Wer bei seinem Energieversorger kündigt, erlebt nicht selten eine erstaunliche Veränderung: Plötzlich gibt es ein besseres Angebot, einen anderen Tarif oder einen Bonus, der vorher nicht zur Verfügung stand. Aus Kundensicht ist das schwer zu erklären. Aus Unternehmenssicht ist es noch problematischer. Denn wer attraktive Konditionen systematisch erst nach einer Kündigung anbietet, setzt einen falschen Anreiz: Der Kunde lernt, dass sich Loyalität nicht lohnt – wohl aber die Kündigung.

Viele Stadtwerke betreiben Neukundengewinnung heute professionell. Auch für Kündiger gibt es definierte Rückgewinnungsprozesse. Dazwischen liegt jedoch häufig ein wenig bearbeiteter Bereich: die Phase, in der ein Kunde noch da ist, seine Bindung aber bereits schwächer wird. Dort entscheidet sich, ob Kundenbindung aktiv gesteuert wird oder ob das Unternehmen wartet, bis aus Wechselbereitschaft eine Kündigung wird.

Wann sich das Wechselrisiko erhöht

Wie relevant dieser Punkt ist, zeigen die Marktdaten. Nach Angaben der Bundesnetzagentur wechselten 2025 rund 6,7 Millionen Haushalte ihren Stromlieferanten und etwa 2,1 Millionen ihren Gaslieferanten. 2025 war damit das zweithöchste Wechseljahr seit Beginn der Erhebung; nur 2024 lag noch darüber. Schon 2024 passten zudem mehr als 3,3 Millionen Stromkunden und rund 1,2 Millionen Gaskunden ihren Vertrag beim bestehenden Anbieter auf eigene Initiative an. Auch wer bleibt, beschäftigt sich also zunehmend aktiv mit Preis und Vertrag.

Eine Kündigung kommt dabei selten völlig überraschend. Häufig gibt es vorher Ereignisse, die für sich genommen banal wirken, in ihrer Kombination aber ein Muster ergeben können. Auf eine Preisanpassung folgt vielleicht ein Anruf im Service. Kurz darauf prüft der Kunde im Portal seinen Tarif, fragt nach einer Preisgarantie, verändert seinen Abschlag oder erkundigt sich nach Alternativen. Nicht jedes einzelne Signal bedeutet Wechselgefahr. Aber Zeitpunkt, Häufung und Kombination können sehr wohl darauf hindeuten, dass sich das Wechselrisiko erhöht.

Aus Daten die Signale herauslesen

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Haben wir diese Daten? Viele Stadtwerke haben einen erheblichen Teil davon längst. Die wichtigere Frage ist: Was passiert damit?

Genau hier beginnt das Präventionsproblem. Informationen liegen häufig in unterschiedlichen Systemen und Verantwortungsbereichen. Der Service kennt die Beschwerde, das Abrechnungssystem die Zahlungsentwicklung, der Vertrieb den Tarif, das CRM frühere Kontakte und Kampagnenreaktionen. Zusammengeführt können diese Signale ein anderes Bild ergeben. Trotzdem entsteht daraus nicht automatisch eine Handlung.

Unterschiedliche Phasen: Prävention, Retention, Kündigung

Kündigungsprävention braucht deshalb zunächst weniger künstliche Intelligenz als klare betriebliche Logik. Welche Ereignisse gelten als relevante Trigger? Welche Kombination erhöht die Wechselwahrscheinlichkeit tatsächlich? Ab welchem Punkt soll etwas passieren? Wer übernimmt die Ansprache? Über welchen zulässigen Kanal? Und vor allem: Was darf dem Kunden angeboten werden?

Für die Steuerung ist es hilfreich, zwischen verschiedenen Phasen zu unterscheiden. Prävention beginnt, solange der Kunde noch keine konkrete Kündigungsabsicht geäußert hat, aber relevante Risikosignale auftreten. Retention setzt ein, wenn die Wechselabsicht erkennbar oder ausgesprochen ist, aber noch keine Kündigung vorliegt. Mit der Kündigung beginnt die Rückgewinnung; nach dem vollzogenen Lieferantenwechsel die Wiedergewinnung. Die Begriffe sind weniger wichtig als die Konsequenz: Je später ein Stadtwerk reagiert, desto geringer ist sein Handlungsspielraum – und desto eher wird Kundenbindung zu einem Preisgespräch unter Zeitdruck.

Häufig werden die stillen Kunden benachteiligt

Das führt zu einer unbequemen Frage: Warum können viele Unternehmen einem Kunden nach der Kündigung Angebote machen, die sie ihm zwei Wochen zuvor nicht gemacht hätten?

Dafür gibt es nachvollziehbare organisatorische Gründe. Rückgewinnungsbudgets sind definiert, Prozesse klar, Zuständigkeiten festgelegt. Präventive Angebote passen dagegen häufig in keine bestehende Logik. Doch aus Kundensicht bleibt die Botschaft dieselbe: Erst wer mit Abwanderung droht oder tatsächlich kündigt, erhält Aufmerksamkeit. Damit kann ein Unternehmen gerade jene Kunden benachteiligen, die still loyal geblieben sind.

Nicht jeder Kunde sollte dasselbe Angebot erhalten 

Prävention bedeutet allerdings nicht, jedem wechselgefährdeten Kunden sofort einen Rabatt zu geben. Ein Preisnachlass ohne Differenzierung wäre teuer und würde ebenfalls falsche Anreize setzen. Je nach Kunde und Anlass kann die richtige Reaktion ein Tarifwechsel, eine Preisgarantie, ein an eine Laufzeit gekoppelter Vorteil, ein passendes Zusatzprodukt oder schlicht ein qualifizierter persönlicher Kontakt sein. Gerade Stadtwerke besitzen hier einen Vorteil: Sie können lokale Nähe und persönlichen Service genau dort einsetzen, wo beides einen Unterschied macht.
 
Dafür braucht es eine Angebotslogik, die Risiko und Kundenwert zusammenführt. Nicht jeder Kunde mit erhöhter Wechselwahrscheinlichkeit muss gehalten werden, und nicht jeder sollte dasselbe Angebot erhalten. Entscheidend ist die Wirtschaftlichkeit: Wie hoch ist die erwartete Marge? Wie wahrscheinlich ist eine Kündigung ohne Intervention? Welche Maßnahme erhöht nachweislich die Bleibewahrscheinlichkeit? Und was kostet es, einen vergleichbaren Kunden später neu zu gewinnen oder zurückzugewinnen?

Wie aus Kundendaten tatsächliche Kundenbindung wird

Damit verändert sich auch die Rolle des CRM. Ein 360-Grad-Kundenbild ist kein Selbstzweck. Entscheidend ist nicht, möglichst viele Informationen auf einem Bildschirm zu versammeln, sondern aus Informationen Entscheidungen zu machen. Eine funktionierende Logik sieht deshalb eher so aus: Signal, Trigger, Aktion, Verantwortlicher, Angebot, Ergebnis. Erst wenn diese Kette geschlossen ist, wird aus Kundendaten tatsächlich Kundenbindung. 

Ebenso wichtig ist die Messung. Die Zahl versendeter Angebote oder geführter Gespräche sagt wenig darüber aus, ob Prävention funktioniert. Relevant ist, wie viele gefährdete Kunden aufgrund einer Maßnahme tatsächlich bleiben – und ob der dadurch gesicherte Deckungsbeitrag die Kosten der Intervention rechtfertigt. Wer das belastbar messen will, braucht Vergleichsgruppen oder zumindest geeignete Referenzwerte. Sonst wird jeder Kunde, der nach einem Anruf nicht kündigt, vorschnell zum Erfolg erklärt.

Wechselgefährdung als steuerbarer Prozess

Die eigentliche Herausforderung ist damit nicht technisch, sondern organisatorisch und vertrieblich. Stadtwerke müssen Wechselgefährdung als steuerbaren Prozess verstehen: Signale definieren, Verantwortlichkeiten festlegen, Angebote vorbereiten und Wirkung messen. Erst danach stellt sich die Frage, welches CRM, welche Datenplattform oder welches KI-Modell diesen Prozess am besten unterstützt.
 
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, wie gut die Rückgewinnung funktioniert. Sondern auch, wie viele Kündigungen gar nicht erst ausgesprochen werden, weil relevante Signale rechtzeitig erkannt und in eine passende Kundenansprache übersetzt werden.
 
Wer mit Kundenbindung erst nach der Kündigung beginnt, beginnt systematisch zu spät.



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