Die neue App verspricht "echte Preise" inklusive Steuern, Netzkosten und Abgaben – regionalisiert bis auf Postleitzahlen.

Die neue App verspricht "echte Preise" inklusive Steuern, Netzkosten und Abgaben – regionalisiert bis auf Postleitzahlen.

Bild: @ DEW21

Der Dortmunder Energieversorger DEW21 geht mit einer App an der Start, die vor allem in der Perspektive den Kunden einen hohen Mehrwert bieten soll. Die White-Label-Lösung in Kooperation mit dem Start-up Zählerfreunde ist nicht nur auf Datensammlung und Analyse spezialisiert, sondern geht einen Schritt weiter.

Die App "DEW21 Energy Control" macht genau das, was der Name verspricht. Sie sammelt und wertet Daten über Stromverbrauch, Eigenerzeugung und die Nutzung verfügbarer steuerbarer Geräte aus. Hinzu kommen jedoch weitere Funktionen, die über ein vergleichsweise einfaches Datenmonitoring hinausgehen.

Laut DEW21 bietet die App drei zentrale Voreinstellungen dafür, wie zum Beispiel das Laden erfolgen soll: preisorientiertes Laden in den günstigsten Stunden im dynamischen Tarif, PV-Überschuss-Laden, wenn die eigene Erzeugung gerade hoch ist, oder als Kombination aus preis-/PV-optimiertem Laden in Verbindung mit einem Ladeplan.

Die Logik dahinter: Nutzer geben eine Präferenz vor – und die App optimiert innerhalb dieses Rahmens. Das soll die Automatisierung alltagstauglich machen, statt dass Kundinnen und Kunden "permanent Preise beobachten oder Push-Nachrichten abarbeiten", erläuterte Jakob Kungel, Mitgründer und CRO der Zählerfreunde, im Gespräch mit der ZFK. DEW21 setzt bei der App auf eine Partnerschaft mit dem Unternehmen, das vor fünf Jahren gegründet wurde.

Steffen Püschel räumt der neuen App sehr gute Chancen im Vertrieb ein.Bild: @ DEW21

Die Anwendung ist keine Spielerei und soll helfen, die Hürde zu senken, damit Kund:innen nicht ständig manuell nachsteuern müssen.

Steffen Püschel

Leiter Sales & Operations bei DEW21

Soft Opening geplant

Der Rollout der App soll gestaffelt erfolgen: Geschäftskunden würden bereits umgezogen, bei Privatkunden sei ein "Soft Opening" geplant, weil das Produkt "massentauglich" sein müsse. Steffen Püschel, Leiter Sales & Operations bei DEW21, nennt als Vision eine nahtlose Customer Journey – etwa per QR-Code auf verkauften Wallboxen: einmal scannen, App laden, Geräte verbinden. Damit soll aus der App ein dauerhaftes Bindungsinstrument werden – auch wenn der große Massenmarkt für Flexibilitätsprodukte noch auf sich warten lässt.

Zählerfreunde bringt nach eigenen Angaben mehrere Referenzen aus der Stadtwerkewelt mit. Die White-Label-Lösung "für Stadtwerke/Energieversorger gibt es so seit drei bis vier Jahren", sagt Kungel. Genannt werden unter anderem die Stadtwerke Karlsruhe, die Stadtwerke Herne und die EnBW. Insgesamt arbeite das junge Unternehmen mit "über 50 Kunden".

Zunächst setzten Zählerfreunde auf die Entwicklung von Smart-Meter-Anwendungen. "Unser Kernprojekt hat sich so ein bisschen verschoben und bildet eigentlich ziemlich genau das ab, was wir jetzt mit DEW21 zusammen machen" – inzwischen habe sich der Schwerpunkt mit der Marktentwicklung verschoben, sagte er weiter.

White-Label mit Zählerfreunde

Die Anwendung sei keine "Spielerei" und soll helfen, die Hürde zu senken, damit Kund:innen nicht ständig manuell nachsteuern müssen, fügte DEW21-Vertriebschef Steffen Püschel im Gespräch mit der ZFK hinzu.

Bild: @ Zählerfreunde

Smart Meter ist bei der App die wichtigste Kernkomponente.

Jakob Kungel

Mitgründer und CRO der Zählerfreunde

DEW21 verfolgt das Ziel, Privat- und Geschäftskunden mit einer App anzusprechen: "Wir hatten in der Vergangenheit auch schon eine bestehende Lösung, die hat aber in der Form eigentlich nur Geschäftskunden angesprochen", sagte Püschel. Mit der neuen App erhoffe man sich, Privatkunden als "sehr, sehr große und wichtige" Kundengruppe anzusprechen – und neben Zusatzerlösen vor allem die Bindung zu stärken und die Angebote von DEW21 stärker zu verankern.

Daten in Echtzeit – und "echte Preise"

Kungel beschreibt den Ansatz als zentrale Bündelung: Ziel sei, dass der Kunde nicht "eine App für sein E-Auto, eine weitere für seinen Wechselrichter und so weiter" brauche, sondern "das Ganze in einer Anwendung zusammenfasst". In der Anwendung lassen sich pro Objekt mehrere Geräte anbinden – von intelligenter Steckdose über E-Auto und Wallbox bis hin zu Wärmepumpen.

Grundlage ist die Messdatenerfassung über Smart Meter: "Smart Meter ist hier die wichtigste Kernkomponente", sagte Kungel. Die App kann laut seiner Darstellung je nach Gerät fast in Echtzeit anzeigen, was Verbrauch und Einspeisung kosten beziehungsweise vergüten. Besonders hebt er hervor, dass es nicht bei Börsenpreisen bleibt, sondern die "echten Preise" aufzeigt – also mit Mehrwertsteuer, Netzkosten, Abgaben und Gebühren. Die Netzentgelte seien dabei regionalisiert und "auf eine bestimmte Postleitzahl und sogar einzelne Straßenzüge zugeschnitten".

Neben der Anzeige soll die Steuerung der Hebel für den Mehrwert sein. Denn wenn das System den Ladevorgang verschieben kann, wird Flexibilität überhaupt wirtschaftlich. "Wenn man jetzt hier flexible Geräte hat, das E-Auto dann lädt, wenn die Börse günstig ist, kann man sich echt super viel einsparen", sagte Kungel.

Kompatibilität als Erfolgsfaktor

Ob der Ansatz im Alltag überzeugt, hängt aus Sicht der Beteiligten stark von der Geräteabdeckung ab. Alles stehe und falle damit, dass möglichst alle Geräte integrierbar sind, sagte Kungel. Sonst würden Nutzer wieder zu mehreren Apps greifen – "und dann brauchst du die zweite App und die dritte App". Sein Unternehmen habe jüngst ein großes Update mit "über 100 weiteren Herstellern" und "über 1000 Geräten/Varianten" integriert.

Püschel bestätigt: Genau diese breite Anbindung war ein Auswahlkriterium. In der Vergangenheit sei man bei komplexen Geschäftskunden-Set-ups "immer an unsere Grenzen gestoßen" – etwa bei Photovoltaik, Elektromobilität und Fuhrparks.

BildBild: @ DEW21

Wenn wir Lastgänge woanders bestellen müssen, dann fallen da auch immer Kosten an.

Marcel Meckbach

Projektleiter bei DEW21

Für Geschäftskunden kommen zusätzliche Funktionen hinzu. Püschel spricht von Auswertungen und Benchmarks, die "auf ISO 50001-konform" ausgerichtet seien, sowie von Benachrichtigungen bei drohender "Spitzenlast". Zudem gebe es ein Reporting, bei dem man sich "einmal im Monat" einen Nachhaltigkeitsbericht zuschicken lassen könne.

Vertrieblicher Nutzen und Pricing

DEW21 und Zählerfreunde planen, die App auch als Dienstleistung zu bepreisen – mit differenzierten Modellen. Marcel Meckbach, Projektleiter bei DEW21, verweist darauf, dass bei der Beschaffung von Lastgängen über Dritte Kosten entstehen: "Wenn wir Lastgänge woanders bestellen müssen, dann fallen da auch immer Kosten an". Daher könne man das Angebot nicht generell kostenfrei anbieten. Für Unternehmenskunden sei es ohnehin kostenpflichtig, für Privatkunden werde es "auch eine kostenpflichtige Variante geben", in der dann das Steuerungsmodul enthalten sein werde.

Meckbach nennt eine Größenordnung: "Geplant, dass wir um die 9,50 Euro für Privatkunden nehmen." Gleichzeitig werde man Staffelungen brauchen: Wer "ein E-Auto, Speicher, eine Photovoltaikanlage" habe, profitiere eher als ein Mieter, der "nur einen Lastgang sehen möchte". Denkbar seien auch Anreizmodelle – etwa, dass DEW21 bei PV- oder Wallbox-Produkten die Nutzung zeitweise über eine "Gutscheinlogik" ermögliche.

Die Partner ordnen die App als strategische Investition ein – auch wenn dynamische Tarife heute noch ein Nischenmarkt seien.Bild: @ DEW21

Kundenschnittstelle sichern

Beide Gesprächspartner ordnen die App als strategische Investition ein – auch wenn dynamische Tarife heute noch ein Nischenmarkt seien. "Ehrlicherweise ist das immer noch zukunftsvisionär ausgerichtet", sagte Püschel. Zudem sei in Dortmund der Idealtypus – Smart Meter, PV, Speicher, steuerbare Verbraucher – nicht überall gegeben.

Die Nachfrage nach dynamischen Tarifen bezeichnet Püschel als "überschaubar" Viele Kunden hätten in der Krise die hohe Preisvolatilität erlebt und seien in Langfristverträge zurückgekehrt. Für DEW21 seien diese Tarife daher "nicht unser Brot-und-Buttergeschäft". Trotzdem müsse man "bereit sein", sonst gingen die digital-affinen Kundengruppen an Wettbewerber.

Kungel formuliert den Kern der Motivation so: Stadtwerke müssten "ein schönes digitales Angebot" haben, um die Kundenschnittstelle nicht zu verlieren. Es gehe darum, "für die Zukunft eben diese Kundenstelle kontrollieren" zu können – und damit später zusätzliche Funktionen aufzubauen, "nicht nur Home-Energy-Management-System (HEMS) und die Datenaggregation, sondern dann auch Richtung Intraday-Trading".

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