Von Klaus Hinkel
Nach heftigen Protesten von Verbrauchern und Kommunalpolitikern als Reaktion auf die Stilllegungspläne hat MVV-Energie-Konzernchef Georg Müller die Kommunikation des Versorgers verteidigt. "Wir haben keinen Fehler gemacht", sagte Müller auf der Bilanzpressekonferenz am Donnerstag in Frankfurt. Vielmehr hätte man den Beschluss "noch aktiver kommunizieren müssen".
Das Unternehmen habe bereits im Jahr 2021 erstmals darauf hingewiesen, sich bis 2035 vom Gasnetz verabschieden zu wollen. Man wolle die kommenden Jahre nutzen, um die Transformation des Energiesystems möglichst verbraucherfreundlich hinzubekommen. Müller räumte allerdings ein, dass der Konzern in seiner Argumentation "vielleicht etwas zu rational ist".
2035 als Jahr der Stilllegung "nicht in Stein gemeißelt"
Seit der Mitte November erfolgten Ankündigung des Abschieds vom Gasnetz bis 2035 hagelt es in Mannheim und in der Region Kritik. So haben sich jüngst die Vertreter mehrerer umliegenden Städte und Gemeinden in einem Offenen Brief an Müller gewandt und eine fehlende Einbindung in die Entscheidung sowie das Fehlen von Alternativen kritisiert. Gerade in Kommunen mit historischen Altstadtkernen seien weder Fernwärme noch Wärmepumpen ein gangbarer Ersatz für Gasheizungen. Notwendig sei eine gemeinsame Planung und abgestimmte Kommunikation.
Müller erklärte, das Jahr 2035 sei als Jahr der Stilllegung "nicht in Stein gemeißelt". Deshalb spreche der Versorger bewusst von "anstreben". Aber die Pläne seien angesichts der Marktbedingungen und der Regulatorik "auch nicht beliebig verschiebbar". Wenn die Zahl der Nutzer sinke, werde sich gegebenenfalls sogar eine "besondere Eigendynamik" beim Gasausstieg einstellen.
Der Konzernchef verwies auf die kontinuierlich ansteigenden CO2-Kosten und die EU-Gasbinnenmarkt-Richtline, die bis Juli 2026 in deutsches Recht umgesetzt werden müsse. Auch die Bundesnetzagentur habe auf die erwartete kürzere Nutzung von Gasnetzen bereits mit dem Ansatz höherer Abschreibungen reagiert.
Rückläufige Großhandelspreise für Strom und Gas
Die MVV Energie AG will in Mannheim und den angeschlossenen Teilen der Region sowie in Offenbach die Fernwärme in dieser Dekade zu 100 Prozent auf grüne Energiequellen umstellen. Bis 2035 soll dieses Ziel auch in Kiel erreicht sein. Der mehrheitlich kommunale Konzern ist traditionell ein Vorreiter bei der Fernwärme, aktuell liegt der Anteil an der Wärmenachfrage in Mannheim bei rund 60 Prozent.
Mit Blick auf die Kennzahlen des abgelaufenen Geschäftsjahres 2024 sprach Müller von einem "guten Geschäftsjahr". Die eigenen Ziele seien in einem "herausfordernden Umfeld" erreicht worden. Der Vergleich mit dem Vorjahr sei irreführend, da 2023 ein "geradezu exorbitantes Jahr" gewesen und von Einmaleffekten aus der Veräußerung von Beteiligungen und aus Preisentwicklungen im Großhandelsmarkt geprägt gewesen sei.
Die konkreten Zahlen: Das bereinigte operative Ergebnis (Adjusted Ebit) sank um mehr als die Hälfte auf 426 Millionen Euro. Die bereinigten Umsatzerlöse lagen mit 7,2 Milliarden Euro leicht unter dem Wert des Vorjahres. Das hänge vor allem mit den rückläufigen Großhandelspreisen für Strom und Gas zusammen, sagte Müller. Für das bereits am 1. Oktober begonnene Geschäftsjahr 2025 (bis 30. September 2025) erwartet der Konzern ein bereinigtes operatives Ergebnis zwischen 350 und 400 Millionen Euro.
Bundesförderung effiziente Wärmenetze aufstocken
Der künftigen Bundesregierung gab Müller einige wichtige Top-Themen mit auf den Weg, um energiepolitisch "mit größeren Schritten als bisher und systemischer" voranzukommen. So müsse dringend das geplante Geothermie-Beschleunigungsgesetz auf den Weg gebracht werden, um diese "praktisch unbegrenzte, inländisch verfügbare und klimaneutrale Wärmequelle" nutzen zu können.
Weiterhin solle die Bundesförderung effiziente Wärmenetze (BEW) finanziell aufgestockt werden, um die Wärmewende in den Ballungsgebieten zu beschleunigen. Daneben nannte Müller die Verlängerung des Kraft-Wärme-Kopplungs-Gesetzes für das sowohl vom Bundeswirtschaftsministerium als auch seitens der Unionsfraktion Gesetzesentwürfe vorlägen, die in die gleiche Richtung wiesen.
Weitere Punkte auf der To-do-Liste des Konzernchefs: ein CCS-Gesetz plus Carbon-Management-Strategie, eine Novelle des Messstellenbetriebsgesetzes, um den Smart-Meter-Rollout zu beschleunigen sowie ein Ordnungsrahmen für die Anbindungsnetze an das Wasserstoffkernnetz. Die Mannheimer haben hier mit ihrer Mehrheitsbeteiligung Stadtwerke Kiel ein konkretes Anliegen: Es geht darum, das Küstenkraftwerk Kiel an das Wasserstoffkernnetz anzubinden.
