Im hessischen Offenbach sorgen die Rechenzentren für einen hohen Energiebedarf. Die Energieversorgung Offenbach (EVO) weiß sie allerdings bei ihrem Fernwärmekonzept sinnvoll zu nutzen. Im ZfK-Interview erläutert Geschäftsführer Christoph Meier die Details des Konzepts, das die Wärmeversorgung der Stadt dekarbonisieren soll.
Herr Meier, welche Rolle spielen Rechenzentren in Ihrer Fernwärmestrategie?
Meier: Eine ganz zentrale. Und sie wird von Jahr zu Jahr zunehmen. Wir benötigen generell mehr Erneuerbarenenergie und grüne Fernwärme in unserem Versorgungssystem. Dafür müssen Erdgas und Kohle aus unserem Mix raus. Das gilt auch für unser Kohlekraftwerk. Hier wollen wir übergangsweise Holzpellets aus eigener Regionalproduktionen. Davon stellen wir pro Jahr rund 80.000 Tonnen. Schon dieser Schritt würde 2030 die CO2-Bilanz unserer Fernwärme verbessern. Dann soll zunehmend die Abwärme aus den Rechenzentren kommen, damit wir bilanziell grüne Wärme liefern können.
Welche technischen Voraussetzungen müssen Sie erfüllen?
Die Abwärme aus den Rechenzentren kommt ungefähr mit 30 Grad raus, damit lässt sich kein Haus heizen. Das heißt, die Temperaturen müssen wir auf das Niveau der Fernwärme bringen, das wären im Winter zwischen 100 und 120 Grad. Um das hinzubekommen, sind Wärmpumpen notwendig. Diese müssen allerdings direkt neben der Wärmequelle sein, sprich am Gebäude des Rechenzentrums. Diese Ergänzung muss allerdings bereits vor der Baugenehmigung in den Plänen enthalten sein.
Welche weiteren Herausforderungen sind damit verbunden?
Ein weiterer Aspekt, der uns zur Vorhaltung von Reservekapazitäten zwingt, ist, dass die Rechenzentrumbetreiber keine Verpflichtungen mit uns eingehen, eine bestimmte Menge an Energie über eine bestimmte Anzahl von Jahren zu liefern. Das hängt davon ab, wann und ob seine Kunden ihre Server dort reinstellen. Als Reserveleistung für die Bedarfsspitzen planen wir beispielsweise einen Gasheizkessel und eine Power-to-Heat-Anlage.
Ein Beispiel, wie das genehmigungstechnisch nicht laufen sollte, ist ein Rechenzentrum in Offenbach, das 2016 bis 2017 gebaut wurde. Damals haben weder der Betreiber und die Stadt noch fairerweise die EVO an die Abwärmenutzung gedacht. Jetzt ist da kein Platz mehr sowie auch die technischen Voraussetzungen sind nicht mehr da. Das Potenzial für die Abwärme wäre da in einem zweistelligen Megawattbereich.
Welche Lehren haben Sie daraus gezogen?
Nun, das wird uns bei den weiteren Projekten nicht erneut passieren, wir sind von Anfang an mit dabei. Mittlerweile können sich das auch die Kommunen aus Nachhaltigkeitsgründen nicht erlauben, Rechenzentrum ans Netz zu bringen, ohne die Abwärme nutzen zu können. Aber auch die Betreiber der Zentren am Hyper Scaler legen großen Wert auf grünen Strom und die CO2-Bilanz ihrer Standorte. Teils hängt das an den Kundenwünschen, teils auch am wirtschaftlichen Interesse.
Auf der Liste haben wir in der Stadt und im Kreis Offenbach mittlerweile mehrere Dutzend Anträge für neue Rechenzentren mit einer MW-Leistung im dreistelligen Bereich. Auch weil in Frankfurt kaum mehr Platz ist, gewinnt Offenbach wegen seiner Nähe zu diesem weltweit größten Internetknoten an Attraktivität.
Können Sie diese Nachfrage bedienen?
Einige Anträge werden wir ablehnen müssen. Nicht nur weil die Flächen begrenzt sind, sondern auch weil diese Zentren enorme Mengen an Strom verbrauchen. Wir haben in der Spitze für Kreis und Stadt Offenbach eine Versorgungsspitze von 250 MW. Das größte Rechenzentrum, was wir anschließen, benötigt 170 MW Leistung. Bei den anderen Zentren, die hier entstehen, reden wir von 60/70 MW bis 120 MW Leistung, die sie benötigen.
Das Problem dabei ist: Der gesamte Stromausbau ist bereits verplant. Bevor wir weitere Kapazitäten ermöglichen, brauchen wir Zusagen von den vorgelagerten Netzbetreibern Westnetz und Amprion. Deshalb werden die Inbetriebnahmen von Rechenzentren und ihre Anbindung an das Fernwärmenetz in Stufen erfolgen. Wir arbeiten seit 2021 an einer Erweiterung des 110-kV-Hochspannungsnetzes in Stadt und Kreis Offenbach.
Auch in der Stadt und im Kreis Offenbach arbeiten wir an Trassen auf einer Länge von 120 Kilometern. Die Erweiterung ist zwingend notwendig. Der Netzausbau ist unter dem Strich eine riesige Herausforderung – finanziell und technisch.
Können Sie das konkretisieren?
Neben den hungrigen Rechenzentren haben wir eine sehr schnell wachsende Anzahl Wärmepumpen und Wallboxen im Netz. Das sind richtige Wummer im Netz, an die keiner bei der Konzeption des Stromnetzes gedacht hatte. Die Höhe der Investitionen in den kommenden Jahren bewegt sich deshalb in einem dreistelligen Millionenbereich. Das sind für uns in den letzten zehn Jahren nie dagewesene Dimensionen.
Seit 2019 hat sich die Anzahl der Anträge für Wallboxen, Wärmepumpen und PV-Anlagen um 1.500 Prozent erhöht. Konkret bei der Photovoltaik sind es sogar über 2.000 Prozent. Wir wurden zeitweise mit dieser Flut an Anträgen erdrückt.
Mittlerweile setzen wir bei der Bearbeitung von Anträgen auf künstliche Intelligenz. Dafür haben wir in Eigenregie KI-Tools zusammengeführt und weiterentwickelt. Diese Technik ist in der Lage unter anderem Handschriften, Anmeldungen, Anträge und Zertifikate zu lesen und zu verarbeiten. Innerhalb einer Stunde sind wir mit diesem Instrument in der Lage, bis zu 136 Anträge zu bearbeiten. Das hat uns enorm geholfen und Kapazitäten für wichtigere Aufgaben geschaffen.
Das Interview führte Artjom Maksimenko.
Das Interview ist in einer gekürzten Fassung in der März-Printausgabe der ZfK erschienen.



