Benjamin Weber (links) ist Technischer Geschäftsführer und Kerstin Eschler ist Kaufmännische Geschäftsführerin der Gasversorgung Pforzheimer Land (GVP).

Benjamin Weber (links) ist Technischer Geschäftsführer und Kerstin Eschler ist Kaufmännische Geschäftsführerin der Gasversorgung Pforzheimer Land (GVP).

Bilder: © Gasversorgung Pforzheimer Land

Vielerorts sind der Gasvertrieb und die Gasnetze das Brot- und Buttergeschäft von Stadtwerken. Das wird sich bis 2045 ändern, bis dann will Deutschland annähernd klimaneutral sein. Die Wärmewende und die damit einhergehende Dekarbonisierung stellen die Branche vor eine immense Transformationsherausforderung.

Stilllegungen, Umwidmungen für die Nutzung von Wasserstoff, der Aufbau einer alternativen, grünen Wärmeversorgung, der Ausbau des Wärmevertriebs und die Erschließung alternativer Geschäftsfelder,  – all das treibt die Branche um. Gleichzeitig gibt es viele offene rechtliche und regulatorische Fragen und Unsicherheiten, auch mit Blick auf die Finanzierung und die Wahl der Abschreibungsmodalitäten. Darüber wollen wir mit Verantwortlichen von Stadtwerken, mit Fachexperten und Beratern in einer neuen Serie sprechen. Haben Sie einen interessanten Input oder drängende offene Fragen? Dann sollten wir ins Gespräch kommen. Die Serie lebt von der Praxisnähe. Wir freuen uns über Ihre Meinung oder Ihre Impulse zum Thema. Schicken Sie entsprechende Vorschläge oder Rückfragen gerne an den ZfK-Redakteur Hans-Peter Hoeren unter h-hoeren@zfk.de

Im ersten Teil der Serie geht es um einen Netzbetreiber mit einem vergleichsweise jungen Gasnetz: Die 1995 gegründete Gasversorgung Pforzheim (GVP), eine Tochter der Stadtwerke Pforzheim. Die GVP versorgt rund 8900 Netzkunden und knapp 7200 Vertriebskunden mit Gas und verfügt über zwölf Konzessionen. Das Leitungsnetz umfasst rund 430 Kilometer. Das Unternehmen ist als regionaler Netzbetreiber und Energieversorger im baden-württembergischen Enzkreis und im Landkreis Calw tätig.

Mannheim will bis 2035 aus dem Gasgeschäft aussteigen, die Bundesnetzagentur will mit der Kanu-Richtlinie großzügigere Abschreibungen auf das Gasnetz ermöglichen. Für wie viel Verunsicherung sorgen diese Rahmenbedingungen bei Ihren Kunden und wie versuchen Sie, das in der Kommunikation mit den Kunden aufzufangen?

Die Diskussion um einen vollständigen Ausstieg aus der Gasversorgung, wie ihn etwa Mannheim bis 2035 anstrebt, sorgt verständlicherweise für Verunsicherung, insbesondere bei Kunden, die erst vor wenigen Jahren an das Gasnetz angeschlossen wurden oder Investitionen in moderne Gasheizungen getätigt haben. Wir sehen, dass sich die Energieversorgung wandelt. Auch die neue Kanu-Festlegung der Bundesnetzagentur zeigt, dass ein Strukturwandel bevorsteht.

Wir begegnen dieser Unsicherheit mit transparenter Kommunikation: Wir erläutern unseren Kunden, dass Erdgas weiterhin ein zentraler Baustein der Versorgungssicherheit ist, gerade als flexibler Ausgleich zu volatiler Stromerzeugung aus Sonne und Wind. Unser Ziel ist nicht ein abrupter Ausstieg, sondern ein schrittweiser Ersatz fossiler Gase durch dekarbonisierte Alternativen wie Biomethan oder Wasserstoff. Die GVP begleitet diesen Wandel aktiv – technisch, wirtschaftlich und kommunikativ. Deshalb sagen wir klar: Der Gasanschluss bleibt auch in Zukunft ein wichtiger Bestandteil vieler Versorgungslösungen.

Die GVP hat ein vergleichsweise neues Gasnetz. Wie sieht der Businesscase aus? Wie lange müssten Sie dieses in etwa betreiben können, damit sich das Netz amortisiert hat? Sind die Abschreibungsmöglichkeiten der Kanu-Richtlinie in diesem Kontext für Sie interessant?

Unser Gasnetz ist modern, effizient und mit Blick auf eine jahrzehntelange Nutzung konzipiert. Der wirtschaftliche Betrieb erfordert deshalb eine ausreichende Betriebsdauer, insbesondere, um die gebundenen Investitionen zu amortisieren. Die Kanu-Festlegung ist für uns in dem Sinne interessant, dass sie für den Fall rückläufiger Netznutzung einen vorsorglichen bilanziellen Rahmen schafft. Aber sie ist kein Selbstzweck: Unser Ziel ist es, das Netz weiterzuentwickeln – etwa durch die Integration dekarbonisierter Gase – und möglichst lange sinnvoll zu nutzen. Kanu kann da als Sicherheitspuffer dienen, falls sich politische oder marktliche Entwicklungen anders darstellen als geplant. Unser Fokus liegt auf aktiver Transformation, nicht auf beschleunigtem Rückbau.

Wie sehen Sie die Perspektiven für das Gasnetz der GVP für die Zeit nach dem Ende des fossilen Gases und ist ein Ausstieg aus fossilem Gas bis 2045 realistisch?

Eine sichere und bezahlbare Energieversorgung ist das Rückgrat unseres Wohlstands. Sie sichert industrielle Wettbewerbsfähigkeit ebenso wie gesellschaftliche Stabilität. Erdgas spielte dabei bislang eine zentrale Rolle, denn es deckt knapp ein Viertel des gesamten Energieverbrauchs in Deutschland ab. Und auch in Zukunft wird Gas ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Energiesystems bleiben. Neben erneuerbarem Strom werden dekarbonisierte Gase die zweite tragende Säule bilden, auf der unsere Versorgung ruht. Dass die Bundesregierung bis 2030 bis zu 20 Gigawatt neue Gaskraftwerke plant, unterstreicht die strategische Bedeutung,  insbesondere als flexibler Back-up für volatile erneuerbare Energien.

Vor diesem Hintergrund halten wir einen Ausstieg aus fossilem Erdgas bis 2045 für klimapolitisch notwendig und technisch machbar. Vorausgesetzt, es gelingt, ausreichend dekarbonisierte Gase zu bezahlbaren Preisen bereitzustellen. Für uns heißt das: Wir stellen unser Netz konsequent auf die Aufnahme und Verteilung dekarbonisierter Gase um. Schon heute enthält unser Gasmix geringe Anteile von Biomethan und punktuell auch bereits Wasserstoff. Perspektivisch wird dieser Anteil deutlich steigen. Unser Ziel ist nicht der vollständige Abschied von molekülbasierten Energieträgern, sondern deren Transformation. Das Gasnetz bleibt damit auch über 2045 hinaus ein zentrales Element der Energieinfrastruktur, etwa zur saisonalen Speicherung, für Spitzenlastversorgung oder in industriellen Anwendungen.

Wie sieht Ihre Strategie mit Blick auf das eigene Gasnetz aus? Mit welchen Investitionsvolumina rechnen Sie künftig, schließen Sie noch in signifikantem Maße neue Kunden ans Netz an?

Unsere Strategie ist darauf ausgerichtet, auch langfristig eine sichere und bezahlbare Energieversorgung zu gewährleisten. Gleichzeitig entwickeln wir unsere Infrastruktur so weiter, dass sie künftig verstärkt grüne Gase aufnehmen kann, ob Biomethan, synthetische Gase oder perspektivisch Wasserstoff. Auch wenn wir geografisch nicht im Bereich des geplanten Wasserstoff-Kernnetzes liegen, prüfen wir intensiv, wie wir unser Netz technisch und wirtschaftlich auf dekarbonisierte Energieträger umstellen können. Unsere Investitionen richten wir dementsprechend auf einen werterhaltenden und zukunftsorientierten Netzbetrieb aus. Das konkrete Investitionsvolumen hängt jedoch stark von den regulatorischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab, insbesondere davon, in welchem Tempo und Umfang der Hochlauf grüner Gase gelingt.

Was die Kundenentwicklung betrifft, sehen wir, dass die Nachfrage nach Neuanschlüssen angesichts der aktuellen Diskussionen um die Zukunft der Gasversorgung weiterhin zurückhaltend ist. Wichtig ist aber: Wir verlieren kaum Netzkunden. Unser Fokus liegt daher klar darauf, unsere Bestandskunden dauerhaft und zuverlässig zu versorgen und sie auf dem Weg hin zu einer zunehmend grünen Gasversorgung mitzunehmen.

Wie bewerten Sie die Potenziale, um die vorhandene Gasnetzinfrastruktur künftig für grüne Gase respektive Wasserstoff nutzen zu können?

Die vorhandene Gasnetzinfrastruktur bietet grundsätzlich ein großes Potenzial, um künftig auch für grüne Gase – insbesondere Wasserstoff – genutzt zu werden. Dekarbonisierte Gase sind ein zentraler Baustein der Energiewende und ermöglichen es, die bestehende Infrastruktur weiter zu nutzen, statt sie vollständig neu aufzubauen. Das spart nicht nur erhebliche Investitionen, sondern beschleunigt auch den Transformationsprozess hin zu einer klimaneutralen Energieversorgung.

Unser Gasnetz ist in weiten Teilen bereits heute technisch darauf vorbereitet, zumindest anteilig Wasserstoff oder andere grüne Gase aufzunehmen. In vielen Bereichen ist eine Beimischung von Wasserstoff zum Erdgas schon jetzt möglich – und in Zukunft könnten ganze Leitungsabschnitte auf den Transport von reinem Wasserstoff umgestellt werden. Voraussetzung dafür sind gezielte Investitionen in Netzertüchtigungen, Materialprüfungen und die Weiterentwicklung von Normen und Regelwerken.

Langfristig kann die Gasinfrastruktur eine wichtige Rolle als Transport- und Speicherlösung für erneuerbare Energien übernehmen. Gerade im Zusammenspiel mit Sektorenkopplung und industriellen Anwendungen bietet der Einsatz von grünem Wasserstoff große Chancen, um Emissionen signifikant zu senken und Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Auch im Vertrieb ergeben sich durch grüne Gase neue Chancen. Kunden – insbesondere in der Industrie, aber zunehmend auch im Gewerbe und im Haushaltsbereich – fragen verstärkt nach CO₂-armen Energieformen. Der Vertrieb kann hier eine wichtige Rolle als Brückenbauer einnehmen, um die Kunden über Einsatzmöglichkeiten, Förderungen und zukünftige Versorgungssicherheit aufzuklären. Zudem eröffnen sich neue Geschäftsmodelle, etwa im Bereich grüner Gasprodukte oder hybrider Versorgungskonzepte.

Wie bewerten Sie aktuell die Rechtssicherheit und die Visibilität in dem Geschäftsfeld, was würden Sie sich hier vom Gesetzgeber/Regulator wünschen, um langfristig planen und investieren zu können?

Wir erleben nach wie vor eine hohe Dynamik in der Energiepolitik – was verständlich, aber auch herausfordernd ist. Für einen langfristig planenden Energieversorger ist es entscheidend, dass Rahmenbedingungen verlässlich und vorausschauend gesetzt werden. Was wir brauchen, ist ein realistisches Transformationsziel mit klaren Meilensteinen, ein verbindlicher Hochlaufpfad für dekarbonisierte Gase und ein Kapazitätsmechanismus, der die Funktion von Gas im Stromsystem absichert. Nur so können wir zielgerichtet investieren und unseren Kundinnen und Kunden auch künftig Versorgungssicherheit garantieren.

Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren

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