Die Hauptversammlung am vergangenen Freitag war der letzte große Auftritt von Georg Müller als Vorstandsvorsitzender der MVV Energie AG. Zum 1. April übernimmt sein Nachfolger Gabriël Clemens das Ruder. In der Ära Müller ist der Konzern in neue Gewinn- und Umsatzsphären vorgestoßen, das breit aufgestellte Portfolio federt Konjunkturrisiken ab. Die Mannheimer sind klar als Treiber der Energiewende positioniert. Im großen, zweiteiligen ZfK-Interview zieht Müller nach 16 Jahren an der Spitze Bilanz und blickt zugleich nach vorn.
Herr Müller, das Gebäudeenergiegesetz geriet als „Heizungshammer“ zum medialen Supergau der Ampelkoalition. Doch auch MVV Energie hat mit der Ankündigung des Gasnetz-Aus ab 2035 einen Proteststurm geerntet. Warum sind diese Themen so schwer zu vermitteln?
Wir sind es in Deutschland nicht gewohnt, uns individuell intensiv mit Energiethemen zu befassen. Wenn es so wäre, hätte es schon seit 20 Jahren mehr Ökostromkunden geben müssen. Wenn wir uns alle 20 bis 30 Jahre um eine neue Heizung kümmern, fragen wir den Installateur unseres Vertrauens. Und der macht das dann schon. In einem sich schnell und dauerhaft verändernden Umfeld ist es immer schwierig, wenn Entscheidungen, die auf der Basis früherer Annahmen selbstverständlich waren, plötzlich in Frage gestellt werden. Stichwort Gasnetzrückzug: Wir haben als MVV bisher keinen Beschluss gefasst, das Gasnetz bis 2035 stillzulegen. Wir streben das allerdings an, weil wir davon ausgehen, dass die CO2-Bepreisung und steigende Netzentgelte Erdgas in den kommenden Jahren stark verteuern werden und grüne Gase keine realistische Ersatzoption bei der Gebäudeheizung sind.
Und die Kommunikation der Gasnetz-Pläne?
Wir haben uns dazu entschlossen, das früh und deutlich zu kommunizieren, weil man uns sonst in fünf Jahren vorgeworfen hätte: Das wusstet ihr doch schon 2024, warum habt ihr damals nichts gesagt? Mit anderen Worten: Es würde dann viel mehr Eigentümer oder Mieter geben, die noch in fossil basierte Heizungssysteme investiert hätten, die sie nur noch wenige Jahre nutzen könnten. Dazu kommt: Wir verzeichnen in Mannheim schon jetzt einen Fernwärmeanteil von 60 Prozent und wollen den auf 75 Prozent ausbauen. Insofern ist das Ziel des Gasnetzausstiegs bis 2035 bei diesen Voraussetzungen für Mannheim gar nicht so ambitioniert, wie es sich zunächst anhört. Und ich würde auch nicht einmal eine sich selbst beschleunigende Ausstiegs-Dynamik ausschließen.
Die Herausforderungen der Branche beim Umbau der Energieversorgung sind enorm, das gilt vor allem für die Kosten und die Finanzierung. Dabei sind die Ausgangsbedingungen für große Konzerne sicher anders als bei einem kleineren Stadtwerk. Besteht die Gefahr einer Überforderung?
Ich sehe in der Vielfalt der Branche einen Vorteil für die Energiewende. Die Konzerne kümmern sich um die großen Infrastrukturprojekte und die vielen regionalen, lokalen, zum Teil auch multilokale Unternehmen, um die Umsetzung vor Ort. Die Wärmewende als Beispiel ist nur dezentral zu bewerkstelligen. Die Maßnahmen werden von Standort zu Standort unterschiedlich sein. Was die Kosten betrifft, halte ich es für einen Denkfehler, die Kosten der unterschiedlichen Energiewenden mit einer Welt zu vergleichen, in der alles so weiter geht wie bisher. Diese Alternative gibt es nicht! Wir müssen die Strom- und die Wärmeversorgung in jedem Fall umbauen, wenn wir die CO2-Ziele nicht ad acta legen wollen. Da das keine Option ist, können wir nur verschiedene Transformationswege miteinander vergleichen. Letztlich sind dies Investitionen in die Zukunft unseres Landes und den Lebenswert eines Standorts, die wir selbstredend so effizient wie möglich angehen müssen.
"Wenn es Reibung gibt, die zu keinem sinnvollen Ergebnis führt, dann muss ich diese Übung auch nicht permanent wiederholen."
Was würden Sie als den größten Erfolg ihrer Zeit als CEO sehen?
Dass es gemeinsam gelungen ist, zum richtigen Zeitpunkt auf der Grundlage von Erträgen tradierter Geschäftsmodelle neue, zukunftsorientierte Geschäftsmodelle zu entwickeln, die das Unternehmen heute tragen und vor allem eine neue Dynamik in der gesamten Breite der MVV ausgelöst haben. Das Unternehmen stellt heute bei Erneuerbaren, bei Strom und Wärme, bei Energieeffizienztechnologien und der Kreislaufwirtschaft eine feste Größe dar; und mit den Überlegungen zu BECCUS haben wir das nächste Thema schon aufgegriffen. Das sind alles zukunftsorientierte Ansätze, die dem Haus Solidität und Robustheit verleihen. Und das ist tatsächlich eine schöne Gemeinschaftsleistung.
Was war der größte Rückschlag?
Das müssen Sie andere fragen.
Das Projekt "Einmal gemeinsam", bei dem von den Stadtwerke-Töchtern selbst abgewickelte Massenprozesse, wie etwa die IT oder die Energieabrechnungen, gebündelt und in gemeinsame Service-Gesellschaften überführt werden sollten, sorgte für erhebliche Unruhe und stieß auf Widerstand. Eine schwierige Phase?
Ja, unbestreitbar. Wir haben versucht, Effizienzpotenziale durch standortübergreifende Zusammenarbeit zu heben. Und ja, das ist nur eingeschränkt gelungen. Es hat aber auch zu der Erkenntnis geführt, dass es Themen gibt, die sind, wie sie sind. Wenn es Reibung gibt, die zu keinem sinnvollen Ergebnis führt, dann muss ich diese Übung auch nicht permanent wiederholen.
"Ich möchte mir ganz bewusst die Freiheit nehmen, nicht alles vorweg zu planen."
Wie haben Sie als CEO große unternehmerische und strategische Entscheidungen vorbereitet und festgelegt? Und welche Rolle spielen Berater dabei?
Um sich weiterzuentwickeln, muss man neugierig und offen bleiben. Wer denkt, schon alles zu wissen, weil er in der Vergangenheit erfolgreich war, hat schon verloren. Dieser Prozess des Hinterfragens findet immer wieder statt, nicht nur alle zehn Jahre. Und dafür ist an gezielten Stellen externes Know-how durchaus wichtig. Allerdings mit dem Zusatz: Die Verantwortung bleibt immer intern.
Ab dem 1. April wird ihr Nachfolger Gabriël Clemens die Geschicke der MVV Energie AG als Vorstandschef leiten. Was werden Sie künftig machen, bleiben Sie der Branche verbunden?
Es kommt ein neuer Lebensabschnitt mit neuen Möglichkeiten, auf den ich mich sehr freue. Wie der genau aussehen wird, welche Bezüge er zu Energie haben wird, kann und will ich heute noch nicht sagen. Denn ich möchte mir ganz bewusst die Freiheit nehmen, nicht alles vorweg zu planen. Das erfüllt mich mit tiefer Genugtuung.
Das Interview führte Klaus Hinkel
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