365 Tage, 24 Stunden sichere Wasserversorgung und Abwasserentsorgung hat in Deutschland fast schon den Status eines Grundrechtes. Besonders aufregend scheint es in Ihrer Branche nicht zuzugehen, oder?
Gunda Röstel: Aufregung ist kein Qualitätsnachweis, sondern eher ein Signal, dass man die Aufgabe nicht besonders beherrscht. Für die Wasserwirtschaft gilt jedenfalls, dass uns um diesen Status hoher Versorgungssicherheit und Qualität ein großer Teil der Welt beneidet. Dieser Status fällt dabei nicht einfach vom Himmel. Ein hochentwickelter Stand der Technik, gut qualifizierte Mitarbeiter in leistungsfähigen Unternehmen und im Großen und Ganzen auch passfähige rechtliche Rahmen bilden hierfür die Grundlagen. Und allein in diesem Kerngeschäft muss man dranbleiben.
Was meinen Sie damit?
Tausende Kilometer Leitungen, Anlagentechnologien in -zig Wasserwerken und Kläranlagen sind instand zu halten, zu erneuern, gegebenenfalls zu erweitern oder neu zu errichten. Substanzwerterhalt ist Daueraufgabe. Darüber hinaus kommen aktuell ständig Themen hinzu, die nicht nur kostenseitig eine Herausforderung sind. Hierzu gehören seit einigen Jahren die zusätzlichen Aufwendungen in der Trinkwasseraufbereitung durch Nitratbelastungen der Landwirtschaft, was es bis zum Vertragsverletzungsverfahren seitens der EU gebracht hat, der komplette Umbau der Klärschlammentsorgung, um die Voraussetzungen für Phosphorrecycling zu schaffen oder die spannende Debatte um Spurenstoffe.
Ihr Unternehmen, die Stadtentwässerung Dresden, hat viel unternommen, um Nachhaltigkeit zu verankern und den CO2-Ausstoß zu senken. Was genau wurde umgesetzt?
An erster Stelle steht ein langfristig wirksames Energiekonzept. Schon vor über zehn Jahren setzten wir mit dem Programm Energie 21 klare Ziele – Optimierung in Richtung Energieeffizienz und Substitution konventioneller Energieträger. In diesem Kontext haben wir beinahe jeden relevanten Prozess umgedreht und zahlreiche Maßnahmen und Ideen unserer Mitarbeiter umgesetzt. Mit der Eigenerzeugung von Energie über Geothermie, Solar, Wärme aus dem Kanal, Wasserkraft und allen voran die Energiegewinnung aus der Faulung von Klärschlamm nähern wir uns der autarken Versorgung. Damit einher gingen nicht unerhebliche Investitionen, allein für unsere Faulungsanlage rund 45 Mio. €. Im Gegenzug sinken Energieeinkauf und CO2-Emissionen. Inzwischen sparen wir jährlich über 10.000 t CO2 ein. Im Klimaschutzkonzept unserer Stadt spielen wir deshalb ganz vorn mit. Wir sind auch Partner der Landeshauptstadt, wenn es um die Bewältigung anderer wichtiger Herausforderungen geht, etwa den Umgang mit extremen Wetterereignissen. Das erste Jahrhunderthochwasser 2002 war uns da eine harte Lehre.
Was war passiert?
Um es kurz zu machen, Land unter und wenn ich mir heute die Bilder anschaue, die nicht nur Dresden, sondern auch viele andere Städte in der Region betroffen haben, dann stehen mir immer noch die Haare zu Berge. Wir hatten allein als Stadtentwässerung einen Schaden von über 50 Millionen Euro zu beklagen. Niemand hatte mit einem solchen Hochwasser gerechnet und auch die Katastrophenpläne waren damals verstaubt. Dies hat sich in der Zwischenzeit fundamental geändert. Beim dritten Jahrhunderthochwasser 2013 mit einem ähnlichen Pegelstand betrug der Schaden in unserem Unternehmen "nur noch" zwei bis drei Millionen Euro. Dazwischen wurde die Zusammenarbeit mit der Landeshauptstadt und dem Umland, mit unseren tschechischen Nachbarn und dem Katastrophenschutz auf Vordermann gebracht. Die jährlichen Hochwasserschutzübungen sind inzwischen fast schon ein sportliches Event geworden. Darüber hinaus investierten wir fast 30 Millionen Euro in Rückhaltebecken, Hochwasserschutzpumpwerke, mobile Schutzwände oder Anlagentechnologien, die Flexibilität ermöglichen, um den zunehmend extremen Wetterereignissen besser Paroli bieten zu können. Dies wird ein Punkt sein, der sich vor dem Hintergrund der klimatischen Veränderungen eher noch verschärft und deshalb weitere Anforderungen an uns stellt. Im nationalen Wasserdialog des Umweltministeriums kommt diesem Thema deshalb zu Recht hohe Bedeutung zu.
Ob durch extreme Wetterereignisse, durch Hacker oder Spannungsprobleme, als Folge der Energiewende – wie gehen Sie mit einem sogenannten Blackout um?
Klar haben wir uns als kritische Infrastruktur seit mehreren Jahren intensiv mit der Herausforderung Blackout auseinandergesetzt. Unter Federführung erfahrener Ingenieure der Stadtentwässerung entstand am Ende ein Blackouthandbuch, was unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ebenso wie der Geschäftsführung einen ineinandergreifenden Handlungsplan vorgibt, der das größte Risiko, den Ausfall der Kläranlage, vermeiden soll. Ähnlich wie im Hochwasserschutz üben wir inzwischen Echtsituationen.
Eine andere Herausforderung ist auch das Thema Digitalisierung. Wie gehen Sie damit um?
Zunächst kann ich feststellen, dass wir hier sehr viel weiter sind, als die meisten glauben. Schon vor Jahren haben wir unter dem Stichwort "Automatisierung" die Fernsteuerung und Überwachung unserer Anlagen eingeführt. Mit Erfolg! Darüber hinaus gehört es längst zum Alltag, dass die Rechnungen im Workflow digital durchlaufen, Projekte auf SharePoint-Plattformen gemeinsam bearbeitet werden oder die Techniker bei Außeneinsätzen im Anlagen- oder Netzbereich ihre Tätigkeiten ganz unmittelbar über mobile Endgeräte in’s GIS eintragen.
Froh bin ich jedoch, dass die Wasserwirtschaft nicht der First-Mover in dieser Entwicklung sein muss, inklusive der Blessuren, die man sich bei dem einen oder anderen Trend abholen kann. Aktuell arbeiten wir mit Volldampf an der Umsetzung einer zukunftsweisenden IT-Strategie, die im Grundsatz auch unseren Umgang regelt. Eines der Achtungsschilder dabei heißt Standard vor zusätzlichen Bastellösungen. Dies ist eine Frage der Komplexitätsreduzierung, der Beherrschbarkeit und der Kosten. Und über allem steht auch hier die Sicherheit unserer Daten, ein Thema, was ohne Sensibilisierung unserer Mitarbeiter nicht zu gewinnen ist.
Noch ein anderes Stichwort ist der Fachkräftemangel. Haben Sie schon Probleme, Ihre Stellen nachzubesetzen?
Da, wo wir früher 50 oder 100 Bewerbungen pro Stelle hatten, ist dies in den unteren zweistelligen Bereich geschrumpft, sodass sich die Auswahl inzwischen deutlich verengt. Auch für uns gilt deshalb, dass wir vor allem die jüngeren Menschen dort abholen, wo sie sind. In einer Welt, die zunehmend digitaler ist und in welcher "Zeit haben" oft mehr bedeutet als Geld haben oder ein Auto besitzen. Angebote zur Flexibilisierung der Arbeitszeit, zum Gesundheitsmanagement, zur Unterstützung bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, interessante Projektarbeit, beispielsweise auch im Rahmen des einen oder anderen internationalen Einsatzes, oder die Prägung einer positiven Arbeitgebermarke, helfen uns hoffentlich auch in Zukunft, motivierte Mitarbeiter zu finden. Als Ausbildungsunternehmen und darüber hinaus in enger Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Dresden, die über einen beeindruckenden Siedlungswasserwirtschaftsbereich verfügt, sind wir, so hoffe ich jedenfalls, nicht schlecht aufgestellt, den Wettbewerb um kluge Köpfe und fleißige Hände auch zukünftig zu bestehen.
Internationale Einsätze, was machen Sie da?
Im Netzwerk von German Water Partnership, dem international ausgerichteten Wasserverband mit rund 360 Unternehmen aller Sparten sowie wissenschaftlichen Institutionen, bauen wir beispielsweise gerade eine duale Ausildung zur Fachkraft für Abwassertechnik in Vietnam auf, an der Seite der GIZ. Zudem wollen wir im Herbst mit dem BMZ und in Partnerschaft mit dem VKU ein neues Format in der Entwicklungshilfe schaffen, was es kommunal gehaltenen Betreiberunternehmen ermöglicht, ihr Know-how international anzubieten. Im globalen Wassersektor sind wir gut beraten, dieses Erfahrungswissen viel stärker als bisher einzubinden.
Ganz zum Schluss noch. Was würden Sie jungen Menschen sagen, um sie für die Wasserwirtschaft zu begeistern?
Wasser ist Leben und deshalb macht die Berufstätigkeit in diesem Bereich Sinn, Sinn, Sinn. Die Versorgung mit Trinkwasser und die Entsorgung und Aufbereitung der Abwässer bleibt dabei immer eine regionale oder lokale Aufgabe, sodass sich Beruf und Familie, feste Freundeskreise und ein stabiles Umfeld gut entwickeln können, das ist Lebensqualität. Technologisch wie kaufmännisch erwarten junge Menschen spannende Aufgaben von der digitalen Steuerung unterirdischer Netze bis zur Finanzierung großer Investitionsvorhaben. Und nicht zuletzt, wer etwas für die Umwelt tun will, der kann dies in der Wasserwirtschaft verwirklichen.
Vita:
Gunda Röstel arbeitet als diplomierte Sonderpädagogin nach ihrem politischen Engagement als Parteivorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen seit 2000 im Wasserwirtschaftsbereich. Sie gehört zu den Mitbegründern von German Water Partnership. Im BDEW leitet sie seit vielen Jahren den Wirtschaftsausschuss und ist Mitglied im "Erweiterten Fachvorstand" sowie ständiger Gast im Bundesvorstand. Die Prokuristin der Gelsenwasser AG sowie Geschäftsführerin der Stadtentwässerung Dresden GmbH ist außerdem als Hochschulratsvorsitzende der Exzellenzuniversität TU Dresden tätig. Sie ist Prüfungsausschussvorsitzende der EnBW und Mitglied im Aufsichtsrat der VNG.
Den ersten Teil des Interviews lesen Sie in der aktuellen gedruckten ZfK. Darin geht es um das Thema Spurenstoffe: Etwa mit welchen Maßnahmen sich diese, verursacht von Landwirtschaft und Pharmazie, reduzieren lassen könnten. Und was Frau Röstel besonders in Rage bringt. Das Abo finden Sie hier.
