphäre entzogen werden, als verursacht werden. Dazu sollen die Biomasseheizkraftwerke und thermischen Abfallbehandlungsanlagen (TAB-Anlagen) der MVV technologisch so umgerüstet werden, dass sie neben fossilem auch biogenes, also bereits klimaneutrales, CO₂ dauerhaft aus der Atmosphäre entziehen können.
Wesentliche Voraussetzungen für die Erreichung des MVV-Klimaziels 2035 seien unter anderem die wirtschaftliche Verfügbarkeit von grünen Gasen oder Wasserstoff für die eigenen erdgasbetriebenen Anlagen, die Akzeptanz grüner Lösungen bei den Kunden sowie ein tragfähiges wirtschaftliches Marktdesign für Negativemissionen gewesen, heißt es. All das sieht MVV in Mannheim derzeit offenbar noch nicht als gegeben an. Zwar seien die energiepolitischen Entwicklungen der vergangenen Jahre größtenteils in die richtige Richtung gegangen, heißt es. Das schwierige energiewirtschaftliche Umfeld beeinflusse aber auch das Tempo, mit dem die Energiewende derzeit vorankomme.
Kunden müssen von grünen Angeboten überzeugt sein
Der seit April 2025 amtierende MVV-Vorstandsvorsitzende Gabriël Clemens hatte bei seiner ersten Bilanzpressekonferenz im Dezember bekräftigt, dass das Unternehmen keine neuen Investitionen tätigen werde, wenn sich keine dauerhafte Wirtschaftlichkeit abzeichne.
"Wir halten Kurs, aber das Tempo, wie schnell wir fahren, hängt eben auch von der Akzeptanz der Kunden und den politischen Rahmenbedingungen ab", so Clemens vor rund neun Monaten. Die Kunden könnten nicht zu einem Umstieg auf grüne Produkte gezwungen werden, sondern müssten von den Angeboten überzeugt werden.

Wir passen unser Zeitplan an, nicht aber unseren Anspruch.
Gabriël Clemens
Vorstandsvorsitzender MVV Energie
MVV werde weiterhin Klimaschutz mit wirtschaftlicher Vernunft und Versorgungssicherheit verbinden, versichert der MVV-Chef in der aktuellen Pressemitteilung. "Wir passen unseren Zeitplan an, nicht aber unseren Anspruch. Auch in Zukunft werden wir einen verlässlichen Beitrag zu einer sicheren, klimafreundlichen und bezahlbaren Energieversorgung leisten", versicherte Clemens.
Die Strategieanpassung ist insofern bemerkenswert, als MVV unter der langjährigen Führung des früheren CEO Georg Müller einen sehr entschiedenen, in Teilen "wertegetragen-idealistischen" Energiewendekurs verfolgt hatte. Zur MVV-DNA gehörte immer das Selbstverständnis, ein Vorreiter der Energiewende zu sein. Ob und welche Rolle bei der jetzigen Strategieanpassung auch der institutionelle Investor First Sentier spielt, ist unklar. First Sentier hatte 2020 einen Minderheitsanteil von 45,01 Prozent an MVV von EnBW und RheinEnergie erworben.
Hohes Investitionsniveau, deutlicher Ergebnisrückgang
Der Mannheimer Versorger hielt sein Investitionsniveau in den ersten neun Monaten seines Geschäftsjahres 2025/2026 hoch. Das Geschäftsjahr begann am 1. Oktober 2025 und endet am 30. September 2026. Nach eigenen Angaben investierte MVV bisher 497 Millionen Euro. Das Geld floss vor allem in die klimafreundliche Erzeugung von Wärme und Strom, den Ausbau und die Modernisierung der Verteilnetze sowie in den Bau der neuen thermischen Abfallbehandlungsanlage im englischen Wisbech.
Niedrigere Gasgroßhandelspreise und ein gesunkener Absatz bei Strom und Gas führten in den ersten drei Quartalen des MVV-Geschäftsjahres zu einem Umsatzrückgang auf 4,3 Milliarden Euro. Im Vorjahr hatte der Umsatz 4,9 Milliarden Euro betragen. Das operative Ergebnis – MVV verwendet hier als Steuerungsgröße das Adjusted EBIT – lag mit 225 Millionen Euro deutlich unter dem Vorjahresergebnis von 323 Millionen Euro. Der Rückgang sei aber in diesem Umfang erwartet worden, heißt es in der Pressemitteilung.
Jahresprognose wird leicht nach unten angepasst
Rückläufig war das Geschäft nach eigenen Angaben vor allem in den Segmenten Kundenlösungen sowie Erzeugung und Infrastruktur. Das Ergebnis im Geschäftsfeld "Neue Energien“ lag insgesamt leicht über dem Vorjahresniveau. Grund dafür waren vor allem Zuwächse aus den Windenergieanlagen sowie im Projektentwicklungsgeschäft. Negativ wirkte sich hingegen eine geringere Anlagenverfügbarkeit im Umweltgeschäft aus, unter anderem aufgrund eines Kesselschadens in der thermischen Abfallbehandlungsanlage in Mannheim.
Aufgrund der bisherigen Ergebnisentwicklung hat der börsennotierte Energiekonzern seine Ergebnisprognose nach unten angepasst. Für das Geschäftsjahr 2026 wird nun ein Adjusted Ebit zwischen 190 und 225 Millionen Euro erwartet. Bisher hatte die Bandbreite zwischen 200 und 240 Millionen Euro gelegen. Die MVV-Aktie notierte am 13. August gegen 14 Uhr bei 30,70 Euro – das ist ein Plus von 0,66 Prozent gegenüber dem Vortag.