In der Energiekrise 2022/23 waren Appelle zum Sparen allgegenwärtig. Der Konflikt zwischen Iran und USA sorgt aktuell wieder für Unsicherheit an den Energiemärkten. Sollte es künftig erneut zu starken Verwerfungen kommen, könnten Energiesparmaßnahmen wieder auf die politische Agenda rücken.
Eine repräsentative Umfrage des Nürnberg Instituts für Marktentscheidungen (NIM) in fünf europäischen Ländern zeigt, welche Eingriffe Verbraucher eher akzeptieren und welche besonders polarisieren. Befragt wurden im Juni dieses Jahres Haushalte in Deutschland, Österreich, Italien, den Niederlanden und Polen.
Am meisten Zustimmung erhalten zeitvariable Tarife
Am meisten Zustimmung finden demnach Maßnahmen, die den Alltag wenig einschränken oder sogar finanzielle Entlastungen versprechen. Dazu zählen vor allem Tarife, die Strom zeitweise günstiger machen, etwa mittags, wenn viel Solarstrom ins Netz kommt. Ebenfalls vergleichsweise hoch ist die Unterstützung für günstigere Preise im öffentlichen Nahverkehr. Danach folgen mit spürbarem Abstand Maßnahmen, die stärker in Gewohnheiten eingreifen: Der Verzicht auf Inlandsflüge findet dabei noch mehr Zuspruch als Homeoffice oder der Umstieg auf eine Wärmepumpe. Besonders unpopulär ist ein Tempolimit.
Technisch sei es bereits heute möglich, Haushalte stärker über zeitvariable Strompreise zu entlasten, sagte Studienleiterin Katharina Gangl bei einem Pressetermin. In Österreich gebe es dafür bereits Spot-Tarife, in Deutschland dynamische Tarife. Allerdings nutzten bislang nur wenige diese Modelle. Das liege auch daran, dass die Preise schwanken und damit ein Risiko für Verbraucher mit sich bringen. Gangl brachte daher Mischmodelle ins Spiel: Im Sommer könnte ein flexibler Tarif gelten, in den Wintermonaten ein Fixpreis.
In Deutschland ist das Vertrauen in Energiesicherheit gering
Neben der Bewertung einzelner Maßnahmen verweist die Umfrage auf ein Vertrauensproblem: In Deutschland seien die subjektive Energiesicherheit und das Vertrauen in die Regierung im europäischen Vergleich besonders niedrig. In Österreich fühlten sich die Menschen hingegen am sichersten, was die Energieversorgung betrifft.
Sollten Energiesparmaßnahmen eingeführt werden, wären 43 Prozent der Befragten in Deutschland bereit, ihr Verhalten zu ändern. In Italien liegt dieser Anteil bei 58 Prozent. Gangl ordnete das ein: Die Bereitschaft, das eigene Verhalten zu ändern, sei derzeit eher mäßig, auch weil das Vertrauen gering sei.
Welche Gruppen am ehesten ihr Verhalten ändern würden
Auffällig ist außerdem, welche Gruppen eher mitziehen würden: Ältere Menschen, insbesondere Frauen, Menschen mit höherem Einkommen sowie Bewohnerinnen und Bewohner von Großstädten zeigen laut Umfrage eine höhere Bereitschaft zur Verhaltensänderung.
Für die Politik liegt eine Schlussfolgerung nahe: Wenn Energiesparen wieder notwendig wird, sollten zunächst Maßnahmen kommen, die breite Zustimmung bekommen und tatsächlich Wirkung entfalten. Gleichzeitig müsste die Ansprache gezielter werden, dort, wo die Kooperationsbereitschaft höher ist. Erfolge sollte die Regierung sichtbar machen, um sukzessive mehr Akzeptanz aufzubauen.
Länge einer Maßnahme und Vorbildwirkung ohne großen Effekt
Wichtig ist dabei vor allem die Wahrnehmung von Fairness und Legitimität. Wird eine Maßnahme als fair und legitim bewertet, steigt die Unterstützung und damit die Chance, dass sich Verhalten tatsächlich ändert. Allein die Empfehlung durch Wissenschaft oder Politik reicht dafür laut Gangl jedoch nicht aus. Das gelte auch dann nicht automatisch, wenn eine Regierung selbst mit gutem Beispiel vorangehe. Auch die Länge einer Maßnahme beeinflusse die Akzeptanz demnach kaum. In der Krise schaden Empfehlungen und Vorbildwirkung wahrscheinlich nicht, haben aber kurzfristig keinen starken Effekt, fasste Gangl zusammen. Zugleich beobachte sie einen Vertrauensverlust auch gegenüber der Wissenschaft: "Ich frage mich, was wir tun müssen, damit man uns mehr vertraut als einem Facebook-Post."
Eine weitere zentrale Erkenntnis: Vertrauen entsteht nicht in der Krise. Regierungen und Institutionen müssten es über längere Zeit aufbauen, wenn sie die Akzeptanz künftiger Eingriffe erhöhen wollen.