Stellten sich zur Bilanzvorlage in Frankfurt den Fragen der Journalisten: MVV-Energie-Chef Gabriël Clemens (Mitte) sowie die Vorstände Hansjörg Roll (links) und Ralf Klöpfer.

Stellten sich zur Bilanzvorlage in Frankfurt den Fragen der Journalisten: MVV-Energie-Chef Gabriël Clemens (Mitte) sowie die Vorstände Hansjörg Roll (links) und Ralf Klöpfer.

Bild: @ MVV Energie

In den Vorjahren habe MVV von mehreren Sondereffekten wie Veräußerungserlösen aus Anteilsverkäufen sowie sehr hohen Großhandelspreisen im Nachgang der Energiekrise profitiert, sagte Vorstandschef Gabriël Clemens am Mittwoch auf der Bilanzpressekonferenz des Versorgers in Frankfurt. Das sei aber nicht wiederholbar. In der Folge werde das operative Ergebnis, also das bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern, im laufenden Geschäftsjahr 2026 (1. Oktober 2025 bis 30. September 2026) zwischen 200 und 240 Millionen Euro liegen, erklärte der MVV-Chef.

Das würde einen merklichen Einbruch bedeuten. Denn im abgelaufenen Geschäftsjahr 2025 (1. Oktober 2024 bis 30. September 2025) erwirtschaftete der Konzern ein operatives Ergebnis von 360 Millionen Euro bei einem Umsatz von 6,1 Milliarden Euro. In den vergangenen Jahren hatte die MVV Energie AG mit stetigen Zuwächsen bei Umsatz und Gewinn geglänzt. Dabei haben die Mannheimer von ihrem breiten Portfolio mit einer starken Position bei Wärme, Erzeugung, der auch international agierenden Erneuerbaren-Projektentwicklung, aber auch in der Kreislaufwirtschaft profitiert. Der nunmehr prognostizierte Gewinneinbruch würde die Rückkehr zu den Ergebnisniveaus der Jahre 2016 bis 2020 bedeuten.

Das hohe Investitionstempo wollen die Mannheimer aber beibehalten. Für das laufende Geschäftsjahr ist sogar ein Zuwachs vorgesehen, im abgelaufenen Geschäftsjahr kletterten die Investitionen auf rund eine halbe Milliarde Euro. Im Mittelpunkt steht dabei das Fernwärmenetz, in dessen Ausbau an den Standorten Mannheim, Kiel und Offenbach in den kommenden zehn Jahren mehr als 700 Millionen Euro fließen sollen. In Mannheim soll das Fernwärmenetz bis zum Jahr 2025 eine Abdeckung von 75 Prozent erreichen. Zudem ist im Südosten Englands der Bau einer Anlage zur thermischen Abfallbehandlung geplant. Kostenpunkt: eine halbe Milliarde Euro.

Zurückhaltung bei Geschäfts- und Haushaltskunden

Der seit Anfang April dieses Jahres amtierende CEO Clemens wies auf eine ganze Palette von Belastungen für die aktuelle Geschäftsentwicklung hin. Vor allem aus dem Handelsgeschäft sowie in den Geschäftsfeldern Erzeugung und Netze müsse sich das Unternehmen auf geringere Ergebnisbeiträge einstellen. Nach der Energiekrise seien die Preise auf dem Großhandelsmarkt deutlich zurückgekommen, durch den zügigen Ausbau der Erneuerbaren käme viel zusätzlicher Strom auf den Markt, so der Konzernchef.

Die MVV-Netzgesellschaften hätten zuletzt regulatorisch höhere Erträge erzielt, wovon vor allem das Kieler Gasheizkraftwerk profitiert habe. Dies könne im Jahr 2026 nicht fortgeschrieben werden. Das internationale Projektentwicklungsgeschäft für erneuerbare Energien ist vor allem in den USA unter Druck.

Gleichzeitig sei auf dem Heimatmarkt sowohl bei Geschäftskunden als auch bei Privatkunden eine deutliche Zurückhaltung bei Investitionen zu spüren, betonte Clemens. Das betreffe etwa bei privaten Haushalten die Nachfrage nach Wärmepumpen oder PV-Hausdachanlagen. Die Politik forciere die Verunsicherung der Kunden durch einen ständigen Wechsel der Vorgaben zusätzlich. Als Beispiel nannte der MVV-Chef die absehbare Verschiebung des Emissionshandels ETS 2 oder die Debatte um das geplante Aus für Verbrenner-Fahrzeuge im Jahr 2035.

"Dann tappen Menschen und Unternehmen im Dunkeln und wissen nicht, ob, und wenn ja, wie sie investieren sollen. Die Folge: Alle warten ab", sagte Clemens. Diese mangelnde Planbarkeit sei umso "fataler" je näher die Energiewende an die Bürger rücke. Jetzt müssten die einzelnen Kunden entscheiden, wie sie künftig heizen, ob sie selbst Strom erzeugen oder mit welchem Antrieb sie ihr Auto fahren wollten.

Verunsicherung bei künftiger Wärmeversorgung

Mit Blick auf die ambitionierten Klimaziele des mehrheitlich kommunalen Unternehmens, etwa bis zum Jahr 2025 klimapositiv zu sein, betonte Clemens, MVV werde keine Investitionen tätigen, wenn sich nicht eine dauerhafte Wirtschaftlichkeit abzeichne. "Wir halten Kurs, aber das Tempo, wie schnell wir fahren, hängt eben auch von der Akzeptanz der Kunden und den politischen Rahmenbedingungen ab." Die Kunden könnten nicht zu einem Umstieg auf grüne Produkte gezwungen werden, sondern müssten von ihnen überzeugt sein.

Als Beispiel für die momentane Verunsicherung gerade bei der Wärmeversorgung nannte Clemens die Transformation der Gasnetze. Wie alle anderen Netzbetreiber könne MVV die Stilllegungspläne erst erstellen, wenn die rechtlichen Grundlagen vorlägen. "Hier muss die Politik liefern", erklärte Clemens.

Die im jüngst vorgelegten Entwurf enthaltene Frist von zehn Jahren zwischen der Genehmigung des Entwicklungsplans für ein Gasnetz und möglichen Kündigungen sei viel zu lang. "Dann wären wir – in der Praxis – bereits beim Jahr 2037/38, bis wir die ersten Gasleitungen stilllegen könnten. Die Transformation des Wärmesektors würde sich dann bis weit in die 2040er Jahre verzögern", warnte der Konzernchef.

Das MVV-Management halte eine Frist von drei bis fünf Jahren für angemessen, abhängig davon, ob Alternativen für eine Wärmeversorgung vorhanden seien. Der Mannheimer Energieversorger hatte mit seiner Ankündigung vom November 2024, bis 2035 sein Gasnetz abschalten zu wollen, einen medialen Sturm der Entrüstung verursacht. Der Vorstand hatte allerdings die Aussagen kurz danach relativiert und betont, es gebe dazu noch keine endgültigen Festlegungen.

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