Die zentrale Frage für Marcus Bokermann ist, welcher Anteil der Stromnachfrage möglicherweise nachhaltig zurückgegangen ist, beispielsweise durch industrielle Verlagerung oder durch Innovationen, Technologiewechsel und Effizienzmaßnahmen. Im Interview mit der ZfK erläuterte er, warum der Strombedarf in den kommenden Jahren trotzdem zulegen muss und auch wird.
Herr Bokermann, nach einer extrem volatilen Zeit auf den Handelsmärkten stabilisieren sich die Preise allmählich. Stellen Sie eine Rückkehr von der Börse zurück zum OTC fest?
Eine Flut von Händlern, die von der Börse zum OTC zurückkehrt, sehe ich derzeit nicht. Trotzdem spielt OTC wieder eine bedeutendere Rolle als während der Krisenzeit.
Haben Sie ihre Handelsstrategie angepasst und ist sie nun besser für die Krisenzeiten ausgelegt?
In meinem Aufgabenbereich Continental Power Trading konzentriere ich mich ausschließlich auf den Großhandel. Wir handeln OTC ("over the counter", Anm. d. Red.) und an der Börse in Zentral- und Westeuropa. Wir nehmen derzeit wahr, dass die Börse ihren Marktanteil weiter vergrößern kann, obwohl auch der OTC-Handel auf den Wachstumspfad zurückgekehrt ist. Dies resultiert aus der Energiebeschaffungskrise der vergangenen Jahre. Dabei sind solche Fragen wie das Liquiditätsmanagement und Kreditrisiken mit den steigenden Preisen entsprechend in den Fokus gerückt.
Was bedeutet das für Ihre Handelsstrategie?
Rückblickend kann ich sagen, dass wir gar nicht so viel an unserer Strategie geändert haben. An Bedeutung hat eben das Liquiditätsmanagement gewonnen. Das heißt eine optimale Balance der Positionen zu halten, ob es das Margening oder die Clearinggeschäfte sind. Ansonsten hat diese Krise kaum Veränderungen in unserem operativen Alltag bewirkt. Natürlich hat es in dieser Zeit eine deutlich höhere Dynamik und Preisvolatilität gegeben. Der Markt hat durch seine Effizienz aus meiner Sicht hervorragend funktioniert und half dann bei der Bewältigung dieser Herausforderungen.
Die Energiekrise scheint sich etwas beruhigt zu haben. Welche Faktoren werden nun die weitere Marktentwicklung beeinflussen?
Nach wie vor muss der Handel die Augen offen halten bei den aktuellen Marktentwicklungen: den geopolitischen Risiken, Veränderungen der Nachfrage, Veränderungen auf der Erzeugungsseite bei den Kraftwerkparks, die europaweiten Verfügbarkeiten, die Temperatur- und Windverhältnisse. Außer Acht lassen dürfen wir natürlich auch nicht die politischen Begebenheiten – das alles müssen wir auf dem Radar haben, um letztendlich erfolgreich Handel zu betreiben.
Sind aus Ihrer Sicht weitere regulatorische Mechanismen für eine bessere Funktionalität notwendig?
Nichts spricht grundsätzlich gegen eine Verbesserung von Rahmenbedingungen für den Handel. Einige Eingriffe in den Markt machen diesen nachweislich ineffizienter und stören. Das sorgt wiederum für Unsicherheiten. Zumal der Markt bewiesen hat, dass er funktioniert. Die massiven Marktereignisse haben zunächst beim Gas Preissignale ausgelöst, die die Nachfrage stark sinken ließen. Wäre die Nachfrage auf dem Höhepunkt der Energiekrise nicht so stark zurückgegangen, wären wir vermutlich schnell ohne Gas und dann auch ohne Strom dagesessen. Ein dreiviertel Jahr später hätte kaum jemand geglaubt, dass wir wieder Gaspreise bei rund 25 Euro/MWh haben könnten.
Sehen Sie irgendwelche Anzeichen für eine Erholung der Nachfrage?
Ich kann zwar nichts zu der Nachfrageentwicklung bei konkreten Kunden sagen. Wir nehmen allerdings wahr, dass die Rückkehr der Nachfrage zum Vorkrisenniveau noch nicht erfolgt ist. Sie ist weiterhin rückläufig und schwach. Das hat aus meiner Sicht mehrere Gründe. Und diese gilt es weiterhin zu beobachten.
Welche sind das?
Die zentrale Frage ist, welcher Anteil der Nachfrage möglicherweise nachhaltig zurückgegangen ist, beispielsweise durch industrielle Verlagerung und wie stark sie durch Innovationen, Technologiewechsel und Effizienzmaßnahmen reduziert wurde. Da die Transformationsprozesse im Rahmen der Energiewende weiter gehen, kann ich mir durchaus vorstellen, dass einige Industriezweige auf Dauer ihre europäischen Standorte nicht rentabel werden halten können. Nicht alle früher konkurrenzfähigen Industrieunternehmen werden vermutlich auch in Zukunft bestehen.
Umso wichtiger ist, dass wir in Europa für wettbewerbsfähige Strompreise sorgen – und das geht nur, indem wir fossilfreie Erzeugung und Stromnetze massiv ausbauen. Wichtig ist aber zu verstehen, dass wir keine Deindustrialisierung, sondern eine Transformation der Industrielandschaft erleben werden. Vattenfall setzt in diesem Zusammenhang daher ganz bewusst auf Strompartnerschaften mit der Industrie wie etwa mit dem Chemiekonzern Evonik, um Wertschöpfungsketten zu dekarbonisieren und die Industrie auf ihrem Transformationspfad zu unterstützen.
Was bedeutet das für die Stromnachfrage?
Ich sehe zwei gegenläufige Entwicklungen. Die wirtschaftliche Perspektive sehen viele Beobachter derzeit pessimistisch und gehen teils von einer Rezession aus. Das wäre schädlich für die Nachfrage. Hinzu kommen intensivierte Effizienzmaßnahmen. Unter dem Strich müssen wir uns daher auf eine anhaltende Phase des Nachfragerückgangs bei den fallenden Preisen einstellen. Das wäre die Momentaufnahme.
Die Hoffnung auf eine höhere Nachfrage sehe ich aktuell vor allem im Konsumbereich, der mit den fallenden Preisen langsam anziehen könnte. Langfristig erwarten wir im Zuge der Elektrifizierung der Industrie, des Transports und des Wärmesektors schrittweise einen Anstieg der Stromnachfrage in den kommenden Jahren.
Ist die derzeit sinkende Nachfrage ein typisch deutsches Problem?
Nein, diese Entwicklung nehmen wir auch in anderen Ländern Europas wahr, obwohl beispielsweise Italien sich anscheinend schneller erholt. Auch woanders sehen wir Indizien für einen Aufwärtstrend. Das stimmt uns natürlich auch für den deutschen Markt optimistisch.
Vor allem wenn wir die mittel- und langfristige Sicht analysieren und die Dekarbonisierungsziele berücksichtigen, erwarte ich absolut, dass die Stromnachfrage wieder deutlich anzieht. Denn die Dekarbonisierung ist aus meiner Sicht nur mit einer zunehmenden Elektrifizierung möglich, sprich mit einem höheren Stromverbrauch, ob im Bereich der Elektromobilität oder im Wärmesektor. Ohne umfassende Investitionen in fossilfreie Energieerzeugung und Stromnetze wird die Dekarbonisierung aus meiner Sicht aber nicht zu schaffen sein.
Können Sie die Anzeichen dafür schon jetzt sehen?
Für dieses Szenario spricht unter anderem die aktuelle Entwicklung der Jahreskontrakte 2025, 2026 und 2027, und zwar nicht nur beim Strom, sondern auch beim Gas. Hier spielt zum einen auch die Spotmarktentwicklung eine Rolle. Denn wenn die Risikoprämie am kurzen Ende abgebaut wird, wird sie auch am langen Ende abgebaut. Und die kurzfristige Marktsituation sieht derzeit sehr bearish aus: Milde Witterung, solider Gasspeicherstand, schwächelnde Konjunktur, gute Verfügbarkeit französischer Atomkraftwerke sowie eine gute hydrologische Situation. In Kombination mit dem massiven Erneuerbarenzubau führt es dazu, dass die Angebotsseite stärker wird und die Preise weiter fallen.
Dabei bleibt es?
So kann es weiter gehen, muss es aber nicht. Denn wir haben aktuell mit vielen geopolitischen Risikofaktoren zu tun: der Krieg in der Ukraine, der Konflikt im Gaza-Streifen, die angespannte Situation zwischen Taiwan und China, schließlich wegweisende Wahlen in Europa und in den USA. Das relativiert erheblich die Hoffnung, dass die Endkunden sich schon sehr bald auf noch niedrigere Preise freuen dürfen.
Das Interview führte Artjom Maksimenko.
Das Interview in einer gekürzten Fassung ist in der März-Printausgabe der ZfK erschienen.

