Trianel-Geschäftsführer Sven Becker (l.) und Oliver Runte, begrüßen, dass Kosteneffizienz der Energiewende und Versorgungssicherheit mehr in den Fokus der Politik rücken.

Trianel-Geschäftsführer Sven Becker (l.) und Oliver Runte, begrüßen, dass Kosteneffizienz der Energiewende und Versorgungssicherheit mehr in den Fokus der Politik rücken.

Bild: @ Trianel

Kurskorrektur in Berlin? Die Geschäftsführer der Stadtwerkekooperation Trianel, Sven Becker und Oliver Runte, ziehen eine Zwischenbilanz neuer Energiepolitik: Wo es vorangeht – und wo nicht. Lesen Sie im ersten Teil des Interviews, was sie über die Kraftwerksstrategie, das Strommarktdesign und die Baustelle Wasserstoff denken.

Starten wir mit der Energiepolitik von Schwarz-Rot, konkret der Energiepolitik von Frau Reiche. Wie fällt Ihre Zwischenbilanz aus?

Sven Becker: Die Impulse sind grundsätzlich positiv. Es ist gut, dass das Klimaneutralitätsziel 2045 weiterhin verfolgt wird. Das bleibt ambitioniert, aber die Richtung ist damit klar. Wir begrüßen ferner, mehr auf die Kosteneffizienz der Energiewende sowie Versorgungssicherheit zu schauen und damit das energiepolitische Zieldreieck wieder in die Balance zu bringen. Nach den ganzen Berichten und Plänen – dem Versorgungssicherheitsbericht und dem Energiewendemonitoring – ist es wichtig, dass die Bundesregierung jetzt ins Machen kommt.

Oliver Runte: Was wir jetzt brauchen, sind gesicherte, stabile und investitionsfreundliche Rahmenbedingungen, um die Klimaziele auch zu erreichen. 

Könnten Sie das konkretisieren? 

Becker: Die Ampel hat sich sehr stark auf den Ausbau der Erneuerbaren fokussiert und damit nur einen Eckpunkt des energiepolitischen Dreiecks betont. Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit gehören genauso dazu, und da müssen jetzt Impulse gesetzt werden. Aus unserer Sicht haben die kurzfristigen Ausschreibungen der Gaskraftwerke und das Aufsetzen einer Flex-Agenda höchste Priorität, damit wir auch künftig Versorgungssicherheit gewährleisten und die Erneuerbaren besser in den Markt integrieren können. 

Hat Sie der 10-Punkte-Plan von Frau Reiche dahingehend überzeugt?

Becker: Das Energiewende-Monitoring liefert eine fundierte Grundlage für die weitere Arbeit der Bundesregierung. Das ist schon mal ein guter erster Schritt. Mit ihrem 10-Punkte-Plan setzt Frau Reiche eigene Akzente und betont damit, dass die Energiewende stärker von Systemkosten und Versorgungssicherheit her gedacht werden müsse – also das, was wir schon länger fordern. Es ist jetzt ein Zielbild erkennbar, wie das energiewirtschaftliche Dreieck wieder in Balance geraten kann.   

Nehmen wir das Thema Versorgungssicherheit: Wir brauchen die Kraftwerksstrategie und das Strommarktdesign. Letzteres ist aus meiner Sicht zentral, weil es langfristige Ausblicke gibt. Wenn wir aus der Kohle aussteigen, benötigen wir gesicherte Leistung – der Ausbau der Erneuerbaren wird weitergehen, aber Flexibilität im Energiesystem ist dringend erforderlich. Das hat Frau Reiche in ihren Punkten adressiert. Ob der Zeitplan, den sie sich vorstellt, also bis Ende des Jahres Klarheit über die ersten Ausschreibungen für den Zubau von neuen Gaskraftwerken zu schaffen und möglichst noch 2027 einen technologieoffenen Kapazitätsmarkt zu implementieren, realistisch ist, bleibt abzuwarten. Schließlich handelt es sich um eine komplexe Materie. 

Sven Becker, Trianel

Zweiter Punkt: Wie entwickeln sich die Netzkosten weiter? Die Bundesnetzagentur hat den Nest- und den Agnes-Prozess gestartet, doch auch das Wirtschaftsministerium muss sich mit der zukünftigen Rolle des Netzes und der Kostenverteilung auseinandersetzen. Auch hier müssen wir systemisch denken. Es bringt nichts, wenn wir die Netzkosten senken und dadurch Kosten an anderen Stellen erhöhen.

Schließlich der Wasserstoffhochlauf: Hier stockt es, auch in unseren Projekten – die Signale, die das BMWE jetzt aussendet, sind nicht sehr ermutigend. Es besteht ja Einigkeit, dass wir den Wasserstoff brauchen. Das 10-GW-Ziel infrage zu stellen, ist vielleicht realistisch, dennoch müssen wir uns Gedanken machen, wie wir im aktuellen Marktumfeld den Hochlauf organisiert bekommen.

Oliver Runte: "Wir bauen Know-how auf, um entsprechende Dienstleistungen anbieten zu können".Bild: © Trianel

Wie läuft das Geschäftsjahr 2025 bislang aus operativer Perspektive der Trianel? 

Runte: Man kann sagen, wir sind "on track". Wir sind hier im Rahmen unserer Erwartungen für das laufende Geschäftsjahr.

Wie bewerten Sie die aktuelle Marktentwicklung?

Runte: Nach den Preissprüngen der Vergangenheit, nähern wir uns dem "neuen Normal". Wir haben andere Rahmenbedingungen als in den letzten Jahren, bewegen uns aber immer noch in einem sehr anspruchsvollen Umfeld, insgesamt sehen wir die Dinge sowohl im Strom- als auch Gashandelsumfeld als stabil. Wir haben auf die Veränderungen reagiert und können mit den Volatilitäten gut umgehen. In anderen Geschäftsfeldern, wie der Projektentwicklung PV, sehen wir allerdings derzeit ein durchaus herausforderndes Umfeld. Was fehlt, ist die Planungssicherheit für einzelne Geschäftsfelder. Das erschwert die Investitionsentscheidungen.

Becker: Das trifft auch auf die Projektentwicklung zu. Investitionsentscheidungen im Wasserstoffbereich oder bei Gaskraftwerken hängen stark von belastbaren Rahmenbedingungen ab. Wir können nur vorwärtsgehen, wenn regulatorische und wirtschaftliche Signale klar sind. Insofern war unsere Strategie, auf unterschiedliche Flexibilitätsoptionen zu setzen, genau richtig.

"Nach den Preissprüngen der Vergangenheit nähern wir uns dem ‘neuen Normal’." Oliver Runte, Trianel

Herr Runte, gibt es im Handelssegment Wünsche von den Kunden oder Kooperationspartnern? Sehen Sie nach der Krise bestimmte Veränderungen in der Zusammenarbeit mit den Stadtwerken?

Runte: Wenn Preisniveau, Volatilität und Risiken steigen, ist es nachvollziehbar, dass man mehr auf das Know-how einer Gesellschaft wie Trianel zurückgreift. Mit den gestiegenen Risiken merkt man, dass Prozesse in der Beschaffung und Prognose bei vielen Stadtwerken nicht mehr vollumfänglich im eigenen Haus begleitet werden können, sondern entsprechende Unterstützung benötigt wird. Gerade die gestiegenen Anforderungen an die Prognose und die Volatilität im Lang- und Kurzfristbereich bringt viele zum Nachdenken, auch größere Stadtwerke. Wir versuchen, über unsere Plattform und Prozesse die entsprechenden Volumina zu managen, weil viele Stadtwerke die Prozesse nicht 24/7 begleiten können.

Die Komplexität im Handel hat dramatisch zugenommen und kleinere Versorger damit überfordert. Spielt es Ihnen in die Karten?

Runte: Wir würden uns wünschen, dass man schneller auf die Veränderungen reagiert. Wir sehen allerdings, dass die Nachfrage nach unseren Dienstleistungen stetig zunimmt. Wir konnten unsere Kundenbasis auch im letzten Jahr ausbauen.

Entscheidend sind dabei gute Prognosen, insbesondere Wetterprognosen. Je besser die Prognosen und Stammdaten, desto besser die Beschaffung. Wir versuchen, Prognosen auf Kundenseite zu verbessern und gleichzeitig die Beschaffung zu optimieren. Daraus ergibt sich der meiste Mehrwert. Eine bessere Prognose bringt deutlich mehr Hebel als eine bessere Beschaffung.

Wie stellen Sie die Qualität der Prognose sicher?

Runte: Wir arbeiten mit Universitäten zusammen und haben nicht nur einen Dienstleister für meteorologische Dienstleistungen. Meteorologie ist auch bei uns im Haus verankert. Auch kann man mit KI Analysen schneller und optimierter durchführen. Wir bauen sukzessive Know-how auf, um entsprechende Dienstleistungen anbieten zu können, damit der Kunde mehr verdient. Wir kaufen auch Prognosen ein, mischen sie intelligent, um bessere Vorhersagen zu erhalten. Fehler in den Ausgangsprognosen gehen allerdings oft in die gleiche Richtung, daher hilft es nur bedingt, zwei Prognosen zu kombinieren. Mit Erneuerbaren ist das Umfeld weiterhin spannend. Wir haben eigene Windräder im Norden, verfolgen die Wetterflanken, um daraus Schlüsse für den Intraday-Handel zu ziehen und optimieren entsprechend.

Das Interview führten Klaus Hinkel und Artjom Maksimenko

Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews, was Sven Becker und Oliver Runte von der möglichen Strompreiszonenteilung halten und über die Herausforderungen im Handelssegment denken.

Das Interview mit der Trianel-Geschäftsführung erschien in einer gekürzten Fassung in der aktuellen ZfK-Printausgabe. Hier geht es zum E-Paper.

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