Der Anteil erneuerbarer Energieträger an der Fernwärme der Braunschweiger BS Energy liegt mittlerweile bei rund 38 Prozent. 2024 wurde das Kohlekraftwerk durch ein Biomasse-Heizkraftwerk auf Altholzbasis und ein Gas- und Dampfturbinen-Heizkraftwerk ersetzt.
Knapp 60.000 Haushalte werden in Braunschweig aktuell mit Fernwärme versorgt, der Anteil der Fernwärme an der Wärmeversorgung liegt bei rund 30 Prozent und soll perspektivisch auf rund 50 Prozent gesteigert werden. Das sehe der im Mai veröffentlichte Transformationsplan vor, sagt der Vorstandsvorsitzende Jens-Uwe Freitag im Gespräch mit der ZFK. Für die übrigen Gebiete kommen aus Sicht von BS Energy vor allem Wärmepumpen und Nahwärmelösungen infrage. Entscheidend sei, welche Lösung an welchem Ort technisch und wirtschaftlich sinnvoll ist.

Aus der Erzeugungs- muss künftig eine Systemwende werden.
Jens-Uwe Freitag
Vorstandsvorsitzender BS Energy
Beim Ausbau des Fernwärmenetzes konzentriert sich BS Energy zunächst auf die Nachverdichtung der Innenstadt und der angrenzenden Bereiche. Hinzu kämen die Neuerschließungen in dicht bebauten Quartieren mit vielen Mehrfamilienhäusern. Als weitere regenerative Wärmequellen neben Biomasse prüft BS Energy derzeit Erd- und Flusswasserwärme und die Potenziale von Abwasser, Klarwasser und Umgebungsluft.
Für die nächsten Jahre geht es aus Sicht von Jens-Uwe Freitag deutlich über den Um- und Ausbau von Erzeugungskapazitäten hinaus. "Wir müssen die Energiewende künftig viel stärker als Gesamtsystem denken. Aus Erzeugungswende muss künftig eine Systemwende werden", sagt er. Wärmepumpen, Elektromobilität, der Ausbau der Stromnetze, Speicher und erneuerbare Energien müssten gemeinsam geplant und gesteuert werden. Wärmepumpen und andere Verbraucher müssten mit Preissignalen verbunden werden.
Leistungsportfolio verändert sich
Zeitlich variable Preise könnten dazu beitragen, den Betrieb flexibler Verbraucher auf das Stromangebot und die Auslastung der Netze abzustimmen. Das kann Lastspitzen reduzieren und den notwendigen Netzausbau begrenzen. Das "wirklich als Gesamtsystem zu steuern und zu optimieren", sei die Herausforderung für die kommenden Jahre.
Versorgungssicherheit mit hoher Flexibilität – darin sieht der Vorstandsvorsitzende künftig das wesentliche Geschäftsmodell des Versorgers. "Wir werden künftig mehr Flexibilität als Kilowattstunden vermarkten. Flexibilität wird vom Nischen- zum Hauptprodukt werden", prognostiziert er. Das Geschäftsvolumen werde sich durch die abnehmende Bedeutung des konventionellen Gasgeschäfts in diesem Kontext nicht zwingend verkleinern. Vielmehr werde sich das Leistungsportfolio verändern, mit dem der Versorger Wertschöpfung erziele.
Fernwärme konkurriert vor allem mit Wärmepumpe
So könne BS Energy schon heute mit seinen Gasturbinen flexibel auf Marktsignale reagieren und mit Biomasse einen wesentlichen Beitrag zur Grundlast für die erneuerbare Strom- und Wärmeversorgung leisten. Um die Flexibilität des Erzeugungssystems weiter zu erhöhen, ist der Bau von Batteriespeichern mit einer Leistungskapazität von circa 25 Megawatt (MW) und Power-to-Heat-Anlagen mit 40 MW geplant. Die künftige Rolle des Energieversorgers sieht Freitag als Koordinator und Betreiber eines lokalen Energiesystems, das in ein überregionales Gesamtsystem eingebunden ist.
Gas sieht Freitag nicht als den langfristigen Hauptwettbewerber der Fernwärme. Die eigentliche Konkurrenz entstehe zwischen Fernwärme und Wärmepumpen. Beide Systeme müssten sich dort, wo sie infrage kommen, über ihre Kosten und ihre Leistungsfähigkeit behaupten. Dort, wo Fernwärme aufgrund der Anschlussdichte wirtschaftlich ausgebaut werden kann, dürfe die Fernwärme nicht durch eine parallele Wärmepumpenförderung verdrängt werden.
"Ich bin kein Befürworter eines Anschlusszwanges. Wer sich in einem Fernwärme-Ausbaugebiet für eine Wärmepumpe entscheidet, soll diese auch betreiben können, aber ohne staatliche Förderung", stellt Freitag klar.
Mehr Entscheidungsfreiheit für Kunden
BS Energy plant aktuell, dass das rund 280 Kilometer lange Fernwärmenetz pro Jahr um drei bis sechs Kilometer wachsen soll. Der Transformationsplan und die Eckpunkte zum Gebäudemodernisierungsgesetz hätten den Verbrauchern mehr Klarheit und Orientierung für ihre künftige Wärmeversorgung gegeben. "Die Nachfrage nach Fernwärme hat sich dadurch aktuell erhöht, sodass wir als Unternehmen inzwischen auch einen Ausbau von mehr als sechs Kilometern pro Jahr einplanen müssen."
Kritisch bewertet Freitag die bisherige Ausführungsregelung zum Gebäudemodernisierungsgesetz, insbesondere die noch fehlende Belastbarkeit der Grüngasquote. Es fehle eine belastbare Grundlage, aus der die erforderlichen Mengen an zertifizierten grünen Gasen künftig herkommen sollten.
Hier müsse der Gesetzgeber dringend nacharbeiten. In Summe führe das Gesetz dazu, dass die Verbraucher ihre bestehenden Gasheizungen noch ein paar Jahre länger nutzen würden. "Das verlangsamt wahrscheinlich die Wärmewende, gibt dem Kunden aber mehr Entscheidungsfreiheit." Das könne die Akzeptanz der notwendigen Transformation sicher stärken.
Aktuell läuft ein Effizienzprogramm
Die Größe der Aufgabe zeigt sich auch beim Investitionsbedarf. Für die Umsetzung des Transformationsplans bis zur CO₂-Neutralität nennt Freitag eine Größenordnung von 1,5 bis 2 Milliarden Euro für Strom und Wärme bis 2040.
Um dies finanzieren zu können, setzt BS Energy auf Effizienzoptimierung und Kostenreduzierung. Teil davon ist ein Prozessbenchmarking gegenüber anderen Versorgern. Ohne zusätzliches Eigenkapital ließen sich die Investitionen aber nicht stemmen. Eine effiziente Kostenstruktur und eine stabile Ertragsfähigkeit seien die Grundvoraussetzung, um zusätzliches Eigenkapital erhalten zu können. Erster Ansprechpartner hierfür seien die drei Gesellschafter Veolia, die Stadt Braunschweig und die Thüga. Einen Teil des Gewinns könne man heute bereits einbehalten, um das Eigenkapital zu stärken.
Bei allem Investitionsdruck bleibe es zentral, die Wirtschaftlichkeit und die Bezahlbarkeit der Energiewende für die Kunden im Fokus zu haben. Auch wenn das Unternehmen in die Klimaneutralität investieren wolle, müsse die Versorgung bezahlbar bleiben. Damit dies gelinge, werde das Erreichen der Klimaziele wohl zehn bis 15 Jahre länger dauern als bisher geplant.